Wie kann man sein Kind auf die Welt von morgen vorbereiten?

Wer versucht sich auf Tagesgeschehnisse einzustellen, kann bereits beim morgendlichen Kaffeetrinken davon ausgehen, dass nur ein Teil so wie geplant ablaufen wird. Unterbrechungen, nicht Vorhersehbares und Enttäuschungen sind fixe Bestandteile in der Welt von morgen. Die Wahrscheinlichkeit in seinem Job viele Jahre zu bleiben nimmt eher ab, Flexibilität ist gefragt, … Ähnliches gilt für Beziehungen. Unter dem Begriff „Lebensabschnittspartner“ verstehen wir, dass immer mehr Menschen nicht mehr nur mit einem Partner durchs Leben gehen, sondern ihr Glück immer wieder aufs Neue versuchen. Vieles davon hört man, wenn man sich mit Leuten unterhält, die sich beruflich mit der Welt von morgen auseinandersetzen. Wie kann man seine Kinder auf eine Welt vorbereiten, die sich verflüssigt? Ja, Sie haben richtig gehört. Als ich das erste Mal „verflüssigte Welt“ hörte, dachte ich: „Müssen wir zurück ins Meer?“ Nein, es geht um etwas anderes, gemeint ist, dass gesellschaftliche Vorgaben, etwa bezogen auf die Berufswahl oder auf die Beziehungsart an Stabilität verlieren bzw. sich verflüssigen. Gesellschaftliche Vorgaben, die von außen kommen, werden immer geringer. Es wird notwendig selbst tätig zu werden. Das ist auch der erste psychologische Tipp, den Sie bekommen, beginnen Sie bei Ihrem Kind die Selbsttätigkeit zu fördern. Selbsttätigkeit sollte nicht mit Selbstständigkeit verwechselt werden. Die Begriffe klingen ähnlich, doch geht es beim Selbsttätigwerden doch mehr um das Selber-Tun! Abzuraten ist von Entscheidungen, die z.B. so klingen: Unser Sohn stieg beruflich in die Fußstapfen von seinem Papa, er wusste zwar nicht wirklich, was auf ihn zukam, aber… Vor der Berufsentscheidung werden Phasen des Ausprobierens, des Selber-Tuns empfohlen. Lieber abbrechen und neu beginnen, als bei einer unbefriedigenden Aufgabe bleiben und durchhalten. Auch wenn Ihr Kind bei der Ausbildung einmal aufs falsche Pferd gesetzt hat, denken Sie daran, dass es dennoch wichtige Erfahrungen sammeln konnte. Alles was Ihr Kind selbst macht, versteht es besonders gut, es gewinnt Zuversicht und Selbsttätigkeit entsteht! Diejenigen, die bereits früh gelernt haben, sich an ihren eigenen Entscheidungen zu orientieren, haben später auf vielen Gebieten einen Vorsprung.

„Man muss mehr aus sich selbst schöpfen“. Ob man nun auf die Berufswelt oder aufs Private schaut, die Wahrscheinlichkeit immer wieder >Zurück an den Start< zu müssen nimmt ständig zu. Selbst bei der Wertorientierung müssen wir entscheiden, welche Werte für uns wichtig sind. Die einen bewerten ihr Familienleben als das Wichtigste, andere glauben an Glück im Beruf, wieder andere bauen zu vielen Menschen Beziehungen auf, sie fühlen sich in einer Paarbeziehung einsam und eingeengt. In der Welt von morgen werden wir mit neuen Formen des Zusammenlebens konfrontiert werden. Das war in der Vergangenheit sicher ganz anders. In den 50er Jahren orientierten wir uns hauptsächlich an unserer Umgebung. Psychologen sprechen in diesem Fall von einer Außenorientierung. In den 80ern gab es die Innenorientierung, denken Sie nur an die Wörter: Selbstfindung oder Selbstverwirklichung. Heute gilt das Selbst-Management: „Man muss mehr aus sich selbst schöpfen“. Es kommt zu einer Mischung von innen und außen. Auf der Fahrt in die Zukunft ist der auf einen selbst gerichtete Innenspiegel genauso wichtig wie der Außenspiegel, mit dem man seine Umgebung beobachtet. Wichtig: Wir sind es, die den Spiegel einstellen. Wir entscheiden über unsere Orientierungshilfen. Um mehr aus uns selbst schöpfen zu können, ist es notwendig, sich als aktiver Mensch zu sehen. Vermitteln Sie Ihrem Kind, dass es seinen Alltag aktiv beeinflussen kann. So spürt es, dass es sich auszahlt selbst zu überlegen, weil dann auch etwas Tolles passieren kann. Es macht Spaß aus sich selbst zu schöpfen, seine Talente zu nützen, auszuprobieren, quasi auch anhand seines eigenen Tuns zu lernen! Passen Sie gleichzeitig auf, Ihrem Sprössling nicht zu viel zuzumuten. Es geht darum, dass Sie immer wieder aufs Neue entscheiden, was Ihr Kind schon selbst bewältigen kann und wo es Unterstützung braucht! Eine spannende Aufgabe, bei der man am besten auch mit anderen Eltern einen regelmäßigen Erfolgsaustausch pflegt. Die beschriebene gesellschaftliche Verflüssigung birgt nämlich auch die Gefahr sozial abgetrieben zu werden. Hat man zu wenige wirkliche Freunde entsteht schnell das Gefühl von Einsamkeit. Es gilt auf die soziale Verankerung zu achten. Kennen Sie genug Menschen mit denen Sie vertrauensvoll plaudern können? Haben Sie genug Zeit für Ihre Freunde? Meist hilft es, wenn man sich diese Fragen in einer ruhigen Minute selbst stellt und sie möglichst ehrlich beantwortet, um herauszufinden wie es um seine Selbsteinbettung steht! Selbsteinbettungsprofis haben meist schon früh in ihrem Leben mit Hilfe ihrer Eltern gelernt, immer wieder aufs Neue Kontakte mit anderen zu knüpfen und sich für andere Menschen zu interessieren. Ist es allgemein notwendig sich noch mehr abzugrenzen? Sollen wir den Kindern strenge Grenzen setzen? Kinder brauchen Grenzen! Wenn man solche Sätze hört, könnte man bereits vermuten, dass es um Psychologie geht. Der psychologische Zukunftstipp für den Umgang mit der verflüssigten Welt weist Sie auf die Grenzziehung hin, genauer: auf das Grenzmanagement. Grenzmanagement bedeutet, dass jeder immer wieder seine persönlichen Grenzen prüft. Und noch wichtiger, dass man nicht nur lernt sich anderen Menschen gegenüber abzugrenzen, sondern sich quasi auch seiner eigenen verschiedenen Verhaltensweisen bewusst wird. So wie Sie in der Arbeit sind, werden Sie vielleicht nicht bei Ihren Freunden sein… also setzen Sie eine Grenze und unterscheiden Sie die Arbeitswelt von Ihrer Privatwelt. So schaut der Beginn aus, den Alltag innerpsychisch zu strukturieren. In der Welt von morgen ist es notwendig unterschiedliche Lebenswelten voneinander zu trennen und flexibel auf Situationen zu reagieren. Ob Selbsttätigwerden, Selbsteinbettung oder Grenzmanagement, stets geht es darum, dass wir vermehrt aktiv auftreten. Kinder lernen viel indem sie ihre Eltern beobachten. Je früher Sie ihrem Kind ein „aktives durch die Welt gehen“ vorleben, desto leichter tut sich Ihr Sprössling in der bewegten Welt von morgen.
Autor: Dr. Matthias Herzog, Klinischer- und Gesundheitspsychologe

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