Was heißt hier Liebe?

Seit über 25 Jahren – erzählt er mir – begleitet Günther Vetter nun schon Menschen auf ihrem Weg zu sich selbst. Nie sieht er sich dabei als „Lehrer“, der übernommenes Wissen weiter gibt – sondern viel mehr als Begleiter auf der gemeinsamen Reise ins Abenteuer Leben. Die Form seiner Bewusstseins-Arbeit hat sich im Lauf dieser Jahre ständig gewandelt, und dennoch gibt es einen roten Faden: Zentrales Thema ist die LIEBE…

Günther, wie soll man sich eine „Liebes-Therapie“ vorstellen?
Auf den Punkt gebracht geht es heute bei meiner Arbeit nur mehr um eine wesentliche Frage: welche Ablehnungen, Verweigerung, Verneinung, kurz – welches NEIN trennt mich von der Liebe? Konkret: „Was will ich unter keinen Umständen spüren oder erleben? Was ist das Schlimmste, das ich auf alle Fälle verhindern will? Wovor hab ich am meisten Angst?“… Und in der ehrlichen Antwort auf diese Frage (z.B. „Ich will auf keinen Fall ausgeliefert, hilflos sein…“) steckt die tiefste Wurzel unseres Problems oder Unbehagens. Dort liegt der Kulminationskern für unser Ego – denn dort, an jenem Ort in mir, den ich NIE und NIMMER aufsuchen, ja den ich gar nicht sehen will, kann sich mein Ego ungestört ausbreiten und entfalten. Wenn ich diese, meine größte Angst gefunden habe, dann schaue ich nicht mehr schnell weg, sondern spüre ganz genau hin – ich koste aus, wie es sich anfühlt, ausgeliefert und hilflos zu sein… Und das tue ich einfach so lange, bis meine Angst weg geschmolzen ist. Denn durch die Aufmerksamkeit verliert sie zunehmend an Energie und Macht – irgendwann brauche ich mich ja nicht mehr davor zu fürchten, denn jetzt weiß ich zur Genüge und aus Erfahrung, wie es ist, ausgeliefert zu sein und dann bin ich von dieser Prägung, von dieser Überzeugung frei!

Eigentlich die logischste Form der Bewusstseins-Arbeit…
…und die effizienteste. Aber auch eine sehr radikale, denn wenn man sich darauf einlässt, gibt es keine Ausreden mehr. Man muss raus aus der Opferrolle und totale Eigenverantwortung übernehmen – ehrlich hinschauen und selbstbestimmt handeln. Es braucht großen Mut, sich dem zu stellen, wovor man sich am meisten fürchtet. Wenn du eine Eigenschaft oder ein Gefühl dein ganzes Leben lang nur extrem abgelehnt hast, ist es gar nicht einfach, sich plötzlich damit zu identifizieren. Und Menschen, die gewohnt sind, immer im Außen nach Schuldigen für ihre Misere zu suchen, werden sich vermutlich gar nicht darauf einlassen…

Aber auch wenn’s ziemlich heavy sein kann – die Rückmeldungen jener, die sich getraut haben, da durchzugehen, sind durchwegs positiv, denn sie sind in ihrem gegenwärtigen Leben angekommen!

Und was hat das alles mit der Liebe zu tun…?
Sehr viel! Aber um das zu verstehen, müssen wir erst mal „Liebe“ definieren. Denn die meisten Menschen denken beim Wort „Liebe“ gleich an das romantische Gefühl zwischen Mann und Frau oder zwei Menschen – diese Assoziation beschreibt aber nur einen Bruchteil dessen, was Liebe tatsächlich ist.

Liebe ist in Wirklichkeit… (sucht nach Worten) …viel umfassender, weiter, breiter… Sie bezieht sich nicht bloß auf zwei oder mehrere Menschen oder Dinge… Liebe bedeutet ganz allgemein Hinwenden statt Abwenden. In der Bewusstseinsarbeit heißt das: Hinwenden zu dem, worum es wirklich geht, mich sogar jenen Anteilen in mir zu öffnen, die ich am allermeisten ablehne. Liebe ist Hinwendung mit dem Herzen, JA zu sagen, das herein zu lassen und anzunehmen, was wirklich ist, ganz ohne Beschönigen, Verfälschen, Schlechtmachen, Bewertung. Deshalb ist die Liebe für mich die Basis meiner Arbeit – ohne sie geht‘s nicht. Das heißt natürlich nicht Opfer der Umstände zu werden. Doch wenn mich meine Muster und Prägungen nicht mehr bestimmen, kann ich selbstbestimmt und ohne mich zu verschließen JA oder NEIN sagen. Bin ich mit meiner Präsenz in der Gegenwart und unbelastet von der Vergangenheit.

So gesehen passt es aber doch auch für die Paar-Beziehung…
Schon. Denn wer wirklich liebt, kann den anderen nur so lieben, wie er wirklich IST. Andernfalls liebe ich ja bloß meine eigene Wunschvorstellung oder irgendein Bild, das ich mir von diesem Menschen zurechtgezimmert habe.

Ich arbeite auch mit Paaren – und erlebe dabei immer wieder noch eine andere interessante Eigenschaft der Liebe: Sie öffnet uns und bringt Verdrängtes ans Licht. Sie führt uns genau dorthin, wo wir sonst nie hinsehen würden. Sobald wir einen Menschen lieben, lassen wir ihn ganz nahe an uns herankommen – und sofort drängen die tiefsten, unangenehmsten Gefühle und Verhaltensweisen an die Oberfläche… Wenn wir dann mit diesen schwierigen Themen (Angst, Macht, Aggression, etc.) nicht umzugehen wissen, dann zerbrechen Beziehungen zu Hunderten… „und dabei haben wir uns wirklich geliebt“, jammern die Leute dann und erkennen nicht, dass gerade deshalb…

Wer also bereit ist, sich in Liebe zu öffnen, dem werden die Masken nach und nach runter gerissen – ein Grund, warum viele Menschen Angst haben vor der Liebe. Dort wo Liebe ist, ist kein Ego mehr. Und ohne Ego wird’s für manche ziemlich unangenehm, denn dann ist das Wollen und die Kontrolle weg… und was dann?

„Wollen“ ist also das Gegenteil von Liebe?
Sobald ich etwas WILL, kann ich nicht mehr wirklich lieben, denn Lieben ist ja annehmen was IST. Liebe ist pure Hingabe an das Leben. Wenn ich etwas „will“, heißt das, ich bin unzufrieden mit dem, was mir das Leben gerade vor die Nase setzt – ich will etwas Anderes, als Realität ist. Und das muss zwangsläufig Probleme bereiten, denn dann trenne ich mich ja innerlich von dem, was das Leben gerade jetzt mit mir vorhat, vom Fluss des Lebens… Festhalten, eine Vorstellung haben, Machen, etwas haben wollen – all das ist das Gegenteil von Liebe, es verursacht Leid und Probleme und trennt uns vom Ganzen.

Wir sollten auch erkennen, dass sich die Liebe nicht „wollen“ lässt – ich kann nicht gezielt etwas dazu beitragen oder machen, um jemanden zu lieben. Ich kann etwas dafür tun, dass eine Beziehung funktioniert – aber die Liebe kommt und geht in Wellen, ohne dass wir irgendeinen Einfluss darauf nehmen könnten. Und in jeder Beziehung gibt es Zeiten, wo gar keine Liebe da ist – das ist eigentlich ganz normal, aber oft ein Tabuthema. Denn die meisten Menschen glauben, „echte Liebe“ muss durchgehend in gleich bleibender Intensität und ohne Pause vorhanden sein. Aus schlechtem Gewissen heraus machen sie sich dann gegenseitig was vor, tun recht liebevoll… und so fängt die Misere an…

 

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