Wenn Krokodile Apfelmus lieben…

Die kleine Kathi hat einen Brief an das Christkind geschrieben. Nun will sie diesen aufgeben, so wie die Mama das immer macht. Mit ihren kleinen, stämmigen Fäusten schlägt sie geduldig auf das Briefkuvert, um es zuzukleben. Da sie den Gummistreifen des Kuverts nicht befeuchtet hat, klebt es aber nicht. Kathi ist empört: „Das ist ein schlimmer Brief. Der will nicht, dass das Christkind meine Wünsche kennt.“ Kathis Mutter zeigt ihr, wie sie das Kuvert richtig zukleben kann. Kathi blickt zufrieden auf ihr Werk und sagt zum Brief: „Siehst Du, jetzt bist Du brav – jetzt pickst Du!“

Dieses Verhalten der kleinen Kathi ist ganz typisch für Kindergartenkinder. Sie hat zwar mit eigenen Augen gesehen, dass das Briefkuvert erst klebt, wenn man es befeuchtet. Aber trotzdem: Für sie war der Brief zuerst böse und dann brav. Sie denkt magisch und nicht naturwissenschaftlich logisch. Vorschulkinder beobachten zwar sehr genau, aber sie erklären Naturereignisse z.B. gerne unter Zuhilfenahme von Hexen und Zauberern, und sie vermenschlichen Gegenstände. Ihr Kind stellt sich vor, dass bei Donner und Blitz jemand in der Wolke Krach macht und mit Feuer um sich wirft. Der Grund für dieses magische Denken bei den Vorschulkindern ist übrigens nicht ein Mangel an Wissen oder ein Zuviel an vorgelesenen Märchen. Kinder verstehen einerseits viele naturwissenschaftliche Erklärungen in diesem Alter noch nicht. Und andererseits erklären sie mit Feen, Hexen und anderen magischen Wesen Dinge, die sie erleben. Selbst wenn sie noch nie von welchen gehört haben – in diesem Alter erfinden sie sie. So weit weg von uns Erwachsenen sind die Kleinen mit diesem Hang zum Überirdischen übrigens nicht: Viele Jahrhunderte lang hat die erwachsene Menschheit zahlreiche Naturphänomene nur magisch erklären können; und es hat sehr lange gedauert, bis naturwissenschaftliche Erkenntnisse, z.B. dass die Erde eine Kugel ist, sich durchsetzen konnten. Und bei all unserer erwachsenen Sachlichkeit heute: Haben Sie nicht auch einmal Ihr Auto, die Waschmaschine oder den Computer heftig persönlich beschimpft, weil irgendetwas nicht so war, wie Sie es wollten?

Kindergartenkinder urteilen nach dem, was sie sehen können, nach der sichtbaren Veränderung. Wenn in zwei gleich großen Gläsern gleich viel Limonade ist, fühlen sich Dreijährige gerecht behandelt: Es ist ja offensichtlich gleich viel drinnen. Aber wehe, wenn die  Gläser unterschiedliche Formen haben: Da gewinnt das hohe, schmale Glas vor dem niedrigen, dickbauchigen – auch wenn es sich tatsächlich um die gleiche Menge Limonade handelt. Ihr Kind kann in diesem Alter den Zusammenhang zwischen Höhe und Weite des Glases noch nicht erkennen.

Ihr Kind macht aber seine ersten Schritte im Erfassen von Zusammenhängen. Im Rahmen der Sprachentwicklung entsteht das Verständnis für Symbole. Es versteht z.B. schon, dass das Pickerl mit der Katze am Kleiderhaken im Kindergarten ein Symbol für den eigenen Namen ist und das dort seine Jacke hingehört. Oder es versucht mit vertrauten Symbolen, wie z.B. Feen, das Leben zu erklären.

Ihr Kind geht bei der Entdeckung der Welt von sich selber aus. Es kann oft noch nicht zwischen der eigenen Phantasiewelt und der tatsächlichen Welt unterscheiden. Daher vermenschlicht es Dinge, und so wird ein Tisch böse, weil Ihr Kind sich an ihm gestoßen hat, und die Sonne ist lieb, weil sie so schön warm scheint. Da ist dem Stoffaffen genauso heiß wie Ihrem Kind, und selbstverständlich liebt auch das Krokodil Apfelmus. Ach ja, und das Schaukel-pferd hat die Zeichnung für Onkel Günther gefressen – auch wenn Ihrem Kleinen bereits klar ist, dass Rosinante sich nicht von alleine bewegen kann.

Je mehr es in Richtung 7. Geburtstag geht, umso mehr kann Ihr Kind zwischen der Phantasiewelt und der Realität unterscheiden. Es wird auf einmal nachvollziehbar, dass Wasser durch große Kälte zu Eis wird und nicht ein Eismann dahinter steckt. Das ist gut so. Sie unterstützen Ihr Kind sicherlich, wenn Sie ihm zunehmend sachliche Erklärungen anbieten. Hören Sie aber auch entspannt seinen Phantasiegeschichten zu: Da wird eine Banane schnell zum Telefon, um die Tante anzurufen, und anschließend wird die Banane genussvoll verspeist. Ihr Kind pendelt dann zwischen den verschiedenen Welten hin und her. Und tut es nicht auch im Erwachsenenalter gut, vor sich hin zu träumen, selbst wenn nicht alles immer in der Realität umgesetzt werden kann? So mancher wissenschaftliche Fortschritt entstand aus einem Phantasiebild.

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