Wollen Sie 150 Jahre alt werden?

Aber nur, wenn es bei guter Gesundheit geschieht, werden wohl die meisten von uns sagen. Die weltweite Forschung verspricht uns das schon in baldiger Zukunft.

Für die Mehrheit der Österreicher ist das Altwerden an sich keine große Sache, über die man sich aufregen müsste und der man durchaus mit Gelassenheit entgegenblicken kann. Graue Haare, Fältchen oder Wehwehchen werden noch weitgehend akzeptiert. Wenn es nur nicht mit dem Nachlassen bestimmter Fähigkeiten einhergehen würde! Das Online-Markt- und Meinungsforschungs-Institut „marketagent.“ führte dazu eine Befragung durch. Die meiste Angst besteht wenig überraschend bei mehr als jedem zweiten Teilnehmer (58%) vor Krankheit und Gebrechlichkeit, gefolgt von Verlust geistiger (51,5%) und körperlicher (42%) Fitness. Dennoch freut sich fast jeder Fünfte sogar auf das Älterwerden, ist es doch mit dem wohlverdienten Ruhestand verbunden, in dem man seine sozialen Beziehungen wieder vermehrt aufleben lassen möchte, Zeit für persönliche Interessen, Hobbys, Reisepläne und Weiterbildung hat. Die durchschnittliche Lebenserwartung in unserem Land lag 2020 für Neugeborene bei 78,9 Jahre (Männer) bzw. 83,7 Jahre (Frauen). Tendenz steigend. Kein Wunder, dass weltweit daran geforscht wird, Alterungsprozesse aufzuhalten oder zumindest zu verzögern, damit wir aktiv bleiben können. „Lange Zeit ein Stiefkind der Forschung, arbeiten bei Google derzeit einige der bekanntesten Genetiker der Welt mit einem Startkapital von 1-2 Milliarden Dollar daran, das Leben zu verlängern, indem sie Daten aus der Natur sammeln, in Korrelation setzen und das Wissen darüber verknüpfen. Das erfolgreichste Start-up ist eines zum Thema Alzheimer, mitgegründet von der Charité in Berlin“, berichtete der deutsche Bestseller-Autor Thomas Schulz („Was Google wirklich will“), Experte für digitale Transformation in der Medizin, bei einem Vortrag in Wien. Eine Lebenserwartung von 120 bis 150 Jahren gilt als machbar. Dazu gehören auch computergestützte Diagnose-Tools und der Einsatz künstlicher Intelligenz. Schulz: „Wir sprechen hier nicht von Zukunftsszenarien, die Basistechnologien für die meisten medizinischen Anwendungen sind bereits gelegt. Ein Beispiel wäre etwa Liquid Biopsy, die Krebserkennung aus dem Blut.“

Blutprobe zur Krebserkennung

Das klingt tatsächlich wie aus einem Science-Fiction-Roman: Man nimmt eine Blutprobe, schickt sie ins Labor und heraus kommt der aktuelle Krebsstatus. Die Anwendung beruht auf einem Verfahren, das in Körperflüssigkeiten wie eben Blut, aber auch Speichel und Urin, genetische Bestandteile („Tumor DNA“) oder frei zirkulierende Krebszellen aufspürt, also eine Flüssigkeitsbiopsie. Werden diese Bestandteile der Probe biochemisch analysiert, können sogar Rückschlüsse auf Art und Aggressivität des Tumors gezogen werden. Langfristig steht im Raum, damit die schmerzhafte und invasive Gewebebiopsie zu ersetzen, für die ein Eingriff notwendig ist. So ein Bluttest kann jetzt schon etwa zur Früherkennung von Brustkrebs als Ergänzung bildgebender Diagnostik wie Mammografie, Ultraschall und Magnetresonanz (MRT) herangezogen werden. Aus dem Urin lässt sich unter Einbeziehung anderer klinischer Parameter wie PSA-Wert, Prostatagröße, Alter und familiäre Belastung das Risiko für Prostatakrebs bei Männern vorhersagen. Screenings im Sinne von Vorsorgeuntersuchungen ergeben sich daraus jedoch (noch) nicht.

Organe aus dem 3-D-Drucker

Aus menschlichen Zellen bestehende „Biotinte“ kann Lebergewebe gefertigt werden. An der Harvard Medical School ist es bereits möglich, Nieren nachzudrucken. Dafür verwendet man im Labor nachgebautes Gewebe. Das geschieht alles vollautomatisiert mittels hochspezialisierter Computerprogramme. Künstliche Intelligenz darf man sich hierbei nicht als menschengleiche Roboter mit Bewusstsein vorstellen, sondern als Strukturierung großer Datenmengen. Dadurch werden Muster erkannt, die der menschlichen Wahrnehmung entgehen. In den USA arbeiten große Spitäler bereits mit Diagnose-Apps, welche Daten aus einem CT-Scan des kardiovaskulären Systems eines Patienten direkt zeitgleich während der Untersuchung analysieren und den sofortigen Handlungsbedarf aufzeigen. Derzeit wird noch mittels herkömmlicher Therapien eingegriffen, schon bald durch Gensequenzierung, womit sich ein Großteil der Herzinfarkte ganz verhindern ließe.

Die biologische Uhr zurückdrehen

Trainierte 70-Jährige laufen 50-jährigen Bewegungsmuffeln locker davon. Denn Kraft- und Ausdauertraining hat auf beinahe alle Körperfunktionen positive Auswirkungen. Mit Langzeit-Training lassen sich sogar die Gene gegenüber unsportlichen Menschen um bis zu 10 Jahre verjüngen. Training vermag das Brust- und Darmkrebsrisiko um 30 % zu senken und schützt vor Typ-2-Diabetes, weil es der Insulinresistenz entgegenwirkt. Auch Alzheimer kann man davonsprinten (bis zu 60% geringeres Risiko, wenn man schon ab dem frühen Erwachsenenalter auf Fitness achtet). Und sogar bei bestehender Demenz ist es möglich, zumindest den Verlauf der Gehirnerkrankung zu bessern. Je weniger wir uns bewegen, desto früher schleichen sich altersbedingte Veränderungen ein, allein schon dadurch, dass sich vermehrt Fett im Bauch einlagert (auch bei an sich Schlanken). Fett fördert z.B. die Entstehung von Stoffen, die Entzündungen begünstigen. Bereits ab dem 50. Lebensjahr verliert der Mensch im Durchschnitt etwa ein bis zwei Prozent seiner Muskelmasse pro Jahr. Doch Muskeln sind ein Leben lang trainierbar. Sie senden eine Vielzahl an Botenstoffen (Myokine) aus, die schlank halten, entzündungshemmend wirken. Zytokine hingegen, die Entzündungen anfeuern, werden abgesenkt. Daher spielt die Ernährung eine tragende Rolle beim Alterungsprozess und das beginnt bei der intakten Mikroflora im Darm. In vorgerückten Jahren sollten die Speisen eiweißreicher sein (1 bis 1,5 Gramm Protein pro Kilo Körpergewicht pro Tag). Besser verwertet wird tatsächlich tierisches Eiweiß – am besten aufgeteilt auf drei Portionen a 15 bis 20 Gramm pro Tag. Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren aus Fisch und Leinöl wirken Muskelabbau entgegen. Fette sollten überwiegend pflanzlicher Herkunft sein. Dies und noch einige weitere Parameter (siehe Kasten), verzögert die Verkürzung der Telomere, der Endstücke unserer Chromosomen (Erbgutfäden). Der Abbau dieser Abschnitte ist ein natürlicher Prozess, der bei der Geburt beginnt. Bereits mit 40 Jahren hat sich deren Länge um ein Drittel verringert. Das geht so lange, bis es zum Zelltod kommt und zeigt sich zunächst an grauem Haar, welker, trockener Haut, später in Organschädigungen und typischen Alterserkrankungen bis hin zu Demenz. In der Dermatologie ist „Anti-Aging“ längst angekommen. Dabei geht es aber um mehr als Schönheitsklischees, sondern in erster Linie um Gesunderhaltung, etwa bei der Krebsvorsorge, aber auch Entfernung von störenden Hautveränderungen. Dr. Marie-Therese Kasimir, FA für Herzchirurgie, Dermatologie und Ästhetische Medizin aus Wien, gebraucht dafür das aussagekräftigere Wort „Well-Aging“: „Wie ein Personal Trainer erstellt man individuelle Skin Fitness-Pläne für die Patienten, angepasst an die Bedürfnisse der Haut.“ Ein wichtiger Faktor besteht in der Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung von Lebensqualität. Denn Wohlgefühl ist ein echter Jungbrunnen!

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