Wenn Indianer traurig sind

Sie kennen es sicher: wenn Ihr Kind hemmungslos weint, die dicken Tränen die Backen herunterrinnen und Schluchzer in der kleinen Brust rasseln. Als Erwachsener ist man oft überwältigt ob dieses Schmerzes der ganzen Welt, der gerade dieses kleine Kinderleben belastet. Da kann der Anlass aus der erwachsenen Sicht ein kleiner sein, und schon kullern die Tränen. Wie geht es Kindern dann bei schweren Schicksalsschlägen? Manche Kinder müssen den Tod naher Menschen, vielleicht sogar eines Elternteils erleben. Andere werden schwer krank, müssen ins Krankenhaus. Oder die Eltern trennen sich. In diesen Situa-tionen braucht Ihr Kind besonders viel Aufmerksamkeit und Unterstützung, um diese Krisen zu verarbeiten. Gerade Vorschulkinder haben eine lebhafte Phantasie und neigen sowieso dazu, hinter jedem Baum eine böse Hexe oder einen schrecklichen Zauberer zu sehen. Eltern brauchen in dieser Situation dann oft besonders viel Geduld und Zeit, um ihrem Kindergartenkind die Situation verständlich zu machen. Oft sind aber Eltern genauso betroffen und mit den Nerven am Ende, wie ihre Kinder. Scheuen Sie sich daher nicht, für die ganze Familie Hilfe von Freunden, Beratungsstellen oder Psychologen/ Psychologinnen in Anspruch zu nehmen.

Um Ihrem Kind in schwierigen Situation helfen zu können, müssen Sie wissen: Kinder im Vorschulalter reagieren anders als Erwachsene. Vieles läuft unbewusst ab. Ein Vorschulkind weiß nicht, was trauern heißt. Es fehlt ihm die Erfahrung, dass das Leben – auch unter geänderten Umständen – eines Tages wieder schön sein wird. Es kann Ihnen nicht sagen: „Ich leide so schrecklich darunter, dass ihr immer gestritten habt und der Papa jetzt weg ist. Deshalb geht es mir so schlecht, bin ich so unruhig. Bitte, hilf mir.” Die Hilferufe der Kinder sind andere: Manche gehen in ihrer Entwicklung einen Schritt zurück, reden z.B. wieder in der Babysprache. Andere werden aggressiv, versuchen sich zu wehren. Manche werden von Ängsten gepeinigt, oft von Trennungsängsten. Auch psychosomatische Beschwerden – Kopfweh, Bauchweh, häufigere Erkrankung – können ein Hilferuf sein. Oder Verhaltensauffälligkeiten: Manche Kinder kapseln sich ab, manche verweigern sich.

Nicht nur die Reaktionen auf schlimme Erlebnisse, auch die Erlebniswelt und Gedankengänge der Vorschulkinder sind oft nicht einfach zu verstehen. Sie empfinden sich als den Mittelpunkt der Welt, sie beziehen alles direkt auf sich. Das kann dazu führen, dass Kinder bei Schicksalsschlägen starke Schuldgefühle entwickeln. Wenn der Vater stirbt, kann das Kind glauben, es sei schuld daran. Ein Kind im Vorschulalter hat nämlich noch keine Ahnung, was es bedeutet, wenn ein Mensch stirbt. Es kann sich nur die direkten Auswirkungen auf sich selbst vorstellen – und hat deshalb zuerst die Sorge, ob es weiter zu essen hat, wer es am Abend ins Bett bringt. Manchmal stellen Kinder in diesem Alter auch fast schockierende Fragen, z.B.: „Von wem bekomme ich jetzt die Puppe zum Geburtstag, die mir die Oma versprochen hat?” Damit meint das Kind aber nicht, dass ihm nur die Puppe an der Oma wichtig war. Ihr Kind fragt vielmehr, wie das Leben ohne Oma weitergehen soll.

Erst mit der Zeit erfassen Vorschulkinder, was ein endgültiger Verlust bedeutet. Sie merken, dass die anderen Menschen traurig sind – und trauern dann mit. Aber Kinder trauern auch anders als Erwachsene. Ihr Trauern ist oft nicht direkt sichtbar. Sie fragen vielleicht gar nicht nach dem verstorbenen Menschen – brechen dafür aber in heftiges Weinen aus, wenn z.B. ein Bleistift abbricht.

Tipps für Eltern

  • Bei allen Schwierigkeiten können Sie Ihrem Kind helfen, wenn Sie es ernst nehmen und sich in Ihr Kind einfühlen. Versuchen Sie sich vorzustellen, wie Ihr Kind die Situation erlebt.
  • Sie können Ihr Kind auch fragen, was ihm jetzt Angst macht, wovor es sich fürchtet oder worum es traurig ist.
  • Nehmen Sie sich in schwierigen Situationen die Zeit, mit Ihrem Kind das Geschehene ausführlich zu besprechen. So zeigen Sie, dass Sie in Krisen zu ihm stehen. Sie können Ihrem Kind auch helfen, indem Sie mit ihm die Situation mit Puppen und Teddybären nachspielen oder gemeinsam Bilderbücher zu diesem Thema lesen.
  • Wenn Ihr Kind heftig oder auch ungewöhnlich auf ein Erlebnis reagiert, sprechen Experten/Expertinnen in solchen Fällen von einer „Erlebnisreaktion“. Mitleid oder Bedauern helfen Ihrem Kind nicht weiter. Schimpfen oder Strafen machen die Sache noch schlimmer. Gerade jetzt braucht Ihr Kind Geduld, Verständnis und Unterstützung.
  • Wenn Sie selbst von einer Situation auch sehr betroffen sind, zögern Sie nicht, sich Unterstützung zu holen.
  • Versuchen Sie nicht, Ihr Kind mit Beruhigungsmitteln aller Art ruhig zu stellen. Sie verdecken so nur das Problem, helfen aber nicht wirklich.
  • Lassen Sie Ihr Kind auch hier durch Vorbild lernen. Zeigen Sie Ihrem Kind, wie Sie damit umgehen, wenn Sie traurig sind – und dass diese Gefühle auch wieder aufhören. Besuchen Sie gemeinsam kranke Freunde. Reden Sie mit dem Kind über Krankheit, Schmerz und was Menschen dabei helfen kann.
  • Nehmen Sie den Tod eines Haustieres ernst. Ersetzen Sie es nicht einfach durch ein neues, sondern begraben Sie es – und nehmen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind Abschied von seinem Liebling.
  • Es ist ganz normal, dass Ihr Vorschulkind manchmal ängstlich ist. Damit zeigt es sein Schutzbedürfnis. Zeigen Sie ihm, dass Sie seine Angst akzeptieren und dass Sie es schützen und ihm zur Seite stehen.
  • Was Ihrem Kind langfristig schaden kann, hängt von der Ursache ab: übertriebene Verwöhnung und Vernachlässigung beeinträchtigen seine Entwicklung. Schicksalhafte Ereignisse, wie Tod, Trennung, Krankheit, haben sicherlich einen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes, müssen aber nicht automatisch einen anhaltenden Schaden verursachen. Wichtig ist, welche Begleitung und Unterstützung das Kind bekommt.
  • Alle Formen von Gewalt und sexueller Missbrauch schädigen ein Kind und benötigen unbedingt professionelle Hilfe!

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