Wollen wir das unseren Kindern antun?

Er kommt selbstverständlich mit dem Fahrrad, trägt seine geliebten Skater-Schuhe wie gewohnt mit offenen Schuhbändern und ist Österreichs lässigster Umweltmediziner. GESÜNDER Leben befragte Hans-Peter Hutter zu den dringlichsten Krisen unserer Zeit.

Hans-Peter Hutter (58), OA Assoc.-Prof. Priv.-Doz. Dipl.-Ing. Dr., der breiten Öffentlichkeit während der Pandemie als Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie bekannt geworden, hält die derzeitigen Maßnahmen zur Eindämmung der Klimakrise für ungenügend und mahnt unermüdlich mehr politisches Bewusstsein ein. Die Hauptkompetenz des Experten – Markenzeichen: Hawaiihemd – liegt im einfachen, aber wissenschaftlich fundierten Informieren der Bevölkerung über Umweltrisiken und deren Vermeidung. Ungebrochene Leidenschaft seit frühester Jugend: Skateboarden. Lebensmittelpunkt für den jung gebliebenen Vater zweier Kinder (4 Jahre, 9 Monate): seine Familie. 

 

Haben wir in puncto Umweltbewusstsein etwas gelernt durch die Corona-Krise? Fangen wir mit dem Positiven an. Stichwort Geschäftstreffen: Ich fliege in der Früh nach Berlin für eine kurze Besprechung – das wird sich aufhören. Der Umgang mit digitalen Kommunikationsformen ist mittlerweile so eingeübt, dass man etliche solcher Termine auch mittels Videokonferenz erledigen kann. Das ist auch ein ökonomischer Vorteil für die Firmen und es ist gut für die Umwelt. Positiv sehe ich auch den Trend zum Fahrrad. Unabhängig welches, auch E-Bike. Wenn man einmal auf einem Fahrrad sitzt – da spreche ich auch aus eigener Erfahrung – bleibt man dabei. Man spart damit Zeit und es ist eine tolle Gelegenheit, das Bewegungspensum in den Alltag zu integrieren. Das sind einmal zwei Punkte – darüber freue ich mich eh … 

Aber es gibt auch einige negative Aspekte? Ja, leider jede Menge, bleiben wir gleich bei der Mobilität. Negativ ist auf jeden Fall der Einbruch bei den Öffis. Viele haben ja während der vergangenen eineinhalb Jahre gesagt: Ich fahre nur mehr mit dem Auto, da bin ich sicher vor dem Virus. Das hat sich jetzt durchgesetzt und Öffis werden immer noch oft gemieden, was aus unserer Sicht gar nicht notwendig ist. Das Infektionsrisiko in öffentlichen Verkehrsmitteln kann ich tatsächlich als gering bezeichnen. Ein weiteres Problem für die Umwelt ist exzessive Verwendung von Desinfektionsmitteln. 

Aber sollen wir nicht vermehrt auf Hygienemaßnahmen achten? Ja, schon, aber da reicht gründliches Händewaschen mit Seife. Außer vielleicht in Ausnahmefällen, im Gesundheitsbereich, natürlich bei Kontakt mit Infizierten. Aber dass man überall in einem übertriebenen Ausmaß desinfiziert, schützt weder mehr vor Infektionen noch ist es gut für die Umwelt. Ein weiterer Punkt ist der enorme Konsum an Einwegmaterialien. 

Hat die Pandemie die Plastikflut angeheizt? Auf jeden Fall! Alleine was während des Lockdowns an Gebinden weggeschleppt wurde. Auch der Backlash „Plastik ist gut“, weil es die Ware vor Kontamination schützen soll. Oder der Gebrauch von Plastikhandschuhen. Auch das ist völlig überzogen betrieben worden. Das ist ja nicht nur bei uns so, sondern weltweit ein Problem, vor allem die nicht sachgerechte Entsorgung. Stichwort Plastikflut in den Meeren. 

Wegen der Beschränkungen sind wir viel weniger mit dem Auto gefahren und haben weniger Ressourcen verschwendet. Ist das nicht ein Vorteil? Ja, in diesen Wochen ist wirklich weniger Co2 emittiert worden, aber das hat ja schon wieder aufgehört. Es ist leider nur ungefähr so, wie wenn ich jahrelang zu viel Zucker esse und dann eine Woche damit aufhöre. Die Probleme werden damit nicht gelöst, sondern nur kaschiert. Weder die Klima- noch die Biodiversitätskrise („Anm. d. Red.: Verlust der biologischen Vielfalt) war auf Urlaub. Daher sehe ich jetzt den riesen Auftrag, dass man diese Themen, Stichworte: Umweltauflagen, Erreichen der Klimaziele, wieder in die Ernsthaftigkeit bringt und sich seitens der Politik nicht durch Argumente aushebeln lässt, wie: Na das können wir uns jetzt nicht leisten! 

Ein Phänomen im Lockdown war leider, dass sich durch vermehrte Ausflüge in die Naherholungsgebiete Müllberge angesammelt haben – um die Hauptstadt etwa in den Weinbergen. Stimmt, Littering hat enorm zugenommen. Um zu verstehen, dass das nicht in Ordnung ist, braucht man nicht die Ausbildung eines Quantenphysikers – da sollte das Gespür für Verantwortung reichen. Es geht nicht um die Umwelt allein, isoliert, sondern um uns alle. Denn wir hängen ja von der Umwelt, in der wir leben, ab. Sie ist unsere Lebensgrundlage! 

Sie erklären u.a. aus diesem Ungleichgewicht auch die Entstehung des neuen Corona-Virus? Es ist sehr wichtig, dass wir sehen, was die Ursachen dieser Pandemie sind und wie wir sie bekämpfen können. Die größten Krisen unserer Zeit – Erderhitzung, Pandemie, Artensterben u.v.m. – entstanden eigentlich aus den selben Gründen, allen voran dem Raubbau am Ökosystem. Und man muss sich fragen: Wie gehen wir mit Lebewesen um? Dürfen wir die Natur weiterhin maßlos ausbeuten, nur, weil wir es können? Dem muss raschest ein Riegel vorgeschoben werden. Dafür sind die Politiker verantwortlich – und wir als Wähler müssen sie unterstützen. 

Welche Chancen haben wir, um die Klimakrise in den Griff zu bekommen? Alle Maßnahmen müssen wir jetzt sofort ergreifen. Es steht uns nur mehr ein Fenster von ein paar Jahren zur Verfügung, um die Folgen abzuschwächen – ich kann gar nicht mehr sagen: zu verhindern. Danach drohen Kippeffekte, dann werden wir das Problem nicht mehr wirklich lösen können. Wir sollten die aktuelle Betroffenheit nützen, um zu sagen: So ein Szenario wollen wir unseren Kindern ersparen.

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