„Wir Frauen müssen nicht perfekt sein!“

Claudia Reiterer, Moderatorin des ORF-Servicemagazins „heute konkret“, lernen wir beim Interviewtermin als eine selbstbewusste, humorvolle und vielschichtige Frau kennen, die sich mit aller Kraft wehrt, in Schubladen gesteckt zu werden: Reiterer ist genauso wenig „nur“ Erfolgs-Journalistin wie „nur“ Mutter. Sie ist zielstrebig, aber auch Träumerin. Sie ist mütterliche Mentorin genauso wie Moderatorin, die immer  noch Lampenfieber hat. Sie hat eine schwierige Kindheit hinter sich und gehört heute trotzdem (oder vielleicht deshalb) zu den Top-Journalistinnen Österreichs. Offen wie selten spricht der „heute konkret“-Star in GESÜNDER LEBEN über die gesellschaftliche Rolle der Frau, Umweltschutz und Kürbiscremesuppe. Zudem gewährt sie Einblicke in ihre schwierige Vergangenheit als Pflegekind. Vor allem bricht sie eine Lanze für alle Frauen: „Wir müssen nicht perfekt sein!“

GESÜNDER LEBEN: Gesundheitsbewusste Einstiegsfrage: Wie gesund ernähren Sie sich?
Claudia Reiterer: Ich kämpfe täglich damit! (lacht) Ich liebe Gemüse, ich liebe frisch gepresste Säfte. Mein Problem ist nur, dass ich gerne hätte, dass mir das gesunde Essen fix und fertig serviert wird, ein extragesundes Frühstück zum Beispiel. Mein Gehirn tickt zudem so, dass ich jeden Tag ein kleines Stückchen Schokolade brauche. Das ist so etwas wie Seelenfutter für mich. Ich mische also gesunde Ernährung mit der einen oder anderen Sünde.

GL: Sie kochen selbst. Für welches Gericht sind Sie berühmt?
Meine Kürbiscremesuppe kommt immer gut an! Ist ja klar, als Steirerin bin ich dafür ja fast prädestiniert.

GL: Wie bekommen unsere Leserinnen und Leser eine Kürbiscremesuppe à la Claudia Reiterer hin?
Ich muss gestehen, ich verzichte dabei auf Kernöl – wenn, dann gibt’s nur ein paar Tropfen oben drauf. Dafür liebe ich geröstete Brotwürfel oder auch geröstete Kürbiskerne in der Suppe. Ich verwende meist den Hokkaidokürbis, den ich mit der Schale koche, und mische einen normalen Kürbis noch dazu. Das ergibt einen tollen Geschmack.

GL: Im Rahmen von „Dancing Stars“ haben Sie das Tanzen entdeckt. Auch heute noch, fünf Jahre nach Ihrem Sieg, werden Sie als jene Kandidatin genannt, die am meisten während dieser Show aufgeblüht ist …
Ich hatte stets das Gefühl, als Journalistin und Moderatorin im Nachrichtenbereich eine Maske tragen zu müssen, keine Emotionen zeigen zu dürfen. Heute weiß ich, dass ich diese Maske trug, weil ich nicht zu mir selbst gestanden bin. Das Tanzen bei „Dancing Stars“ war eine Kur für Leib und Seele und plötzlich habe ich meinen Körper und mich als Person vollends akzeptiert. Das Tanzen hat mich verändert, war und ist für mich die beste Therapie! Ich habe gelernt, dass ich nicht abhängig vom Lob meiner Kollegen bin, sondern dass es für mich das Wichtigste ist, dass das Publikum mit meiner Arbeit, meinem Tun zufrieden ist. Seit „Dancing Stars“ trage ich keine Maske mehr.

GL: Haben Sie das Gefühl, dass Sie sich als Frau in Ihrem Beruf stärker durchsetzen müssen als männliche Kollegen?
Das ist ein sehr schwieriges Thema. In allen Jobs muss man als Frau mehr vorweisen, muss man mehr können als Männer und wird für manche Aufgaben von vornherein gar nicht in Betracht bezogen. Es ist aber auch die Frage, ob man sich diese Konventionen zum Teil nicht auch selbst auferlegt. Trotzdem: Viele Rollenklischees sind leider sehr wohl Realität. Zum Beispiel dürfen Frauen vor laufender Kamera nicht dieselben freizügigen Witze reißen wie Männer, da das Publikum dann sehr verschreckt reagiert. Das ist eine große Doppelmoral. Und ja, ich musste mir sehr viel mit Ellbogentechnik erkämpfen.

GL: Sie scheinen eine sehr zielstrebige Person zu sein …
Eigentlich träume ich sehr gerne. Zum einen besitze ich eine angeborene psychische Widerstandskraft, zum anderen haben mich meine Träume stets aufrechtgehalten. Viele Jugendträume von mir sind in Erfüllung gegangen. Der Traum ist oft der erste Schritt zur Wirklichkeit. Denn der Traum
beeinflusst das Tun und das Tun führt zur Wirklichkeit – Stichwort „selbsterfüllende Prophezeiungen.“ Man muss zwischen Zielen und Träumen unterscheiden. Zum Beispiel hilft es, sich seine Ziele auf einen Zettel zu schreiben und sich diesen irgendwo hinzuhängen, wo man ihn jeden Tag sieht. Das motiviert!

GL: Was waren denn Ihre Kindheitsträume?
Neben Tanzen wollte ich immer schon große Reden halten. Brandreden gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt. Ein bisschen was davon ist ja wahr geworden. Obwohl: Manchmal ist das Träumen selbst wichtiger als die Erfüllung dieser Träume. Ich schließe auch heute noch gern meine Augen und gebe mich meinen zum Teil unrealistischen Träumen hin. Das lässt mich im Gleichgewicht bleiben.

GL: Kennen Sie auch Ängste?
Ich habe wahnsinniges Lampenfieber, wenn ich einen Auftritt bei einer großen Gala habe. Da denke ich mir manchmal, wieso ich mir das antue. (lacht) Ich kann zudem nur unter Druck arbeiten. Mir kommen die besten Ideen, wenn ich unter Druck stehe. Wenn man es schafft, einen Teil seiner Angst in positive Energie zu verwandeln, kann das sehr produktiv sein.

GL: Fällt es Ihnen schwer, die Balance zwischen Beruf und Privatleben aufrechtzuerhalten?
Mir geht der Ausdruck „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ tierisch auf die Nerven. Zu vereinbaren geht da gar nichts, es ist reines Management und pures Chaos. Diese Bereiche existieren nebeneinander, sind aber nicht vereinbar. Mein Mann, mein Sohn (er ist neun, Anm.) und ich planen am Sonntagabend so gut es geht die kommende Woche, manchmal planen wir auch nur von Tag zu Tag. Mich ärgert zudem, dass so viele Frauen verteufelt werden, nur weil sie Teilzeit arbeiten. Was sollen wir Frauen nicht noch alles tun? Jede Beschäftigung ist in Wahrheit nur eine Teilzeit-Beschäftigung. Denn ich bin nur eine einzige Person und kann deswegen nicht 100 Prozent Businessfrau und nicht 100 Prozent Mutter sein. Ich kann mich nicht vierteilen. Und egal, was man macht, es ist eh falsch: Geht man arbeiten, ist man die Rabenmutter, bleibt man zu Hause, trägt man nichts zur Gesellschaft bei. Die Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sollte zudem auch den Männern gestellt werden.

GL: Man merkt, dieses Thema geht Ihnen sehr nahe. Sie könnten sich für Frauenrechte einsetzen …
Das tue ich bereits, aber das ist nicht so einfach. Während meines Studiums zum Beispiel wurde ich von Frauengruppen abgelehnt, da ich die große Blondine mit den langen Haaren war. Man hat mir dieses Thema nicht zugetraut, hat mich nicht ernst genommen. Da habe ich also auch von dieser Seite Vorurteile erfahren. Ich bin nicht zuletzt wegen diesen Erfahrungen sehr skeptisch gegenüber Frauen-Netzwerken, da ich das Gefühl habe, dass manche dieser Netzwerke sich aussuchen, welche Frauen dabei sein dürfen. Das machen Männer-Netzwerke sicher nicht, da zählt rein die Qualifikation. Also setze ich mich im kleinen, privaten Rahmen für Frauenrechte ein.

GL: Wie kann man sich das vorstellen?
Indem ich zum Beispiel junge Kolleginnen unterstütze. Ich schenke ihnen ein offenes Ohr und versuche, ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Als junge Frau hat man es
sowieso noch schwerer.

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