Vergeben bedeutet, freier zu werden!

Trennungen, beruflicher Misserfolg, Mobbing, fehlende Anerkennung oder auch einfach einmal der vergessene Hochzeitstag: Zu unserem Leben gehören Kränkungen aller Art dazu. Und diese Kränkungen haben oft zur Folge, dass wir uns die Opferrolle überstülpen lassen. Wie aber können Kränkungen überwunden werden? Dieser Frage geht die Seelsorgerin, Ordensfrau und Autorin Melanie Wolfers (46) in ihrem Buch „Die Kraft des Vergebens“ nach. Für Wolfers ist ganz klar: Nur Vergebung führt zur inneren Aussöhnung mit sich selbst. Nur die innere Aussöhnung führt zum Ausstieg aus der Opferrolle. Und nur dies wiederum führt zu einem befreiten Leben. Zu einem lebenswerten Leben, das sich jeder von uns wünscht.
GESÜNDER LEBEN führte mit Melanie Wolfers, die in Wien die Bildungsinitiative für junge Menschen IMpulsLEBEN betreibt (www.impulsleben.at), ein ganz besonderes Gespräch. Ein Plädoyer für das Vergeben.

GESÜNDER LEBEN: Ihr aktuelles Buch heißt „Die Kraft des Vergebens“. Ein kraftvoller Titel …
Melanie Wolfers: Ich erlebe im Rahmen meiner Arbeit immer wieder, dass Menschen auf Kränkungen mit Wut und Hass reagieren und von diesen Gefühlen bestimmt werden. Sie wissen oft nicht, wie sie mit diesen Kränkungen umgehen sollen und wie ihre Wunden heilen können. Hier möchte ich Hilfestellung leisten. Denn dieses Thema betrifft uns doch alle.

GL: Wieso verleiht Ver-gebung Kraft?
Wolfers: Beziehungs-wunden können blockieren. Die Kraft des Vergebens liegt darin, dass wir von dunklen Gefühlen und Gedanken wie Hass, Enttäuschung oder Angst freier werden und unser Leben wieder gestalten können. Und dass wir weniger in der Gefahr sind, den erlittenen Schmerz unbewusst an andere weiterzugeben und so neues Leid zu erzeugen. Aber: Keiner ist verpflichtet zu vergeben. Es handelt sich hier nicht um ein ethisches Sollen. Vergebung heißt jedoch, freier zu werden und das eigene Leben wieder gestalten zu können.

GL: Sie schreiben, dass der Weg der Vergebung dazu führt, sich aus der Opferrolle zu befreien. Was haben Kränkungen und Opfer-Sein miteinander zu tun?
Wolfers: Zum Gekränkt-Sein gehört das Empfinden, Opfer eines anderen geworden zu sein. Der Schmerzpunkt einer jeden Kränkung ist, dass man sich in seinem Selbstwert verletzt fühlt. Dass das Verhalten des anderen den Eindruck vermittelt: „Du bist es nicht wert, dass ich dir mit Achtung begegne und fair bin.“ Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass „Du Opfer!“ mittlerweile ein beliebtes Schimpfwort unter Jugendlichen geworden ist. Dieser abwertende Terminus wird als Synonym für „Versager“ verwendet. Man macht das Gegenüber schwach und klein – und sich selbst somit größer. Man will die eigenen Schwächen kompensieren und über sie hinwegtäuschen.

GL: Bedeuten Opfer und Opferrolle
dasselbe?
Wolfers: Es gibt Opfer – nämlich Menschen, die in Situationen geraten, in denen sie sich nicht wehren können, in denen fremde Gewalt über sie herinbricht. Dies können etwa Raubüberfälle, Vergewaltigungen oder Gewalt gegen Kinder sein. Für Verletzungen dieser Art tragen der Täter oder die Täterin die alleinige Verantwortung – und dies zu erkennen ist oft ein wesentlicher Schritt zur Heilung. Doch von derartigen Delikten abgesehen, ereignen sich die meisten Verletzungen im zwischenmenschlichen Alltag – und für diesen tragen beide Seiten Verantwortung. Wenn mir die eigenen Anteile an einem Konflikt bewusst werden, dann steige ich aus der einseitigen Selbstzuschreibung als Opfer aus. Ich höre auf, den anderen als alleinige Ursache meines Elends verantwortlich zu machen, und befreie mich aus der Opferrolle, in der ich mich als ohnmächtiges Opfer des anderen betrachte.

GL: Sie sprechen von „innerer Aussöhnung“, vom „Weg des Vergebens“. Wie funktioniert das richtige Vergeben?
Wolfers: Eine tiefe Wunde kann man nicht einfach wegstecken – wohin denn auch? Damit sie heilen kann, ist es hilfreich, sich auf den Weg des Vergebens zu machen. Dieser ist im Wesentlichen ein emotionaler Prozess: Es ist wichtig, all die negativen Gefühle, die bei einer Kränkung entstehen, nicht unter den Teppich zu kehren – denn dann stolpert man nur darüber. Vielmehr gilt es, sich den verletzten Gefühlen zuzuwenden, ihnen ein Heimatrecht in sich zu geben.  

GL: Und was ist auf dem Weg der Vergebung noch wichtig?
Wolfers: Nachdenken. Im Schmerz der Kränkung neigen wir oft zu einseitigen Deutungen des Vorfalls, etwa: „Der andere ist das schwarze Schaf und ich bin das arme Unschuldslamm.“ Der Weg der inneren Aussöhnung möchte aus einem solchen Schwarz-Weiß-Denken herausführen. So gewinnt man ein bisschen mehr Verständnis für das Gegenüber und für die eigenen Anteile – und dies ist eine wichtige Voraussetzung, um sich dem Vergeben überhaupt nähern zu können. Es ist auch hilfreich, sich hier elementare Fragen zu stellen: Was ist mir wirklich wichtig im Leben? Was steckt hinter meinen Krisen? Möchte ich wirklich ein Leben leben, das von negativen Gefühlen bestimmt ist?

GL: Kann eigentlich jeder vergeben?
Wolfers: Jeder kann sich auf den Weg des Vergebens machen. Doch ob es tatsächlich gelingt, etwas Schwerwiegendes zu verzeihen, liegt nicht allein in unserer Hand. Ich kenne viele, die sich auf den Vergebungsweg gemacht haben. Und irgendwann haben sie dann die Last der Kränkung nicht mehr auf ihrer Seele gespürt. Ihre neue Leichtigkeit haben sie aber immer auch als ein Geschenk erlebt. Hier kann auch Spiritualität helfen: Ich vertraue auf eine Macht, die größer ist als ich, die in mir wohnt und mir Kraft gibt.

GL: Heißt das also, ich muss alles vergeben, was mir angetan wurde? Sogar Gewaltverbrechen?
Wolfers: Vergeben bedeutet nicht, auf sein Recht zu verzichten und gegebenenfalls auch vor Gericht einzuklagen. Angenommen, ich lebe in einer akuten Gewaltsituation: Dann gilt es zuallererst, mich selbst zu schützen und den anderen zur Rechenschaft zu ziehen. Dann erst kann ich beginnen, den Weg der Vergebung zu beschreiten. Interessant ist, dass Experten Opfern von Gewalttaten raten, ihren inneren Frieden nicht vom Gerichtsurteil über den Täter abhängig zu machen. Denn nicht die juristisch gewährleistete Gerechtigkeit, sondern die Vergebung eröffnet dem Geschädigten eine neue Freiheit. Wer verzeiht, befreit sich aus der Opferrolle und daraus, Gefangener etwa des eigenen Hasses zu sein.

GL: Nicht mehr Gefangener des eigenen Hasses zu sein bedeutet auch, dem anderen die innere Macht über einen zu nehmen.
Wolfers: Ganz genau. Wer vergibt, tut sich selbst einen Gefallen. Und umgekehrt: Wer nachträgt, trägt schwer. Vergebung befreit davon, an die Verletzung und an die Vergangenheit gebunden zu sein. Und sie befreit von der inneren Bindung an den Menschen, der mich verletzt hat und der damit eine Macht über mich ausübt, die ich ihm nicht geben möchte.

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