Wenn einer eine Reise tut

Die Beständigen
Sabine und Bernhard wohnen mit ihren beiden Kleinkindern und der 12-jährigen Tochter in einer familienfreundlichen Siedlung auf dem Land. Trotzdem haben sie sich heuer dazu entschlossen, den Urlaub auf einem Bauernhof in den Bergen zu verbringen. „Die Cluburlaube mit Kinderbetreuung sind nicht das, was uns Erwachsenen Erholung gebracht hat“, sagt Sabine. Und Bernhard fügt hinzu: „Unsere Kinder wachsen zwar auf dem Land auf, aber bei uns gibt’s rundherum keinen Bauernhof. Außerdem können wir gemeinsam geruhsame Zeiten verbringen.“ Etwa beim Wandern oder beim Planschen im Bergsee. Besonders Bernhard freut sich schon sehr auf den Urlaub: „Ich bin von Kindesbeinen an bis zur Matura mit meinen Eltern in den immer gleichen Ort, zu den immer gleichen Vermietern gefahren.“ Langweilig ist ihm nie geworden – „ich habe noch immer Freunde dort“. Und auf dem Heimweg werden sie bei den Eltern, die schon seit vierzig Jahren ihre Urlaube dort verbringen, vorbeischauen.

Welche Sehnsucht steckt hinter diesem Wunsch nach Beständigkeit und Heimat? Psychoanalyst Dr. Walter Hoffmann: „Im Allgemeinen gibt eine vertraute Umgebung Sicherheit. Man weiß, was einen erwartet, muss sich auf nichts Neues einlassen und kann sich, sofern man ein Typ ist, der eher ängstlich und strukturiert ist, wunderbar erholen. Cluburlaube, Kreuzfahrten und Busreisen werden von einem ähnlichen Menschen-
typus bevorzugt, denn“, so der Experte weiter, „wenn ich einen rundum organisierten Urlaub buche, muss ich mich um nichts mehr kümmern, kann die Verantwortung abgeben und mich gänzlich der Erholung widmen.“ Die perfekte Wahl für Menschen, die sich Enttäuschungen ersparen wollen, sich einmal rundum entspannen und entlasten wollen.

Die Losgelassenen
Entspannung? Das brauchen auch Renate und Maria, Jung-Managerinnen, Singles und Mitte zwanzig. Die beiden suchen allerdings nicht die Ruhe, sondern das pralle Leben. Die Freundinnen verreisen seit Langem gemeinsam, ihnen ist es egal, wohin die Reise geht, sie haben nur ein Ziel: „Wir wollen etwas erleben, einfach mal nicht nachdenken müssen, sondern uns das nehmen, was uns gefällt, nur das tun, wozu wir Lust haben. Und da wir Singles sind“, lacht Renate, „lassen wir es so richtig krachen.“ Ob die Reise nun, wie heuer, nach Ibiza geht oder wie voriges Jahr nach Mykonos, ist einerlei. „Drei Wochen nur Party, Strand und Sonne. Und davon zehren wir dann das ganze Jahr über. Da müssen wir“, sagt Maria „dann sowieso wieder für die Firma leben.“

Hoffmann: „Auf Partyinseln trifft man auf jüngere Menschen, die es sich gönnen, einmal im Jahr aus ihrem Alltag auszubrechen, der meist in sehr geordneten Bahnen verläuft. Und die es sich nur im Urlaub und unter Gleichgesinnten erlauben, sich so richtig austoben.“

Die Sammler
Das Unternehmen, in dem die beiden beschäftigt sind, gehört Marias Eltern, die im Urlaub, so Maria, „von einer Ruine zur nächsten und von einem Museum ins andere gehen und höchstens mal früh- morgens schnell eine Runde im Hotelpool schwimmen, weil die Besichtigungstour schon um halb acht Uhr losgeht. Die kommen völlig erschöpft aus dem Urlaub zurück, weil es sooo anstrengend war.“ Aber: „Sie haben Eindrücke gesammelt, was zu erzählen und Hunderte Bilder zu zeigen – und natürlich können sie es nicht lassen, spitze Bemerkungen über Leute, die nur am Strand herumliegen, zu machen.“ Ach ja, manche der Stadt- und Studienreisenden, die Bildungsbürger, wie man sie auch gerne nennt, machen es sich oft selbst schwer. Ist ja eine feine Sache, sich das kulturelle Schaffen der Menschheit anzusehen und auf sich wirken zu lassen. Was aber treibt Menschen dazu, sich mit hängender Zunge von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten zu schleppen?

Hoffmann: „Oft sind das Menschen, die sich schwertun, etwas zu genießen, und rastlos von einem Ort zum anderen ziehen. Es sind aber auch Menschen, die interessiert sind und sich gut auf diese Reisen vorbereiten. Und dann gibt es auch solche, die diese Reisen machen, weil sie mit möglichst viel Programm eine innere Leere überdecken, aber auch jene, die nur reisen, um mitreden zu können, weil doch alle Welt schon die ganze Welt gesehen hat.“ Helga und Klaus, ein kinderloses Paar um die fünfzig, haben einen gute Mittelweg gefunden: „Wir überlegen uns vorab, was wir uns gerne ansehen möchten, und planen dazu noch eine Woche ein, in der wir uns erholen und die Eindrücke verarbeiten können. Viele Destinationen sind schon sehr überlaufen, aber Sehenswürdigkeiten sind im wahrsten Sinn des Wortes würdig, gesehen zu werden. Das lässt einen die Strapazen völlig vergessen“, sagt Klaus.

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