Wie steht’s um Ihr Sexleben?

Was jeder einzelne Mensch benötigt, um eine erfüllte Intimität genießen zu können, ist höchst unterschiedlich. Vermeintliche „Normalität“ gibt es bei diesem Thema nicht. Von Dr. Eva Greil-Schähs

Wie geht es Ihnen mit der Sexualität?“ Diese Frage mag bei einem Arztgespräch vielen Menschen immer noch seltsam oder peinlich vorkommen, sollte jedoch zu einer gewissenhaften Anamnese unbedingt dazugehören. Denn sie ist genauso wichtig wie „Haben Sie regelmäßig Stuhlgang?“ oder „Trinken Sie genug Wasser?“ Umgekehrt gilt natürlich auch: Wenn Sie das Gefühl haben, ein sexuelles Problem zu haben, scheuen Sie sich nicht, Ihren Arzt darauf anzusprechen. Er wird etwaige medizinische Hintergründe abklären (lassen) bzw. an die richtigen Ansprechpartner verweisen.

Wichtig für Körper und Seele

Erfüllende Sexualität ist nämlich enorm wichtig für die Gesundheit! Das Herz-Kreislauf-System wird beim Liebesspiel nachhaltig angeregt, die Gefäße trainiert. Das senkt etwa das Infarkt-Risiko. Es werden zahlreiche Hormone ausgeschüttet, zum Beispiel das Kuschelhormon Oxytocin, welches die Paarbindung verstärkt. Ebenso vermehrt sich im Körper das Glückshormon Dopamin. Noradrenalin ist dann daran beteiligt, dass wir uns besser konzentrieren können und die Sinne geschärft werden. Nebenbei stärkt ein Schäferstündchen auch die Abwehr. Vor allem beim Küssen erzeugt der Organismus so genannte Immunglobuline, welche das Immunsystem anregen. Wissenschafter konnten ebenfalls zeigen, dass ein Orgasmus gleichsam eine Wiederholung der ersten Verliebtheit darstellt, was natürlich für die Beziehung von Bedeutung ist. Nicht zu vergessen der antidepressive Effekt, den eine erfüllte Sexualität zu bieten hat.

Im steten Wandel

Grundsätzlich gilt: Wenn es um Sex geht, gibt es keine so genannte Normalität. Ob zwei Mal am Tag oder zwei Mal im Jahr – es muss für die Partner angenehm sein. Was die meisten zwar wissen, aber zu wenig beachten: Das Sexleben verändert sich auch im Laufe des Lebens. In jungen Jahren ist alles neu und aufregend, die Lust ist groß, schließlich hat es die Natur so eingefädelt, dass sich der Mensch nun fortpflanzen sollte. Im vollen Erwerbs- und Familienalter tritt die Erotik etwas in den Hintergrund, während Paare dann mit etwa 50 Jahren wieder neue Lustgipfel erklimmen – die Familienplanung ist abgeschlossen, der Alltagsstress beruhigt sich. Später lässt die Bildung der Sexualhormone nach, was die Sexualität aber nicht weniger erfüllend macht, sondern mitunter seltener, aber intensiver genossen wird.

Wenn Krankheiten Probleme machen

Allerdings kann es, vor allem bei älteren Menschen, vorkommen, dass Leiden wie Bluthochdruck, Diabetes oder Schilddrüsenstörungen für Probleme sorgen und das Sexleben negativ beeinflussen. Das müssen die Paare aber nicht hinnehmen, denn sehr oft findet sich für das gesundheitliche Problem eine Lösung, mit der auch die intime Ebene wieder ins Gleichgewicht kommt. So entsteht etwa bei zu dicken Männern oft eine hormonelle Dysbalance, welche in Sexualfunktionsstörungen resultiert. Das Fettgewebe am Bauch sendet nämlich verschiedene Botenstoffe aus, welche den Mann auf Dauer „verweiblichen“. Das Testosteron im Fettgewebe wird zum weiblichen Hormon Östrogen. Mitunter „wachsen“ ihm dann gleichsam Brüste und es treten Erektionsstörungen auf. Diese sexuelle Problematik wird ebenfalls bei (schlecht eingestelltem) Diabetes oft beobachtet. Bei Schilddrüsenunterfunktion klagen Männer auch vielfach darüber, während bei einer Überfunktion mitunter ein vorzeitiger Samenerguss als Folgeerscheinung genannt wird. Hier kann in vielen Fällen mittels gezielter medizinischer Behandlung auch das Sexleben wieder in Schwung gebracht werden, oft einfacher, als gedacht. „Er“ scheut sich jedoch häufig, solche Störungen einem Arzt anzuvertrauen.

Wann zur Therapie?

Wer sich durch ein sexuelles Problem in seiner Lebensqualität gestört oder gar behindert fühlt, sollte sich aber auf jeden Fall Hilfe durch Experten suchen. In irgendeinem Abschnitt des Lebens einmal Unzufriedenheit mit der Intimität zu verspüren, ist nichts Ungewöhnliches und kommt bei Frauen, Männern und Paaren häufiger vor, als allgemein angenommen. Geläufige Fragestellungen sind: Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, abnehmende sexuelle Lust, Erektionsschwierigkeiten, Unsicherheiten in Bezug auf die eigenen sexuellen Vorlieben oder immer häufiger auch die Sorge, in Zeiten vermehrten Internetkonsums pornosüchtig zu sein. Wenn mögliche körperliche Ursachen abgeklärt sind, ist es sinnvoll, gezielte Sexualberatung in Anspruch zu nehmen. Bei Störungen über ein halbes Jahr, die Sie schon (erfolglos) versucht haben, zu bekämpfen, bei schweren Konflikten in der Partnerschaft sowie großem Leidensdruck ist mitunter Sexualtherapie angesagt. Behandelt hier wird vielfach mit den allgemeinen Methoden der Verhaltenstherapie. Mitunter gibt der Therapeut Übungsanleitungen, die zum Beispiel Einfluss auf Atmung und Beckenbeweglichkeit nehmen. Dies hilft, die Schwierigkeiten auch auf körperlicher Ebene zu bewältigen.

DIE HÄUFIGSTEN BESCHWERDEN

Der vorzeitige Samenerguss (Ejaculatio praecox) ist die häufigste Sexualstörung des Mannes und tritt in verschiedenen Formen und Ausprägungen auf. Hierzulande leiden etwa 135.000 Männer stark unter diesem Problem, bei dem der Erguss regelmäßig bereits nach kurzer Zeit in der Scheide (1, 2 Minuten) oder sogar schon vor der Penetration stattfindet. Die häufigsten diesbezüglichen Probleme bei Frauen stellen mangelndes Interesse an Sex, Orgasmusschwierigkeiten und unangenehme Empfindungen oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr dar. In den allermeisten Fällen kann gut geholfen werden. Dafür ist es jedoch wichtig, sich zu informieren.

MEHR STIMMUNG IM BETT

Dass mit den Jahren – im Schnitt bereits nach zwei bis vier – auch die Frequenz der „Stelldicheins“ seltener wird, ist laut Experten normal. Wenn beide Partner damit aber nicht zufrieden sind und ihrem Liebesleben ein wenig Pepp verleihen möchten, können folgende Tipps hilfreich sein: 
• Für intime Momente bereits im Alltag sorgen: Meist gehen Berührungen im stressigen Trubel des Lebens unter. Das ist schade, denn eine Umarmung da und ein Kuss dort signalisieren dem Partner Liebe und Lust auf mehr. 
• Beim Sex den ganzen Körper miteinbeziehen: Wann hat man die Schenkel des Liebsten das letzte Mal massiert, wann sich „ihren“ Armen gewidmet? Viele Liebkosungen bleiben bei Langzeitpaaren auf der Strecke. Widmen Sie diesen mehr Zeit beim Liebesspiel. 
• Planen Sie bewusst Zeit für die Liebe ein: Wer ständig zwischen Job, Haushalt und Kindern pendelt, verliert leicht die Lust. Daher machen Sie sich ein „Date“ aus, bei dem Sie ungestört sind. Diese Zeit gehört nur Ihnen als Paar. Ob Sie dann wirklich im Bett landen, bleibt natürlich Ihnen überlassen… 
• Probieren Sie Neues aus: Warum nicht einmal die Routine durchbrechen und ein Massageöl mit anregendem Duft beim Vorspiel verwenden oder ein Sex-Toy ins Liebesspiel miteinbeziehen? Erlaubt ist, was beiden gefällt und Spaß macht.

GAR KEINE KÖRPERLICHKEIT, GIBT ES DAS?

Asexualität bezeichnet das Fehlen eines Verlangens nach sexueller Interaktion bzw. einen „Mangel“ an sexueller Anziehung, ohne dass ein Leidensdruck durch diesen Umstand besteht. Asexuelle Beziehungen können genau so eng und intim sein wie andere. Körperlichkeit ist eine Möglichkeit, Gefühle in einer engen Partnerschaft auszudrücken, aber eben nicht die einzige. Im Gegensatz zum Zölibat, welches eine bewusste Entscheidung voraussetzt, ist Asexualität mit einer sexuellen Orientierung vergleichbar. Das „Asexual Visibility and Education Network“ (AVEN) dient der Schaffung eines Dialogs innerhalb dieser Gruppierung (www.aven-info.de).

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