Wohin mit deiner Wut?

Erik, 14, kommt mit einem blauen Auge nach Hause. Seine Mutter ist schockiert: „Was ist passiert? Wer hat das gemacht?“ – „Ich war mit Hannah im Einkaufszentrum“, berichtet er, „plötzlich war da diese Gruppe von Burschen, sie sind uns zuerst nachgegangen, dann habe ich mein Handy aus der Tasche genommen, weil ich Hilfe holen wollte, und plötzlich haben sie mich niedergeschlagen.“ Leider hört man immer wieder von solchen Zwischenfällen, und die Brutalität nimmt zu. Woran liegt das?

Experten nennen als ersten Grund eigene Gewalterfahrungen der Jugendlichen: Wer von klein auf beobachtet, dass Familienmitglieder einander körperlich oder verbal misshandeln, lernt keine bessere Strategie kennen, um mit Konflikten umzugehen. Seine Gewaltbereitschaft steigt – oder er zieht sich zurück und wird selbst immer wieder Opfer.

Als weiterer Grund gilt der Stil einer Gesellschaft, in der Macht oft sichtbar ausgespielt wird. Wie in der Familie mangelt es auch hier an Respekt und Wertschätzung, zum Beispiel gegenüber Randgruppen. An sozialem Ansehen gewinnt, wer andere heruntermacht. Jugendliche beobachten das und kopieren es umso stärker, je schwächer sie sich fühlen. Nicht zuletzt hoffen sie, so die Gunst ihrer Vorbilder zu erlangen. Das Entstehen extremer Jugendkulturen und gewaltbereiter Jugendgruppen lässt sich zum Teil damit erklären. Abwertung, Zynismus, Gleichgültigkeit – das alles hat in der Erziehung nichts zu suchen. Jugendliche müssen sich, samt ihren entwicklungsbedingten Aggressionen, ernst genommen fühlen. Wenn sie zu wenig Zuwendung bekommen, erkämpfen sie sich diese, indem sie Leistung verweigern, krank werden oder zerstörerisch handeln. Manche Eltern sehen „großzügig“ selbst über schwere Grenzverletzungen hinweg. Und erreichen damit das Gegenteil des Gewünschten. Denn wer nicht gehört wird, muss noch lauter schreien: Vandalistische Akte sind nicht selten Hilfeschreie.

Der 13jährige Dennis hat einen Schulkollegen brutal in den Bauch getreten. Warum er das getan hat, will der Polizist bei der Einvernahme wissen. Dennis schweigt. Er weiß es selbst nicht, empfindet nur Ohnmacht und Ratlosigkeit. Aber dafür hat er keine Worte, weil ihm niemand beigebracht hat, Gefühle zu benennen.

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