Interview – WIE HAT HOMEOFFICE die Menschen verändert

Mag. Majda Moser im Interview

„Viele Menschen sind an ihre Grenzen geraten“. Die Expertin im Gespräch mit Karin Podolak

Wenn ich etwa kritisiert werde, dann kann ich diese Diskussion in der Firma, am Arbeitsplatz belassen und am Heimweg Abstand bekommen. Jetzt bleibt die Kritik – egal ob über whatsapp, Zoomkonferenz, Telefon etc. im privaten Bereich bestehen, die Grenzen verschwimmen.

Computer bei der nächsten Gelegenheit zuklappen bzw. in den Pausemodus schalten, vielleicht 10 Minuten kurz rausgehen, oder zumindest Fenster aufmachen und tief durchatmen.
Strukturieren: Wenn ich im Büro um 8.00 begonnen habe, starte ich auch den Tag im Homeoffice zu dieser Zeit. Mittagspause machen und Zeit zum Essen nehmen! Hier wäre es auch wichtig, dass die Vorgesetzten ihren Mitarbeitern diese Strukturen ermöglichen. Das ist einfach notwendig!

Eine Trennung von Privatem und Beruflichem ist auch – oder besonders – bei geringem Platzangebot anzustreben. Wer den Küchentisch zur Arbeitsstätte umfunktionieren muss, sollte in der Pause Laptop, Computer, Handy weggeben. Den Tisch säubern, zum Essen herrichten, vielleicht ein paar schöne Teller und Gläser verwenden. Eine halbe Stunde habe ich Zeit und jetzt esse ich!

Unbedingt, denn sonst kann das der direkte Weg ins Burnout sein! Wer seine Mahlzeiten neben Computerarbeit, Telefonieren und Mails beantworten einnimmt, isst den Stress gleich mit.

Genauso muss ich mich auch am Abend verhalten, wenn der Arbeitstag aus ist.
Alles wegräumen, gut durchlüften, vielleicht die Lieblingsmusik aufdrehen, Atemübungen, Bewegung.

Das Problem rechtzeitig ansprechen! Unternehmen müssten Arbeitnehmer mehr loben und den Fleiß auch anerkennen, nicht automatisch annehmen, dass man zu Hause eh weniger macht! Meist ist das Gegenteil der Fall. Es darf nicht selbstverständlich sein, dass auch private Ressourcen eingesetzt werden und ohne Rücksprache genau dann ein Meeting angesetzt wird, wenn man eigentlich eine halbe Stunde Mittagspause machen möchte.
Vorgesetzte sollten nicht vergessen, Mitarbeiter Wert zu schätzen und sich für den Mehraufwand auch einmal zu bedanken. Nur so kann man Ängste und Burnout verhindern, was nicht nur dem Einzelnen zugute kommt, sondern dem gesamten Betrieb. Schon ein einfaches Dankesmail wäre ein guter Ansatz. Oder einmal mittels Befragung/Fragebogen eine Analyse machen und schauen, wo stehen meine Mitarbeiter.
Was mehr denn je im Fokus steht, ist emotionale Intelligenz. Wer Lob und Anerkennung bekommt, ist leistungsfähiger.

Viele trauen sich aus Angst vor Jobverlust nicht, persönliche Grenzen aufzuzeigen. Das erzeugt innere Aggression. Kann man die durch die Arbeitssituation ausgelöste Wut nicht ausleben bzw. ausdrücken, äußert sie sich oft in häuslicher Gewalt. Dem muss unbedingt vorgebeugt werden und da sind auch Arbeitgeber in der Pflicht.

Hier liegt ein weit verbreitetes Missverständnis vor: Einsam zu sein ist eine Empfindung und hat nicht unbedingt etwas mit Alleinsein zu tun. Man ist einsam, wenn man sich nicht austauschen kann. Wenn die ganze Familie überfordert ist – Stichwort Schule, Homeschooling –, wer soll dann wem zuhören? Daher ist es eben so wichtig, sich Strukturen zu etablieren. Einsamkeit macht krank und bedarf der Aufarbeitung.

Die Mehrfachbelastung zeigt sich extremer denn je. Egal ob man außerhalb, im Homeoffice oder als Hausfrau arbeitet – das ist übrigens ein wichtiger Beruf und wird so gering geschätzt! Ich würde selber auch nicht mit einem Schüler Mathematik lernen können, obwohl ich früher gut war in diesem Fach. Nicht jeder kennt sich mit Computer aus, benötigt dabei Unterstützung und nebenher muss auch noch der Haushalt bewältigt werden.
Frauen haben ganz besonders mit Aggressionen zu kämpfen. Nicht nur vom Partner und den Kindern – sie selber stauen ja auch negative Gefühle auf. Das hat enorme Auswirkungen auf ihre Gesundheit, etwa bei der Brustkrebsentstehung oder Migräne.

Ein häufiger Konflikt: Im Gegensatz zu Männern, für die Sex oft ein Ventil darstellt, einem Befreiungsakt gleichkommt, sind Frauen vermehrt ausgelaugt, müde, lustlos. Auch hier wird zu wenig darüber gesprochen. Viele psychosomatische Beschwerden beruhen darauf und sind dann auch ein willkommenes Argument, warum man keinen Sex haben will oder kann. Der Partner reagiert mit Unverständnis. Aber auch Libidoverlust, Vaginismus (Scheidenkrampf, Verkrampfung des Beckenbodens) und Scheidentrockenheit werden durch Beziehungsprobleme ausgelöst. Häufig unausgesprochene Klage von Frauen an ihre Männer: „Du kümmerst dich nicht um mich, aber jetzt willst du etwas von mir“. Dann machen sie einfach zu…

Der Eiskasten ist der Rettungsanker. Gerade Frauen belohnen sich gerne mit Essen, aber auch Alkohol. Es beginnt nach einem stressigen Tag mit einem Glas Prosecco oder zwei, bis die Entspannung kommt. Schleichend wird es dann immer mehr. Naschen, Süßes beruhigen. Das geschieht ebenfalls aus Einsamkeit heraus!

Wir werden mehr Adipositas haben, mehr immunologische und Krebserkrankungen. Wenn der Körper „aufzeigt“ mit Problemen, ist es schon sehr spät. Es muss verstärkt Augenmerk auf die Psyche gelegt werden.

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