Vom Recht auf ein eigenes Nest

Es hat sehr lange gedauert, bis wir Eva‘s Betreuerinnen/Betreuern in der Wohneinrichtung das notwendige Vertrauen entgegenbringen konnten. Uns war es einfach wichtig, gehört zu werden, aber auch wahrzunehmen, dass es Eva in ihrem neuen Zuhause gut geht. Mit der Zeit erkannten wir, dass unsere Tochter nicht mehr das kleine geistig behinderte Mädchen war, das es zu beschützen und zu umsorgen galt. Sie war erwachsen geworden. Es war nun an der Zeit, sie loszulassen. Von diesem Zeitpunkt an fiel es Eva und auch uns leichter, mit der neuen Situation gut zurechtzukommen,“ erinnern sich Evas Eltern.

„Hin und wieder rufe ich sie an, erreiche sie aber nur selten. Immer ist was los, soviel an Programm könnte ich ihr zu Hause gar nicht bieten. Das möglichst eigenständige Zusammenleben mit anderen Menschen ist eine Bereicherung für Evas Leben. Ich weiß nun, dass ihr Umzug in die Wohneinrichtung eine gute Entscheidung war. Eva ist eine erwachsene Frau, sie soll ihren eigenen Weg gehen. Ja, und wir werden auch nicht jünger, für immer können wir sie nicht betreuen. An gemeinsamen Wochenenden genießen wir das entspannte Miteinander,“ erzählt Evas Mutter mit viel Gelassenheit.

Das Loslassen als zentrales Thema steht hier im Mittelpunkt des Erlebens aller Beteiligten, egal ob mit oder ohne Behinderung. Von vielen Eltern wird das Loslassen als wichtiger Lernprozess beschrieben, der sich sehr individuell gestaltet. Ziel ist immer, den Jugendlichen ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Eltern sollten aber auch auf ihre eigenen Bedürfnisse achten.

Führt die Pflege oder Betreuung zur permanenten Überforderung der Familie, sollten Sie sich rasch Hilfe organisieren. Wann der richtige Zeitpunkt ist, um außerfamiliäre Wohnformen in Anspruch zu nehmen, ist individuell sehr verschieden. Jede Familie wird ihren ganz persönlichen Weg finden.

Jugendliche werden in sehr unterschiedlichem Tempo und auf unterschiedliche Weise erwachsen. Eltern von Jugendlichen mit einer Behinderung fällt es oft besonders schwer, deren Erwachsensein zu akzeptieren, vielleicht auch, weil diese Jugendlichen auf ihrem Weg zu größtmöglicher Selbständigkeit mehr Begleitung brauchen. Ein wichtiger Teil dieses Weges besteht darin, geeignete Wohnperspektiven mit den Jugendlichen zu entwickeln.

Selbständiges Wohnen von Jugendlichen mit Behinderungen muss sich an deren Bedürfnissen orientieren. Diese gestalten sich sehr unterschiedlich: Die Palette der Möglichkeiten reicht von zu Hause bei der Familie, einer betreuten Wohngemeinschaft, Selbständigkeit in einer eigenen Wohnung mit stundenweiser Betreuung bis hin zu einer Wohneinrichtung mit 24 Stunden Betreuung.

Setzen Sie sich rechtzeitig mit den verschiedenen Möglichkeiten der Unterstützung bezüglich Wohnen auseinander, um genügend Zeit für eine gute Vorbereitung zu haben. In den letzten Jahren sind in allen Bundesländern unterschiedliche Wohnformen für junge und erwachsene Menschen mit Behinderungen entwickelt worden. Die Einrichtungen unterscheiden sich besonders im Ausmaß der angebotenen Betreuung. Fast immer kann der persönliche Wohnbereich individuell gestaltet werden. Dem Betreuungspersonal ist der Kontakt mit den Angehörigen der Bewohner/innen wichtig. Die Betreuer/innen helfen beim Aufbau eines möglichst eigenständigen Lebens. Hilfe wird dort angeboten, wo sie notwendig ist.

Verschiedene Wohnformen kurz dargestellt

Kurzzeitwohnen
Viele Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderungen bieten die Möglichkeit des Kurzzeitwohnens an. Das heißt, dass Ihre Tochter oder Ihr Sohn für eine begrenzte Zeit in der Einrichtung wohnen kann und dort betreut wird. Diese auf kurze Zeit befristete Wohnform ist eine Unterstützung für das unmittelbare familiäre und soziale Umfeld des Menschen mit Behinderungen bzw. eine Möglichkeit der Entlastung betreuender Angehöriger. Gleichzeitig bekommt die/der Jugendliche die Möglichkeit, das Wohnen in einer Einrichtung auszuprobieren. Nehmen Sie rechtzeitig Kontakt mit der gewünschten Einrichtung auf, um gut planen zu können.

Teilbetreutes Wohnen

Teilbetreutes Wohnen bezeichnet ein Angebot mit stundenweiser Betreuung, das zeitlich unbefristet genutzt werden kann. Menschen mit Beeinträchtigungen wohnen in der eigenen Wohnung oder in einer so genannten Wohngemeinschaft (WG). In einer WG leben sie in familienähnlichen Gruppen zusammen. Je nach ihren individuellen Bedürfnissen werden die Bewohner/innen im Alltag von Fachpersonal unterstützt. Die Wohngemeinschaften werden von Trägerorganisationen zur Verfügung gestellt und betreut.

Vollbetreutes Wohnen

Das Angebot des vollbetreuten Wohnens richtet sich an Menschen, die mehr als eine stundenweise Betreuung im Alltag benötigen. Je nach individuellen Bedürfnissen steht bis zu 24 Stunden täglich Betreuung zur Verfügung. Diese Betreuungsform kann auch als Zwischenschritt zu einem selbständigeren Leben, etwa in Form des teilbetreuten Wohnens, dienen. Bei Bedarf kann vollbetreutes Wohnen aber auch dauerhaft in Anspruch genommen werden. Vollbetreutes Wohnen wird durch eine Tagesstruktur mit z.B. vielfältiger handwerklicher Beschäftigung ergänzt. In den letzten Jahren hat sich ein eindeutiger Trend weg von großen Behinderteneinrichtungen hin zu kleineren, familiär geführten Wohnangeboten etabliert.

Barrierefreies Wohnen

Das Handbuch BARRIERE:FREI! bietet Informationen über normgerechte Ausführungen in Wohnräumen, um Menschen mit Behinderungen Mobilität und Selbständigkeit zu Hause zu ermöglichen. Sie können das Handbuch beim Broschürenservice des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz bestellen oder unter www.bmask.gv.at herunterladen.

Auch der Bereich Wohnen von Menschen mit Behinderungen gestaltet sich in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich. Mit Fragen wenden Sie sich an die jeweilige Wohneinrichtung, an Ihre zuständige Landesregierung bzw. Bezirksverwaltungsbehörde bzw. in Wien an den Fond Soziales Wien.

Ihre zuständige Bezirksverwaltungsbehörde informiert Sie auch über bestehende Angebote in Ihrer Umgebung. Nehmen Sie Kontakt mit der jeweiligen pädagogischen Leitung der Einrichtung auf und planen sie eine Besichtigung, um herauszufinden, ob das Wohnangebot Ihren Vorstellungen entspricht.

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