Unterstützung auf vier Pfoten

Assistenzhunde helfen ihren Frauchen und Herrchen, den Alltag zu meistern. So wie „Lio“. Der Vierbeiner ist Tag und Nacht an der Seite von Isabella S., die unter einer schweren psychischen Erkrankung leidet.

Außerhalb ihrer Wohnung – etwa auf der Uni bzw. im Atelier – gibt die Anwesenheit des Hundes der Studentin ein Maß an Sicherheit. Es gibt Behinderungen, die auf den ersten Blick erkennbar sind, etwa wenn jemand auf den Rollstuhl oder einen Blindenstock angewiesen ist. Doch viele Leiden erscheinen unsichtbar, sind dadurch aber nicht weniger belastend für die Betroffenen. Dazu zählen psychische Erkrankungen. Wie bei Isabella S. Die 22-Jährige leidet seit ihrem zwölften Lebensjahr an einer sogenannten komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (kPTBS). Hier erleben Betroffene schreckliche Erlebnisse immer wieder, was sich in Form von Rückblenden (Flashbacks) bemerkbar macht, wie Isabella berichtet: „Dies kann durch kleinste Situationen, Geräusche oder sogar Gerüche ausgelöst werden. Man hat Angstzustände, lebt ständig unter erhöhter Wachsamkeit, überprüft die Umgebung auf mögliche Gefahren, vor allem bei Menschenmengen wie im Supermarkt oder in öffentlichen Verkehrsmitteln.“

Struktur und Sicherheit

Assistenzhund „Lio“ ermöglicht ihr die Beteiligung am gesellschaftlichen Leben. Der Hund bietet Isabella Unterstützung, die sie von Menschen nicht annehmen kann. In Momenten, in denen es ihr nicht gut geht, löst menschlicher Kontakt oft Panikattacken und Flashbacks aus. In schlechten Phasen entwickelt die junge Wienerin ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten. In diesem tranceähnlichen Zustand nimmt sie ihre Umwelt und das eigene Körpergefühl nicht wahr, „vergisst“ sogar auf Essen und Trinken sowie die Einnahme der Arzneien. Durch ihren pelzigen Begleiter bleibt sie aber auch dann aktiv. „Lio gibt mir Struktur. Ich muss das Haus verlassen, selbst wenn ich mich unwohl fühle. Er bringt mir zudem meine Medikamente.“ Selbst wenn die junge Frau es selbst oft gar nicht erkennt, registriert der Vierbeiner bereits an ihrem Verhalten, dass eine Situation eintritt, die es rasch zu verlassen gilt. „Durch stupsen, Laute oder indem er mir die Pfote auf den Schoß legt, kann er diesen Zustand unterbrechen. Er bleibt, hört erst damit auf, bis ich reagiere.“ Der Assistenzhund gibt ihr Tag und Nacht Sicherheit. Er weiß Handlungsabläufe in bestimmten Situationen einzuleiten, führt sie verlässlich nach Hause, wenn sie die Orientierung verliert. Überfällt sie eine lähmende Panik, beispielsweise im Supermarkt, bringt er sie selbständig zum Ausgang oder an einen ruhigen Ort. Er hält allein durch seine Größe Menschen auf Abstand. Auch nachts, wenn die junge Frau von Albträumen gequält wird, ist Lio zur Stelle, weckt sie auf und schaltet das Licht an.

Aufgeben ist keine Option

Isabella möchte Restauratorin werden. Entgegen aller Skepsis und obwohl sie als nicht erwerbsfähig eingestuft wurde, hat die 22-Jährige die Aufnahme an der Akademie der bildenden Künste geschafft. Nur sehr wenige Bewerber erhalten pro Jahr die Zulassung zu diesem Studium. Ihr vierbeiniger Begleiter hilft ihr, Vorlesungen zu besuchen und die Einheiten im Labor zu absolvieren. Um all diese wichtigen Aufgaben bewältigen zu können, absolvierte die 19 Monate alte, schokofarbene Fellnase eine spezielle Ausbildung. Für deren Kosten muss sein junges Frauchen jedoch selbst aufkommen. Denn obwohl Isabella wegen ihrer Erkrankung bereits mehrere Monate im Spital verbracht und einen Behindertengrad von 50 Prozent hat, beteiligen sich die Krankenkassen nicht. Kein leichtes Unterfangen für die Studentin. Vom Sozialministeriumsservice wurde ihr schließlich eine finanzielle Unterstützung gewährt.

Unwissenheit und fehlendes Verständnis

Auch im Alltag stößt Isabella immer wieder auf Schwierigkeiten, vor allem aufgrund mangelnder Kenntnis und Aufklärung. „Ich werde z.B. regelmäßig angesprochen, mit dem Hund das Geschäft zu verlassen.“ Und dies, obwohl der Vierbeiner in der Öffentlichkeit eine gekennzeichnete Weste trägt. Psychisch Kranke werden in der Gesellschaft noch immer anders bewertet und eingeordnet als Menschen mit körperlichen Leiden, denn für das nicht sichtbare fehlt oft das Verständnis. „Lio“ hat seine Prüfung zum Assistenzhund mit Bravour gemeistert. Das Training war für sein Frauchen nicht immer leicht, aber als Team sind die beiden unschlagbar. Auf ihrer Instagram-Seite (Instagram.com/Isabella_und_lio) schreibt die junge Wienerin in berührenden Worten: „Ich habe eine Nachricht an alle, die gezweifelt und mich verspottet haben wegen meiner Naivität, die zu mir vor nicht einmal einem Jahr gesagt haben, dass ich mich doch nicht mal um mich selbst kümmern kann. Eine Nachricht an die ganze Welt. Und vielleicht noch wichtiger, auch an den Teil von mir selbst, der unsicher war und gedacht hat, es geht nicht, es reicht nicht, es ist nur der traurige Traum eines Mädchens, das sich zu oft einsam fühlt: Es geht doch! Die Welt ist ein wunderbarer Ort, an dem man beinahe alles erreichen kann, wenn man nur hart genug dafür kämpft und fest genug daran glaubt.“

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