Zappeln, stören, Trotzkopf?

Der zehnjährige Julian besucht die 4. Klasse Volksschule und sticht im Unterricht immer wieder hervor. Er fängt mit der Lösung von mathematischen Textaufgaben an, ohne sie durchgelesen zu haben. Und wenn er sich still beschäftigen soll, steht er plötzlich auf und rennt im Klassenzimmer herum. Julian leidet unter der sogenannten „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung“, kurz ADHS genannt, hinter der sich eine der häufigsten psychiatrischen Erkrankungen unter Kindern und Jugendlichen verbirgt. In Österreich sind etwa fünf Prozent aller Kinder von ADHS betroffen, weltweit schwanken die Prävalenzraten laut Univ.-Prof. Dr. Max Friedrich, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, aufgrund unterschiedlicher Diagnoseschemata zwischen 1,9 und 17 (!) Prozent. Buben weisen ADHS viermal häufiger als Mädchen auf. „Da Buben grundsätzlich mehr nach außen hin reagieren und vulnerabler sind, fallen die spezifischen ADHS-Eigenschaften eher auf“, erklärt Primar Dr. Klaus Kranewitter, Ärztlicher Leiter des Ambulatoriums für Entwicklungsdiagnostik in Salzburg. Kinder mit ADHS machen sich mit drei Kardinalsymptomen bemerkbar: „Sie sind unaufmerksam, überaktiv und impulsiv“, so Ass.-Prof. Dr. Brigitte Hackenberg, Ärztliche Leiterin des Klinischen Kompetenzzentrums Psychosomatik in Wien.

Knackpunkt Schule. Bereits im Säuglingsalter sind manche ADHS-Kinder auffällig. Sie haben oft Ess-/Schlafprobleme und zappeln wild herum. Im Kindergarten werden die Sprösslinge entweder aggressiv und sprunghaft oder antriebslos und verträumt. Sie können selten bei einer Aufgabe bleiben und sind dauernd in Bewegung. Deutlich wird ADHS schließlich bei Schuleintritt. Den Taferlklasslerln fällt es sehr schwer, still zu sitzen, zuzuhören, sich zu motivieren und den gestellten Aufgaben ihr ausdauerndes Augenmerk zu schenken. „Die Schule verlangt von den Kleinen genau jene Verhaltensweisen, die Kindern mit ADHS besonders schwerfallen“, so Kranewitter. Und richtet seinen Appell auch an die Lehrer: „Wenn fünf Prozent betroffen sind, sitzt also in jeder Klasse ein ADHS-Kind, d. h. auch Lehrer sollten in ihrer normalen Ausbildung darauf vorbereitet werden, mit diesen Kindern zu arbeiten.“ Lern- und Leistungsprobleme führen schließlich vielfach zu einem mangelnden Selbstvertrauen, wodurch es zu sozialem Rückzug oder zu einer verweigernden Grundhaltung kommen kann. „Mit zunehmendem Alter nimmt die Hyperaktivität ab, während Konzentrationsschwächen im Vordergrund stehen“, meint Dr. Winfried Tröbinger, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie in Graz. Innere Unruhezustände werden von Jugendlichen oft mit starken Reizen wie ohrenbetäubender Musik oder exzessiven Computerspielen „ausgeglichen“. Im Erwachsenenalter ist nur mehr ein geringer Anteil an Menschen von lebensbeinträchtigenden ADHS-Symptomen betroffen. „Etwa 3,5 Prozent“, schätzt Tröbinger und betont, dass das Leben mit ADHS das Berufs- und das Privatleben stark beeinflussen kann.

Wie entsteht ADHS? Wissenschaftlich beschrieben wurde die Krankheit erstmals in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Relativ eindeutig ist, dass erbliche Faktoren eine tragende Rolle bei der Entstehung spielen. „Genetisch ist bei sieben Genen ein Zusammenhang mit ADHS gesichert, wodurch auch die verschiedenen Ausprägungen verständlich werden“, so Tröbinger. Diskutiert werden außerdem Besonderheiten in bestimmten aufmerksamkeits- und steuerungslenkenden Hirnfunktionen. Man geht davon aus, dass ein Dopamin im Raum zwischen den Nervenzellen unzureichend vorhanden ist, wodurch ankommende Signale nicht gefiltert werden können. Die Folge: eine permanente Reizüberflutung. Bekannt ist auch, dass Komplikationen und Belastungen während der Schwangerschaft (z. B. Alkohol- und Tabakkonsum der Mutter) sowie ungünstige psychosoziale Rahmenbedingungen ADHS auslösen können. Und auch wohl überehrgeizige Bezugspersonen des Kindes. „Wir hätten oft am liebsten Lipizzaner reitende Sängerknaben, die nebenbei auch noch mit Mozartkugeln jonglieren. Das ist Überforderung pur“, geht Friedrich bildhaft auf das Problem ein. Vermutlich ist daher eine multifaktorielle Genese, also eine Kombination aus biologischen, psychischen und sozialen Faktoren, die beste Erklärung für die Entstehung von ADHS.

Die Diagnose. Ob es sich tatsächlich um eine ADHS-Erkrankung handelt, kann nur ein erfahrener Kinderarzt, -psychiater oder -psychologe nach fundierten Untersuchungen feststellen. Im Allgemeinen gilt die Regel, dass die Symptomatik bereits vor dem siebenten Lebensjahr vorliegen muss und schon länger als sechs Monate besteht. An der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie muss eine dreiseitige Diagnostik für ein entsprechendes Urteil übereinstimmen: die medizinische, die psychologische und die pädagogische. Friedrich: „ADHS liegt eindeutig vor, wenn alle drei Berufsgruppen, also Ärzte, Psychologen und Pädagogen, zu diesem Schluss kommen. Wünschenswert wäre hier allerdings eine noch stärkere und bessere Kommunikation innerhalb dieser Triade.“ Das würde wohl auch die Gefahr von getroffenen Fehleinschätzungen reduzieren: Eine aktuelle Studie der Ruhr-Universität Bochum (RUB) und Universität Basel belegt, dass ADHS zu häufig und vielfach nur anhand von Faustregeln diagnostiziert wird.

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