Wir ziehen den Hut vor den Patienten!

Krebsverdacht, warten auf eine Diagnose, hoffen auf geeignete Therapie, Zukunftsangst. In Pandemiezeiten mehr als je zuvor. Die beiden Geschäftsführerinnen der Österreichischen Krebshilfe Doris Kiefhaber und Martina Löwe bewundern alle Betroffenen für ihren Mut und berichten über neue Projekte. von Karin Podolak

Bei einem Treffen mit Brustkrebspatientinner an der Alten Donau in Wien haben sich die beiden Expertinnen viel Zeit für alle wichtigen Fragen zum Thema genommen. Zeit, die bei onkologischen Erkrankungen eine wichtige Rolle spielt. Medizinisch wie menschlich. Das Informationsbedürfnis ist enorm! Endlich kann man sich wieder persönlich austauschen – das Wetter erlaubt es, draußen auf der Terrasse zu sitzen. So fühlt man sich mit seiner Krankheit nicht ganz so allein. 

Wie ist die Österreichische Krebshilfe über die Krise gekommen? 

Doris Kiefhaber: Wir haben natürlich auch herausfordernde Zeiten hinter uns, da wir kurzfristig alles, auch die Beratungsstellen, auf digital umstellen mussten und der Bedarf an Betreuung riesengroß war, mehr denn je. Es gab insgesamt 35% mehr Anfragen als sonst. In erster Linie aus der Unsicherheit der Patienten und Angehörigen, wie sich das Corona-Virus auswirken würde. Der richtige Schutz stand zunächst im Vordergrund, aber auch die Angst vor der Nähe, vor Ansteckung, obwohl die Sehnsucht nach anderen Menschen ja ganz stark war und ist. Gleichzeitig waren wir mit etwa 40% weniger Spenden konfrontiert (Anm. der Red.: Alle Leistungen der Österreichischen Krebshilfe stehen kostenlos zur Verfügung. Der gemeinnützige Verein ist auf private Spenden, Firmensponsoring, Projektsponsoring und Eigenmittelaufbringung angewiesen. Eine Basis-Finanzierung durch die Öffentliche Hand ist nicht gegeben). Ein ordentlicher Spagat also . . . 

War es denn überhaupt möglich, wie gewohnt alle Anfragen zu bearbeiten? 

Martina Löwe: Wir weisen natürlich trotzdem niemanden ab! Es ist ganz wichtig, punktgenau zu helfen, genau dort, wo es gerade gebraucht wird. Bei den finanziellen Soforthilfen im Notfall noch mehr. Neben der Sicherstellung der Hilfen für die Patienten ging es auch darum, die Zusammenarbeit unter unseren 10 Vereinen in ganz Österreich effizient weiterzuentwickeln. Denn auch wir befanden uns alle im Homeoffice. Viele Themenbereiche entwickeln sich jetzt auch noch weiter. Es sind so viele Fragen aufgetaucht, die wir niemals zuvor auf unserer To-do-Liste hatten. Doris Kiefhaber: Mit Fortdauer der Situation kam dazu, dass die Menschen auf Vorsorgeuntersuchungen vergaßen oder sich einfach nicht hintrauten. Da stand die Diskussion im Raum: Ab wann können wir wieder appellieren, ab wann können wir es verantworten, Menschen dahin zu schicken? Es hat ja schließlich zu Beginn auch Maskenknappheit und fehlende Schutzausrüstung in Gesundheitseinrichtungen gegeben. So wurde im vergangenen Herbst bereits wieder massiv begonnen, zur Vorsorge aufzurufen. 

Wahrscheinlich gibt es auch viel Unsicherheit bei der Impffrage . . . 

Doris Kiefhaber: Mit Einführung dieser Möglichkeit war das dann das Hauptthema: Soll ich mich impfen lassen, wann komme ich dran? Wir mussten bei der Politik massiv fordern, dass die Hochrisikopatienten vorgezogen und anerkannt wurden. Das hat vor allem unserem Präsidenten Paul Sevelda viele Ressourcen abverlangt, bis dann endlich klar war, dass Krebskranke zumindest priorisiert werden. Die Umsetzung war schleppend … 

Wie sind die Patienten mit der schwierigen Situation umgegangen? 

Doris Kiefhaber: Man muss den Patienten wirklich ein großes Lob aussprechen – wir ziehen den Hut! Gerade die schwer Erkrankten haben ja leider echte Lebenszeit verloren! Eine Zeit, die sie mit einer Bucket List füllen wollten, mit Träumen, die sie verwirklichen wollten. Dabei waren sie de facto eingesperrt, als Risikogruppe besonders, haben sich aber durchwegs verständnisvoll und vorbildlich verhalten. Das war sehr berührend zu erleben und verdient gehörigen Respekt. Martina Löwe: Nämlich auch der Gesellschaft gegenüber. Das war die Gruppe, die wirklich nie geraunzt hat … 

Sind Krebsuntersuchungen bzw. Vorsorgemaßnahmen überhaupt angeboten worden? 

Doris Kiefhaber: Es gab einen Einbruch in den ersten fünf Wochen, z.B. bei der Mammografie. Das ist aber nicht weiter verwunderlich, weil die radiologischen Institute geschlossen waren. Dann fehlten die Schutzanzüge. Das wurde aber aufgeholt. Ähnlich sieht es bei den Darmspiegelungen aus. Hier haben wir einen Rückgang von rund 14%. Zum Rückgang bei Hautkrebs liegen noch keine Daten vor. Martina Löwe: Aber jetzt ist es wieder an der Zeit, zur Früherkennungsuntersuchung aufzurufen bzw. daran zu erinnern. 

Laut Statistik gingen bösartige Erkrankungen zuletzt zurück. Wie erklärt man sich das? 

Doris Kiefhaber: Die aktuellen Daten zeigen zwar einen Rückgang an Krebsleiden, das bedeutet aber nicht, dass es keine gibt, sondern nur, dass sie nicht diagnostiziert worden sind. Das kann man niemandem vorwerfen – es ist einfach eine Auswirkung der Pandemie. Aber jetzt muss wieder vermehrt darauf geachtet werden. Ein Riesenkompliment muss man allen onkologischen Abteilungen in ganz Österreich machen! Wir haben eine Patientenumfrage durchgeführt, wo mehr als 85% der Teilnehmer angegeben haben, dass sie ungehinderten Zugang zu ihren Therapien hatten. Alle notwendigen Operationen wurden durchgeführt, nur solche ohne definitiven therapeutischen Nachteil verschoben, die Strahlentherapie fast zur Gänze beibehalten. Als belastend wurden die Restriktionen im Besuchsrecht angegeben. Ganz ohne Angehörige eine Prognose entgegenzunehmen oder nach einer Krebs-Op aufzuwachen, haben natürlich viele als sehr belastend empfunden. 

Die bewährten Kampagnen sind ja nach wie vor im Gange. Was ist derzeit geplant? 

Martina Löwe: Ja, wir haben unser jährliches Aufklärungs-Programm beibehalten, bringen die Informationen halt „nur“ über Medien und Online. Früher gab es ja viele diesbezügliche Veranstaltungen, Vortragsreihen vor Publikum in ganz Österreich usw. Wir starten immer im März mit der Darmkrebsvorsorge und HPV, im April mit Prostata, im Mai mit Haut und Nichtrauchen, im September folgen die gynäkologischen Krebserkrankungen, im Oktober Brustkrebs und im November noch einmal Prostatakrebs. Das ist auch heuer so geblieben. Doris Kiefhaber: Neu sind die Online Dialoge. Wir fragten im Vorfeld, für welche Themen besonderes Interesse besteht und dann suchten wir die Experten dazu, die life Fragen beantworten, in einen Dialog auf Augenhöhe mit den Patienten treten. Das wird sehr gut angenommen. Daher werden wir diese Möglichkeit auch in Zukunft zusätzlich beibehalten. Jene, die nicht so mobil sind, haben uns rückgemeldet, dass sie jetzt auch vom Wohnzimmer aus teilnehmen können und darüber sehr froh sind. Martina Löwe: Bei den Prostatapatienten hat sich gezeigt, dass die Männer zwar genauso interessiert sind, aber an so einem Angebot einfach nicht so gerne teilnehmen. Daher gibt es für sie Online Schulungen mit allen wichtigen Themen, laienmäßig aufbereitet, zum Downloaden, was sich sehr bewährt. Jetzt im Herbst machen wir zum Beispiel eine solche zum Thema Lifestyle: Ernährung, Bewegung, Sexualität. 

Hat sich etwas im Zugang zu diesem doch gerne verdrängten Thema Prostatakrebs bei den Männern geändert? 

Ja, schon, weil die Krebshilfe gemeinsam mit Urologen gebündelt seit 2015 daran arbeitet, und wir jedes Jahr immer wieder darauf aufmerksam machen. Damals fand zum ersten Mal die „Loose Tie“-Aktion statt. Sie steht für die „gelockerte Krawatte“ als Symbol für einen stressfreien Umgang mit Früherkennungsmaßnahmen. Wir merken nun sehr wohl, dass mehr Männer ab 45 zur Vorsorgeuntersuchung gehen und ihnen ihre Gesundheit wichtiger geworden ist. Schwieriger sind 50-60jährige zu motivieren. Viele wollen es gar nicht so genau wissen. Zudem verursacht Prostatakrebs lange keine Beschwerden. Die gute Nachricht: Im Jahr 2018 wurden bereits um 1000 Fälle pro Jahr mehr entdeckt als die Jahre davor. Es war am Anfang viel schwieriger, darüber zu sprechen, das hat sich sehr gebessert. Aber wir haben noch viel vor. Ich versuche ja jeden Mann zur Vorsorge zu bekehren … 

Als Vorzeigekampagne gilt die Brustkrebsaufklärung. Sind Frauen bewusster im Umgang mit der Krebsgefahr? 

Doris Kiefhaber: Naja, es war auch bei Brustkrebs zu Beginn nicht so einfach, es braucht eben Vorlaufzeiten. Beim ersten Pink Ribbon Event vor 19 Jahren, als ich Frauen eine rosa Schleife anstecken wollte, habe ich sehr oft gehört: Wozu, ich habe ja keinen Brustkrebs! So stigmatisiert war die Krankheit in der Öffentlichkeit. Jetzt steht der Gedanke der Solidarität mit dem Tragen der rosa Schleife ganz selbstverständlich im Vordergrund. Was wir mit den Aktionen immer erreichen wollten, dass sich Frauen nicht verstecken müssen wegen ihres veränderten Aussehens, setzt sich nun immer mehr durch. Dass sie entscheiden können, ob sie Glatze, Tuch oder Perücke tragen wollen. Da hat die 2017 an Unterleibskrebs verstorbene Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser viel zum allgemeinen Bewusstsein beigetragen. Sie hat ein Tabu gebrochen, wo heute noch viele Frauen sagen: „Ich habe das damals gesehen und mir gedacht, wenn sie das macht, stolz eine Glatze tragen, kann ich das auch.“ Für die Patientinnen war das ein Befreiungsschlag und hat uns in unserer Arbeit unglaublich unterstützt. 

Am längsten gibt es das Hautkrebsvorsorgeprogramm „Sonne ohne Reue“, oder? 

Martina Löwe: Ja, seit 1988, das ist unsere langjährigste Vorsorgeaktion. Mittlerweile sieht man keine Babys oder Kleinkinder mehr, die ohne UV-Schutz in der prallen Sonne sind. Auch die kritiklose Nutzung von Solarien gehört der Vergangenheit an. Das war vielleicht nicht nur unsere Kampagne, aber es hat sich hier viel verändert. Wo noch fehlende Akzeptanz bei den Arbeitnehmern vorherrscht, ist Sonnenschutz am Arbeitsplatz, hier setzen wir einen Schwerpunkt, etwa mit gratis Haut-Checks in Firmen. Leider wird Hautkrebs noch nicht als Berufskrankheit anerkannt, auch wenn eine hohe Sonnenexposition damit verbunden ist. Wir fordern hier auf politischer Ebene eine rasche Entscheidung, in Deutschland existiert dies ja schon. auch Österreich sollte hier nachziehen. 

Welche gesundheitspolitische Entscheidung wäre besonders dringlich? 

Doris Kiefhaber: Ganz oben auf der Liste steht, den Kinderwunsch bei Frauen und Männern mit Krebs in jungen Jahren zu berücksichtigen. Es gibt einige Indikationen für die Kostenübernahme einer IVF (In Vitro Fertilisation, künstliche Befruchtung), Krebs gehört nicht dazu. Das sollte aber in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen werden. Es betrifft etwa 100-150 Personen im Jahr, die durch die Chemotherapie zwar geheilt, aber unfruchtbar werden. Ihnen kann man damit ein Familienleben ermöglichen. 

Sind die häufigsten Krebsarten gleich geblieben, oder zeichnet sich hier ein Trend ab? 

Martina Löwe: Die vier Hauptkrebsarten von Brust, Prostata, Lunge und Darm sind immer noch am häufigsten. Blasenkrebs bei Frauen ist leider stark im Kommen. Hier muss mehr Bewusstsein geschaffen werden. Doris Kiefhaber: Es handelt sich bei den genannten Krebsarten aber gerade um solche, wo man mit Früherkennung viel bewirken kann. Wir wissen, dass wir 1600 Menschen im Jahr retten könnten, wenn sie rechtzeitig zum Arzt gehen würden! Damit ist es unser Auftrag und unsere Verpflichtung, diese Kampagnen weiterzuführen. Wo immer es möglich ist, bieten wir auch wieder persönliche Beratung an, vor allem in Krisensituationen.

                                                                                                                  

DIE ÖSTERREICHISCHE KREBSHILFE

1910 unter dem Protektorat des Kaisers gegründet, versteht sich die Krebshilfe damals wie heute als DIE Anlaufstelle für Vorsorge und Früherkennung von Krebs, Hilfe für Patienten und Angehörige sowie Krebsforschung in mehr als 60 Beratungszentren in ganz Österreich. Rund 30.000 Menschen suchen jährlich den Kontakt mit den Beratungszentren der Österreichischen Krebshilfe. Kostenlose und auf Wunsch anonyme Leistungen: 
• Psycho-onkologische Beratung/Begleitung 
• Krisenintervention 
• medizinische Beratung 
• sozial- und arbeitsrechtliche Beratung 
• Ernährungsberatung 
www.krebshilfe.net 

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