Warum Kinder beide Eltern brauchen

Mit Kindern ändert sich die Paarbeziehung häufig von Grund auf. Der Traum von der vollkommenen Harmonie zu dritt oder zu viert erfüllt sich in den seltensten Fällen, Verunsicherung, Überlastung, Mangel an Schlaf, Zärtlichkeit und Sexualität kann die Partnerschaft auf die Probe stellen. Daher ist es gerade in den ersten Monaten und Jahren nach der Geburt ganz besonders wichtig, dass Eltern einander unterstützen, wo immer es nur geht. Nicht nur die Mütter, auch die Väter sind gefragt. Durch Kinder eröffnen sich den Eltern neue Empfindungen: sie sind gemeinsam für das gedeihliche Aufwachsen ihrer Tochter oder ihres Sohnes verantwortlich. Sie sind die wichtigsten Bezugspersonen für diesen jungen Menschen, der im Schutzraum Familie seine ersten prägenden Lebenserfahrungen macht.

Mit der Ankunft des Kindes erinnern sich junge Eltern an ihre eigene Kindheit, die damals gemachten Erfahrungen beeinflussen aktuelle Verhaltensweisen. Reaktionen des/der PartnerIn oder der Großeltern werden aufgrund einer anderen Lebensgeschichte missverstanden oder sogar abgelehnt. Konflikte sind vorprogrammiert, wenn es nicht gelingt, über diese Unterschiede zu reden. Das Wiederaufleben der eigenen Wahrnehmungen als Kind hat aber auch gute Seiten: Eltern können ihr Verständnis für sich selbst erweitern und ein aufeinander eingespieltes Erziehungsverhalten entwickeln.

Die meisten Eltern wünschen sich ein zufriedenes Zusammenleben mit Kind und PartnerIn und wollen häufig alles besser machen als ihre eigenen Eltern. Mütter genießen die Exklusivität der neuen Zweisamkeit mit ihrem Kind. Manchmal sind sie so auf das Baby fixiert, dass sie sowohl auf ihre eigenen aber auch auf die Bedürfnisse ihres Partners vergessen. Die Mitarbeit und Unterstützung des Vaters wäre von Anfang an wichtig. Väter stehen Müttern um nichts nach, sie erleben die Intensität des Elterndaseins allerdings nur in dem Ausmaß, in dem sie sich mit dem Kind beschäftigen.

Mutter und Vater erwerben neue Kompetenzen im Umgang mit dem Kind. Sie entwickeln jeder für sich, eine eigenständige Beziehung zum Kind. Dafür ist die Bereitschaft gefordert, einen Teil des bislang ihnen allein vorbehaltenen Terrains zugunsten des anderen Elternteils aufzugeben. Konkurrenzerlebnisse kann es in diesem Zusammenhang auf mehreren Ebenen geben. In jedem Fall ist es wichtig sich darüber austauschen. Hier ein paar Beispiele: Das Kind lässt sich lieber von der Mutter trösten, es lächelt den Vater häufiger an, es spielt mit dem Opa lieber und weint, wenn es die Oma sieht.

Für die Entwicklung von Kindern ist alles von Bedeutung, was die Familie an Zeit, Energie und Talenten verfügbar hat. Säuglinge sind bereits ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, die sich mit ihren Regungen, Vorlieben und Bedürfnissen nicht unbedingt an Tabellen und Erziehungsratgeber halten. Ältere Kinder wissen aus Erfahrung über die Stärken und Schwächen der Erwachsenen Bescheid, sie suchen die Unterstützung dort, wo sie die besten Chancen auf Erfüllung sehen. Da niemand in der Familie 24 Stunden am Tag verfügbar sein kann, ist das auch gut so.

Eltern sollten ihren Kindern zuliebe nicht auf alles verzichten. Liebgewonnene frühere Hobbys können wieder aufgenommen werden, wenn die PartnerInnen einander in der Kinderbetreuung ablösen, ebenso darf auf gemeinsame Unternehmungen bzw. das Treffen mit FreundInnen nicht verzichtet werden. Auch Eltern brauchen Zeit. Wer nur verzichtet, wird es schwer haben, sich dem Nachwuchs entspannt zuzuwenden.

Kooperationen im Interesse des Kindes sind nicht nur innerhalb der Familie sondern auch im sozialen Umfeld wichtig. Der Kindergarten oder die Kindergruppe kann zu einer „zweiten“ Heimat außerhalb der Familie werden, das Übernachten bei Großeltern oder FreundInnen stärkt das Selbstbewusstsein und trägt zur Autonomieentwicklung der Kinder bei. Spätestens beim Eintritt in die Schule verlassen alle Kinder die Familie für längere Zeit. Zehnjährige gestalten sich ihren Tag überwiegend alleine – die Eltern sind meist nur noch bei auftretenden Schwierigkeiten gefragt. Je älter die Kinder werden, desto mehr schätzen sie es, die Meinungen von Erwachsenen als Orientierungshilfe zu hören. Da kann es durchaus vorkommen, dass Mutter und Vater anderer Meinung sind. Argumente und Gegenargumente abzuwägen, sich eine eigene Meinung zu bilden, gehört zum Erwachsen werden. Bestimmte Themen wollen Kinder manchmal lieber nur mit einem Elternteil vertraulich besprechen: „Männergespräche“, „Frauengespräche“.

Und was ist zu tun, wenn Mutter oder Vater ausfallen und nur ein Elternteil zur Verfügung steht? Der Anspruch Vater und Mutter gleichzeitig für das Kind sein zu müssen zeigt die Neigung der Betroffenen zur Überforderung. Es besteht die Gefahr, der Beziehung zum Kind zu viel Gewicht zu geben und dadurch eigene Bedürfnisse zu vernachlässigen. Dabei wäre es in vielen Fällen möglich, dass der Elternteil, der nicht mehr im gemeinsamen Haushalt lebt, seine Erziehungs- und Beziehungsaufgaben ebenso wahr nimmt. Die Kunst besteht im Aushandeln von Vereinbarungen, die für alle Beteiligten erfüllbar sind, und daher auch eingehalten werden können. Mutter und Vater sind für die Identitätsentwicklung von Buben und Mädchen gleichermaßen wichtig.

Autor: Dr. Belinda Mikosz, Klinische-und Gesundheitspsychologin

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