Verdammt, BIN ICH WÜTEND!

 

Mut zu Wut

Grundsätzlich ist Aggression kein negatives Gefühl – im Gegenteil. „Aggression ist eine der grundlegendsten Emo – tionen des Menschen“, erklärt Pleischl. „Wut, Zorn und Aggressionen sind Verhaltensweisen der Menschen, die es seit Beginn ihrer Existenz gibt. Aggression gibt uns Kraft, Hürden, Widerstände und Aufgaben zu meistern sowie Ziele zu erreichen, kurz: aktiv zu sein. Menschen, die aggressiv sind, sind Macher, man denke nur an Sportler. Genauso ist es ohne Aggression nicht möglich, für sich selbst einzustehen, eine Situation kritisch zu beurteilen oder nach neuen Lösungswegen zu suchen.“ Womit wir bei der zweiten wichtigen Funktion der konstruktiven Aggression wären, nämlich jener der Schutzfunktion: „Ein aggressives Gefühl macht uns auf drohende Gefahr aufmerksam. Wir werden aggressiv, um zu überleben.“ Weil wir heutzutage selten in Situationen geraten, die unser Leben akut gefährden, handelt es sich bei den erlebten Bedrohungen viel mehr um Gefahren und Angriffe auf unser Selbstwertgefühl. Verlässt uns beispielsweise der Partner, ist es für den Zurückgebliebenen oftmals leichter, auf ihn wütend zu sein, als sich mit der tiefen Trauer auseinanderzusetzen. „Neben den bereits erwähnten Risikofaktoren können unter anderem auch Kränkungen verschiedenster Art, Ignoranz, Eifersucht, drohende Niederlagen, Enttäuschung oder Belästigungen starke Aggressionen hervorrufen“, so Pleischl. Erlebt man solche die menschliche Seele verletzende Ereignisse, kommen – bei dem einen mehr, beim anderen weniger – Gefühle auf, die Pleischl „destruktive Aggressionen“ nennt. „Diese haben immer das Ziel, sich selbst oder anderen gezielt Schaden zuzufügen. Zudem ist die persönliche Gewaltbereitschaft massiv erhöht.“

Explodierendes Wut-Thermometer

Destruktive Aggression hat viele Gesichter und kann sich in unterschiedlichster Form zeigen. „Diese kann sich körperlich, verbal und psychisch zeigen“, fasst die Psychotherapeutin zusammen. Jähzornige Menschen oder Choleriker neigen zu Wutausbrüchen, Eskalationen und Schreiattacken, gepaart mit entsprechender Körpersprache. Wie das ist, wenn einem schnell der Kragen platzt, weiß auch Paul, der nicht nur wegen Corona brodelnde Wut in sich verspürt, sondern auch im „normalen“ Alltag schnell rot sieht: „Ich spüre dann das Blut deutlich in mir kochen. Es ist fast wie in Zeichentrickfilmen: Das Wut-Thermometer in mir steigt höher und höher, bis es irgendwann explodiert. Es ist wie ein Schalter in meinem Kopf, der umgelegt wird – und ich kann nichts dagegen tun.“ Mögliche negative Konsequenzen seien ihm zwar durchaus bewusst, in diesem Moment aber egal. „Wenn ich in Rage bin, zittere ich nicht nur am ganzen Körper, es geht mir nur noch darum, Dampf abzulassen, ohne Rücksicht auf Verluste. Ich habe sonst das Gefühl, ich halte es einfach nicht aus und kann meinen Alltag nicht mehr bestreiten.“ Handgreiflich sei er aber noch nie geworden, betont er. Kaum ist die Wut verraucht, „tut es mir sehr leid, was ich gesagt habe.“

Passiv-aggressiv

Das Gegenteil von Paul wäre der passiv-aggressive Typ: „Dieser zeigt seine Aggressionen versteckt, ohne laut zu werden“, beschreibt Pleischl. „Er ignorierte beispielsweise die Bedürfnisse des anderen, lässt oft spitze Bemerkungen fallen und zeichnet sich in der Aggression durch ein negatives Denkmuster aus. Auch Sich-blöd-Stellen, das Verdrehen von Worten oder Aussagen absichtlich aus dem Kontext zu reißen, fällt unter diese AggressionsKategorie. Im Grunde sind auch Fake News eine Form von passiver Aggressivität.“ Ähnlich zeigt sich die in der Fachsprache genannte instrumentelle Aggression, mit Mobbing als ihrer bekanntester Ausdrucksform: Im Gegensatz zu Jähzorn wird diese Aggression bewusst gesteuert, das persönliche Ziel möchte mit systematischer Gewalt und Druck um jeden Preis erreicht werden.

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