„Wie sag ich´s…“ Thema: Aufklärung

„Die richtige“ Aufklärung gibt es nicht. Aufklärung ist kein einmaliges Ereignis, bei dem man alles erklärt – sie ist ein Prozess, sie begleitet die gesamte Entwicklung. Patentrezepte, die angeben was gesagt, gezeigt werden soll, gibt es leider nicht, weil sie weder zu den erklärenden Eltern noch zu den individuell aufzuklärenden Kindern „passen“ würden.

Kinder beginnen zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten über Sex und Kinderkriegen nachzudenken. Wenn Geschwister unterwegs sind oder Freunde der Eltern ein Baby erwarten, können schon Zweijährige die ersten Fragen nach dem Wie und Warum stellen. Andere wollen auch mit vier Jahren noch nichts Einschlägiges wissen. Lediglich bei Kindern, die bis zu ihrem fünften Geburtstag das Fortpflanzungsthema noch nie angeschnitten haben, könnten Eltern versuchen den Ursachen des Desinteresses auf den Grund zu gehen. Es ist denkbar, dass Ihr Sprössling seine Informationen schon von anderen bekommen hat oder sich ganz einfach nur nicht zu fragen getraut. Stellt sich jedoch heraus, dass das Kind wirklich kein Interesse hat, sollten die Eltern es mit diesem Thema vorerst nicht behelligen.

Doch auch der von den Erwachsenen individuell beschrittene Weg mit dem Kind über Sexualität zu reden sollte ihrem sonstigen Verhalten sowie der gewohnten Wortwahl entsprechen. Kinder kennen die Schamgrenzen ihrer Eltern und haben ein seismografisches Gespür für Widersprüche. Eltern können ihren Kindern getrost sagen, dass sie bereit sind ihre Fragen zu beantworten, dass ihnen das aber auf diesem Gebiet nicht ganz leicht fällt.

Vorbereitung
Für viele Erwachsene ist es schwierig über die „wichtigste Nebensache der Welt“ zu sprechen. Einerseits können sie darüber nicht reden, weil sich dieses Erleben zwischen zwei Menschen der Sprache entzieht. Andererseits gehört Sexuelles in unserer Gesellschaft zu den Tabus, bei denen viele sprachlos werden. Dabei ist längst erwiesen: Offenheit ist die beste Voraussetzung dafür, dass das Kind später seine Sexualität genießen und in befriedigenden Beziehungen leben kann.

Die Sexualität weckt die kindliche Neugier früher oder später in jedem Fall. Eltern können in Gedanken die schwierige Situation proben, Worte suchen, die dem eigenen Sprachschatz und dem ihres Kindes nahe kommen. Literatur, die das Thema kindgerecht behandelt, kann den Eltern weiterhelfen.

Manche Erwachsene plagen sich mit der Frage, wie konkret und detailliert sie ihr Kind aufklären sollen und dürfen, ohne die Kleinen zu überfordern. Die Antwort darauf geben am besten die Kinder selbst. Ihre Fragen markieren den Rahmen für die Antworten. In einer guten Atmosphäre wird das Kind so lange nachfragen, bis es das erfahren hat was es will.

Bis zum dritten Lebensjahr
Schon auf die ersten sexuellen Regungen des Säuglings können unvorbereitete Erwachsene irritiert oder erschrocken reagieren. Eltern, die in dieser Abwehr verharren, übertragen Unbehagen auf das Kleine und beeinflussen seine Wahrnehmung von Sexualität; deshalb wäre es besser den ersten körperlichen Lusterfahrungen gelassen zuzusehen.

Kinder, die ohne Windeln herumtoben dürfen und Eltern, die auch mal nackt durch die Wohnung laufen, finden sich irgendwann unversehens in ihrem ersten Aufklärungsdialog miteinander. Am meisten interessiert die Kleinen zunächst das, was ihre eigenen Organe deutlich sichtbar von denen der Erwachsenen unterscheidet. Zugleich bemerken die Kinder aber auch, dass all das was sie haben, beim anderen Geschlecht anders aussieht, offenbar beim Wasser lassen anders „funktioniert“ und sie beginnen neugierige Gespräche.

Drittes bis sechstes Lebensjahr
Das Kind erkennt nach und nach was es bedeutet männlich oder weiblich zu sein und wählt sich eine gleichgeschlechtliche Bezugsperson, um modellhaft der eigenen Geschlechtsidentität in Spiel und Selbsterprobungen auf die Spur zu kommen. Durch freies Probieren (z.B. „Doktorspiele“, „Heiraten“, „Kinderkriegen“) begreift und spürt es was Spaß macht, wie das andere Geschlecht genau aussieht, was Freude bereiten kann und was nicht. Es ist die Zeit, in der sich die Kleinen allein oder mit FreundInnen vor den Blicken der Erwachsenen zurückziehen wollen. In der Wohnung sollte es nun „erwachsenenfreie Zonen“ geben, entweder ein eigenes Kinderzimmer oder einen eigenen abgetrennten Bereich.

Die kindliche „Sexualforschung“ äußert sich oft in nicht enden wollenden Fragen über das Kinderkriegen, über Frau und Mann, wie Erwachsene aussehen und reagieren. Ein für diese Altersgruppe konzipiertes Aufklärungsbuch mit Bildern und Texten kann es den Eltern erleichtern anschaulich zu bleiben. Das Bildmaterial kann die Schwangerschaft und die damit zusammenhängenden unsichtbaren Vorgänge im Bauch verdeutlichen und die Kinder können Ihre Frage-Antwort-Spiele mit den Eltern weiterführen.

Sechstes bis zehntes Lebensjahr
Die Kids fahren fort ihren eigenen Körper und den des anderen Geschlechts zu erforschen, wobei ihnen ab diesem Alter das erotische Element ihrer Handlungen voll bewusst wird. In das was sie mit Sexualität im weitesten Sinn verbindet, wachsen sie wie selbstverständlich hinein, wenn die Eltern dieses Thema nicht grundsätzlich tabuisieren und auch manchmal vor dem Kind Zärtlichkeiten austauschen. Dass die Eltern zu bestimmten Zeiten die Schlafzimmertür als Grenze respektiert wissen wollen, werden Kinder umso besser verstehen, je mehr die Eltern selbst den Intimbereich ihres Sprösslings und seine Geheimnisse achten.

Zehntes bis vierzehntes Lebensjahr
Nun beginnt für die Eltern der Dialog mit einem angehenden Erwachsenen. Fast alles was schon etliche Male besprochen wurde, kann erneut als Frage auftauchen. Mehr noch: Jugendliche neigen dazu sich vom Kind sein zu lösen, indem sie fast alles verdrängen was sie in früheren Jahren an Sexuellem gedacht, getan, besprochen haben. In der Pubertät bekommen Körper und Sexualität eine neue Bedeutung. Die Heranwachsenden suchen nach Erklärungen für die jetzt so „anders“ erscheinenden Gefühle. Sexualität wird nun eindeutig mit der Beziehung zu einem Menschen verknüpft.

Autor: Mag. Ursula Schwarz, Klinische- und Gesundheitspsychologin

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