Welchen Stellenwert haben Lob und Strafe in der Erziehung?

Babys werden mit Lob und Bewunderung noch förmlich überschüttet. Jeder Entwicklungsschritt wird meist als großes Ereignis gefeiert. In dem Moment aber, indem das Kind mobil wird und damit mehr und mehr in den Lebensbereich der Erwachsenen eindringt, ist es oft fast ausschließlich mit Kritik und Tadel konfrontiert. Das ist schade, denn Lob hilft dem Kind, an sich selbst zu glauben, selbstsicher zu werden und damit die unvermeidlichen Misserfolge und Rückschläge leichter verkraften zu können. Lob ist außerdem ein wesentlicher Ansporn für das Kind, sich weiter zu bemühen und trägt außerdem zu einer entspannten Beziehung zwischen Eltern und Kind bei.

Um diese positiven Wirkungen des Lobens auch wirklich zu erzielen, muss allerdings einiges beachtet werden: loben Sie nicht zu allgemein. „Du bist aber ein liebes Kind“ gibt dem Kind keinen Anhaltspunkt, worauf es eigentlich stolz sein soll. „Es ist toll, dass du aus deinen Bauklötzen so einen hohen Turm bauen kannst“, ist hingegen ein Lob, das das Kind anspornt, seine Geschicklichkeit weiter zu trainieren. Vermeiden Sie, Tadel und Lob zu vermischen: „Ich freu‘ mich, dass du jetzt so brav allein gespielt hast, aber das Kinderzimmer schaut wieder entsetzlich aus!“. Hier überwiegt die Kritik, das Lob wird stark abgewertet und verliert damit seine anspornende Wirkung. Loben Sie auch nicht automatisch und vor allem wirklich nur dann, wenn Ihnen danach zumute ist. Machen Sie sich aber zur Gewohnheit, Ihr Kind zumindest häufiger zu loben als zu kritisieren.
Strafe und insbesondere körperliche Bestrafung sind für viele Menschen noch aus der eigenen Kindheit her untrennbar mit Erziehung verbunden. Dass sich diese Erziehungsstrategien über viele Generationen erhalten haben, ist eigentlich verwunderlich, da sie erwiesenermaßen nicht sonderlich wirkungsvoll sind.

Strafen und vor allem Schläge zielen letztlich darauf ab, dem Kind Angst zu machen. Angst aber behindert die Lernfähigkeit des Kindes und blockiert auf lange Sicht seine Entwicklung. Besonders jungen Kindern fehlt außerdem oft die Fähigkeit, einen Zusammenhang zwischen seinem Verhalten und der Strafe zu erkennen.

Jede Ohrfeige, jeder Schlag auf die Finger ist Gewaltausübung. Kinder lernen daraus hauptsächlich, dass Gewalt ein Mittel ist, mit dem man sich gegen Schwächere durchsetzen kann. Was Strafen und Schläge sicher bewirken, ist, dass sie das Vertrauen des Kindes in die Eltern erschüttern. Auch das kindliche Selbstwertgefühl wird dadurch sehr stark beeinträchtigt.

„Wenn mir meine Eltern so wehtun, können sie mich nicht lieb haben, also bin ich nicht liebenswert.“ Kinder, die so verunsichert sind, werden oft aggressiv und neigen dazu, sich immer wieder auf Machtkämpfe mit den Erwachsenen einzulassen. Oder aber Kinder verlieren aus Angst vor weiteren Strafen jeden Mut zur Aktivität und werden völlig gehemmt.

Kinder, und ganz besonders Kinder im zweiten und dritten Lebensjahr, sind anstrengend, kosten viel Nervenkraft und Energie. Oft ist allzu großer Stress und das Gefühl der Ohnmacht dem Kind gegenüber der Grund, dass Eltern „die Hand ausrutscht“.

In dem Zusammenhang ist es besonders wichtig, dass Sie als Eltern zumindest manchmal auch die Möglichkeit haben, sich von den Anstrengungen der Erziehungsarbeit zu erholen. Vielleicht ist Ihr Partner bereit, Ihnen das Kind ab und zu abzunehmen und Ihnen dadurch eine „Erholungspause“ zu ermöglichen, oder es finden sich dafür Großeltern oder Bekannte.

Kinder können es durchaus verkraften, hin und wieder von jemand anderem beaufsichtigt zu werden. Nur, wer zumindest hin und wieder die Möglichkeit hat, Energie zu tanken, hat auch Kraft genug, dem Kind „natürliche“ Autorität zu sein, es zu lenken, konsequent zu sein, aber das Kind nicht „beherrschen“ zu müssen.

Wir erziehen das Kind durch unser Vorbild.

Ein wesentlicher Erziehungsfaktor, der nur allzu oft nicht bedacht wird, ist der Wunsch unserer Kinder, so zu werden wie wir. Sie ahmen uns nach. Dieses Nachahmen setzt schon sehr früh im Babyalter ein und wird besonders deutlich im Kleinkindalter. Das Kind möchte das tun, was es bei Ihnen sieht, es will auch kochen, zusammenkehren, es übernimmt Ihren Tonfall beim Sprechen, Ihre Bewegungen beim Gehen, aber es übernimmt noch mehr. Identifikation – sich orientieren an einem Vorbild – ist die wahrscheinlich bedeutendste Erziehungskraft, stärker als alle bewussten Erziehungsversuche, stärker als Lob und Strafe. Durch diese Identifikation übernimmt das Kind Ihre Einstellungen, Ihre Werte und Normen. Allerdings ist das Kind nur bereit, Menschen als Vorbild anzunehmen, die es liebt und bewundert. Daraus ergibt sich die enorme Bedeutsamkeit einer positiven – durch Zuneigung und Vertrauen geprägten – Beziehung zwischen Eltern und Kind. Eltern, die ihren Einfluss hauptsächlich mit Strafen durchzusetzen versuchen, haben wenig Chance, vom Kind als Vorbild angenommen zu werden.

Lass doch das Kind, sei nicht immer so streng “ Einigkeit in der Erziehung?

Was wir in der Erziehung für wichtig halten, was wir dem Kind verbieten, was wir mit Nachdruck von ihm fordern, dafür gibt es kein Patentrezept. Der eine wird gelassen zuschauen können, wenn das Kind in der Regenpfütze spielt und sich an seiner Begeisterung erfreuen, der andere wird es aus Angst, das Kind könne sich nass machen und dann verkühlen, von der Pfütze wegziehen.

Die Wertigkeit, die wir den einzelnen Erziehungszielen beimessen, resultiert hauptsächlich aus den Erfahrungen unserer eigenen Kindheit. Daraus ergibt sich, dass auch Menschen, die sich als Partner gut verstehen, nicht notgedrungen im Umgang mit dem Kind immer einig sind. Wie wirkt es sich auf ein Kind aus, wenn Eltern unterschiedliche Erziehungsziele anstreben und unterschiedliche Erziehungsmethoden anwenden?

Kinder sind äußerst flexibel und im Prinzip durchaus in der Lage, sich auf die unterschiedlichen Erwartungen und Anforderungen von Mutter und Vater einzustellen und von deren individuellen Fähigkeiten auch zu profitieren. So kann es für ein Kind durchaus bereichernd sein, wenn es mit Hilfe seines Vaters am Spielplatz das hohe Klettergerüst bezwingen kann, während die Mutter in dieser Situation eher bremst und auf die Gefahr des Herunterfallens hinweist.

In diesem Fall kann das Kind vom Vater lernen, dass es sich lohnt, seine Angst zu überwinden, von der Mutter, dass man in gefährlichen Situationen auch die Risiken bedenken muss.

Schwierig wird es für ein Kind, wenn die Eltern in ihrer Vorstellung, wie ein Kind erzogen werden soll, in sehr vielen Bereichen unterschiedlicher Meinung sind.

Dies macht es für ein Kind fast unmöglich, allgemein gültige Regeln zu erkennen und zu erfassen, was von ihm erwartet wird.
Besonders belastend wirkt es sich auf das Kind aus, wenn die unterschiedliche „Vorstellung“ über Erziehung zu ständigen Konflikten und Streitigkeiten zwischen den Eltern führt. Das Kind wird dadurch verunsichert und muss notgedrungen Schuldgefühle entwickeln, schließlich erlebt es sich selbst als Ursache des Kampfes der Eltern. Außerdem wird ein Kind in einer solchen Situation geradezu gezwungen, die Eltern gegeneinander auszuspielen.

Wenn Sie mit Erziehungsmethoden Ihres Partners nicht einverstanden sind, ihn für zu streng oder zu gewährend halten, versuchen Sie, den Konflikt in einem Gespräch ohne Beisein des Kindes zu klären. Das Beste für ihr Kind erreichen Eltern immer, wenn sie miteinander arbeiten.

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Autor: Dr. Annemarie Kumer

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