Wenn Ihrem Kind der Schuh drückt

Es ist klar, dass etwas nicht stimmt. Aber was? Beherrschen Sie die Kunst mit dem Kind ins Reden zu kommen, ohne es zu verhören oder haben Sie sich angewöhnt, nicht darauf zu reagieren, die Sorgen Ihres Kindes nicht so ernst zu nehmen?

Kinder sind Teil der Familie und dennoch eigenständige Menschen mit eigenen Vorstellungen, Erlebnissen und Sichtweisen über sich und die Umwelt. Sie lernen sich in ihrer Erfahrungswelt auszukennen; sie lernen fortwährend wahrzunehmen, zu unterscheiden, zu begreifen, zu spüren, richtig einzuschätzen, vieles davon zu benennen und damit umzugehen. Sie lernen Verbindungen herzustellen zwischen dem, was um sie passiert, und dem, was sie sich selbst vorstellen, woraus sie sich einen Reim machen oder was sie durch ihre Fantasie und im Spiel mit anderen erschaffen. Aber manchmal reagieren sie einfach auf das, was um sie herum passiert. Und dann soll sich einer auskennen! Auch das Kind!

Kinder nehmen so wahr, wie sie es eben können, aus und mit ihrer eigenen Perspektive und ihren Vorstellungen von dem, was um sie geschieht: sie reagieren auf Dinge, Möglichkeiten, und Menschen mit ihren verschiedenen Verhaltensweisen. Langsam erahnen sie deren Absichten und beschäftigen sich immer mehr mit der Welt. Die inneren Bilder der Kinder werden durch Erfahrungen ständig erweitert und bieten Grundlage für neues Handeln.

Kinder verfügen über viele Ausdrucksformen. Ein trotziges Kind teilt mit, dass es andere Absichten hat! Ängste sagen, dass eine Überforderung vorliegt, Bauchweh sagt, es tut was weh, vielleicht auch sonst noch was. Genau weiß man es kaum. Es wird klarer, dass etwas nicht stimmt, aber selten, was es ist oder was es war, das das Bedrückt sein bedingt.

Kinder verstehen heißt gut hinzuhören und oft auch Verhalten und Symptome „lesen“ lernen, ihre dahinterliegenden Anliegen zu enträtseln und diese wieder in eine Sprache zu übersetzen, welche dem Kind wiederum Alternativen und Auswege eröffnet. So kann man auch Symptome wie Bettnässen, Nägelbeißen, Stottern und dergleichen als Hinweise nehmen, dass es da noch was zu verstehen und zu berücksichtigen gibt.
Je mehr das Kind durch ihm wichtige Personen soziale Bestätigung und die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit seinen Gedanken und Sorgen findet, desto eher können Situationen, aber auch Gefühle, Stimmungen und Zustände erkannt, eingeordnet und oft auch von Kindern jüngeren Alters trotz der Vielschichtigkeit bewältigt werden.

Die inneren Realitäten des Kindes – das, was Kinder denken, fühlen und planen brauchen eine grobe Übereinstimmung mit den äußeren Realitäten (Familie, Schule, Freunde, Nachbarn, aber auch dem Umgang mit Medien). Nicht immer sind die äußeren Bedingungen veränderbar. Dann braucht das Kind Hilfe, mit dieser unveränderbaren Realität zurechtzukommen.

Hier finden Sie einige Hinweise, die helfen, dass Kinder leichter sagen und benennen können, wo der Schuh drückt, und das Darüberreden als gute Sache schätzen lernen:

  • Beantworten Sie Fragen geduldig. Durch Fragen lernen Sie kennen, was ihr Kind beschäftigt.
  • Vermeiden Sie es, Ihr Kind in Gegenwart Dritter bloß zu stellen. Erwachsene sind um ihren guten Ruf bedacht, Kinder auch!
  • Zeigen Sie Ihrem Kind oft Ihre Zuneigung, es wird dadurch nicht verweichlicht.
  • Nehmen Sie sich Zeit und schaffen Sie Möglichkeiten, seine Wünsche und Pläne, aber auch seine Schwierigkeiten, zu besprechen. So gewinnen und erhalten Sie sich sein Vertrauen.
  • Lenken Sie die Aufmerksamkeit auf die Stärken Ihres Kindes und stellen Sie seine Probleme nicht in den Mittelpunkt.
  • Unterstützen Sie die Fähigkeiten, die hilfreich erscheinen, damit Ihr Kind mit einer schwierigen Situation besser umgehen lernt.
  • Glauben Sie Ihrem Kind. Sichtweisen werden durch Worte, Verhalten und Haltungen bestärkt, ignoriert oder auch korrigiert. Bestätigt zu bekommen, was einem passiert ist und was man gesehen hat, ist oft schon die halbe Beruhigung!
  • Kinder verstehen eine konkrete, klare Sprache besser.
  • Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch seinem Erleben einen individuellen Sinn zuordnet. Versuchen Sie, die Dinge so zu sehen und zu benennen, wie sie für das Kind erscheinen, begleiten Sie Ihr Kind vor dem Hintergrund seiner inneren Realität und unterstützen Sie es.
  • Leiden und Schicksalsschläge fügen tiefe Wunden zu. Es gilt, alle Kräfte und Fähigkeiten zu mobilisieren. Kinder brauchen Hilfestellung und Begleitung von Erwachsenen, die diese individuellen Selbstheilungskräfte suchen, an sie glauben und sie nähren, damit Aufgabenbewältigung, wenn manchmal auch nur langsam, in Gang kommen kann.
  • Ermutigen Sie Ihr Kind, damit es an seine Stärken und Fähigkeiten glauben lernt.
  • Die Vergangenheit ist eine Vorratskammer, angefüllt mit wertvollen Ressourcen, die für das gegenwärtige Problem hilfreich sein können. Der Blick zurück hilft dem Kind sich zu erinnern, wie es früher Probleme erfolgreich überwunden hat und liefert Zuversicht für neue Aufgaben.
  • Je mehr es gelingt, Kindern zu vermitteln, dass sie auch selbst aktiv sein und Veränderungen in Gang bringen können, z.B. dass die Lehrerin nicht mehr schimpft, der Freund nicht mehr Sachen wegnimmt usw., desto leichter erscheint es auch für Kinder selbst, an mögliche Lösungen zu denken oder sich an andere um Hilfe zu wenden. Sorgen und Nöte lassen sich rascher beheben, wenn Sie mit Ihrem Kind reden.

Achten Sie auf den richtigen Zeitpunkt. Eine entspannte Gesprächssituation lässt sich häufig während des Spiels, beim Essen, beim Spazieren gehen oder vielleicht auch vor dem Einschlafen herstellen.

Und zum Schluss noch etwas: Vergessen Sie nicht, die Füße kleiner Kinder wachsen manchmal recht schnell und im Handumdrehen drückt der Schuh, weil er plötzlich zu klein geworden ist.

Autor: Dr. Gerda Mehta, Klinische- und Gesundheitspsychologin

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