„Wie schütz ich mich vorm wilden Tier?

Johanna hört Schritte vor der Wohnungstür, sie kennt den Klang sehr gut. Sie lässt alles liegen und stehen und saust zur Tür, reißt sie auf und fällt ihrem Papa um den Hals. Sie hüpft vor Freude und bald weiß das  ganze Stiegenhaus, was sie den ganzen Tag gemacht hat, so laut hat sie Papa von ihren Heldentaten erzählt. Johanna zeigt ganz deutlich ihre Freude, aber auch ihre Wut und ihr Ärger kommen oft ganz direkt heraus. Dann stampft sie mit dem Fuß, pfeffert ihr Spielzeug ins Eck, trommelt mit den Fäusten an die Tür oder versucht andere zu schlagen. Sie drückt in beiden Fällen ihre Gefühle ganz deutlich aus. Sie versucht unmissverständlich klar zu machen, was sie gerade fühlt. So mancher Erwachsener ist ganz schön erstaunt über die Kraft und die Explosivität, die in so einem kleinen Kindergartenzwerg schon stecken kann.

Ihr Kind lernt im Vorschulalter seine Gefühle besser kennen und diese zu benennen. Wut zu spüren und zu verarbeiten ist dabei genauso wichtig wie Freude richtig sichtbar zu machen. So wie die Kinder mit ihren Bewegungen durch Übung geschickter werden, so müssen sie auch üben, ihre Gefühle zu zeigen, ohne jemandem weh zu tun oder etwas kaputt zu machen.

Es wird immer wieder Dinge geben, die Ihr Kind nicht bekommen kann oder die es ärgern werden. Auch Sie werden – bei allem Bemühen – Ihr Kind enttäuschen, und selbst im Kindergarten wird es nicht immer ohne Ärger abgehen. Für Ihr Kind ist es wichtig zu lernen, mit diesen Rückschlägen gut umzugehen und Menschen – auch Eltern und Geschwistern – zu verzeihen. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von „Frustrationstoleranz“. Auch im Leben von Erwachsenen kann nicht jeder Wunsch sofort und immer erfüllt werden. Wenn also immer alle Wünsche Ihres Kindes erfüllt werden würden, würden Sie Ihr Kind nicht auf das reale Leben vorbereiten.

Für aggressive Gefühle, wie Wut, gibt es aus dem Blickwinkel des Betroffenen immer einen guten Grund. Nur, der eine explodiert wegen eines Windhauchs und der andere trotzt noch einem Wirbelsturm. Bei Erwachsenen führt man das oft auf das Temperament zurück. Tatsächlich ist es aber auch ein gutes Stück Training. Je besser Ihr Kind bereits jetzt in der Vorschulzeit übt, mit seinen Ängsten und unerfüllten Wünschen umzugehen, umso leichter kann es als Erwachsene/r mit Rückschlägen zurechtkommen.

Wut und Ärger entstehen bei jedem Menschen – bei den Großen ebenso wie bei den Kleinen –, wenn Bedürfnisse und Wünsche nicht ausreichend befriedigt werden. Ihr Kind möchte jetzt auf der Stelle einen Krapfen, aber es gibt keinen mehr. Ihr Kind will mit dem Traktor durch die Wohnung fahren, aber es ist Sonntag Nachmittag und Ihre Nachbarn sind sehr hellhörig. All diese Wünsche sind aus der Sicht Ihres Kindes durchaus verständlich, aber gerade nicht erfüllbar. Wenn Sie ihm einen Wunsch abschlagen, hat Ihr Kind vielleicht ein Gefühl der Unlust im Bauch, aber für sich allein genommen ist das noch kein Grund für einen Wutanfall. Aber vergessen Sie nicht, Ihr Kind lernt den ganzen Tag und macht ununterbrochen die Erfahrung, dass es etwas nicht darf, nicht kann. Wenn Ihr Kind nun bereits den ganzen Tag das Gefühl hat, das ihm nichts gelingt, wird es irgendwann einmal doch explodieren, denn so viele negative Gefühle im Bauch hält keiner aus.

Sie können mit Ihrem Kind üben, mit diesen Gefühlen im Bauch besserumzugehen. Finden Sie die richtigen Worte, um das Gefühl zu beschreiben. Wenn Jakob z.B. mit den Füßen aufstampft, kann es ihm nützen, wenn sein Papa sagt: „Du stampfst so mit den Füßen auf, als ob Du zornig wärst?“ Wenn Sie den Gefühlszustand des Kindes richtig erraten, dann beginnen die Kleinen oft zu erzählen. Unterstützen Sie Ihr Kind beim Verarbeiten des Ärgers. Geben Sie ihm z.B. ein ganz großes Blatt Papier mit der Aufforderung: „Zeichne mir doch auf dieses Blatt, wie groß Dein Zorn ist.“ Oder: „Trommle einmal ordentlich auf diesen Polster, damit ich weiß, wie sehr Du Dich geärgert hast!“ Sie helfen Ihrem Kind, wenn es seinen Ärger ein Stück loswerden kann. Nehmen Sie Ihr Kind und seine Sorgen ernst. Beschreiben Sie auch, was Sie fühlen, wenn Sie die Geschichte Ihres Kindes rund um seine Wut hören. Wenn Karl schreit: „Diese blöde Regina! Ich könnte ihr in die Nase beißen!“, sagen Sie ihm, wie sehr Sie seine Wut spüren können: „Na, über die musst Du Dich ja sehr geärgert haben, dass Du sie sogar in die Nase beißen willst.“ Ihr Kind wird Ihnen dann wahrscheinlich den Grund für den Ärger erzählen und sich so bei Ihnen ausschimpfen. Es merkt, dass ihm jemand zuhört und es mit seinen starken Gefühlen nicht mehr alleine ist. Gemeinsam können Sie dann überlegen, womit z.B. Regina Karl so wütend gemacht hat und wie Karl dies Regina sagen kann, ohne sie in die Nase beißen zu müssen. Und das ist es, worum es im Vorschulalter geht: die Kinder müssen lernen, für ihre Gefühle Namen zu finden und die Energie der Wut in gute Bahnen zu lenken.

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