Unser Sex wird immer schlechter

Sie ist die Ikone der österreichischen Sexualaufklärung: Dr. Gerti Senger war die erste Frau im deutschsprachigen Raum, die in der Öffentlichkeit über Sex sprach, ohne dabei rot zu werden oder sich ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Seit den 1980er-Jahren tätig, sind ihre Sex-Ratgeber beliebt wie eh und je.

Urkraft Sex. Ihr neues Buch „Urkraft Sex: Wie Sexualität unser Leben lenkt“, das sie gemeinsam mit dem Psychoanalytiker Walter Hoffmann verfasste, beschreibt, wie sehr Sexualität unser Leben beeinflusst. „Sex ist der Motor des menschlichen Verhaltens und der Antrieb der Kultur“, ist gleich auf den ersten Seiten zu lesen.

Senger lud GESÜNDER LEBEN zu sich nach Hause ein, um gemeinsam mit Hoffmann über das neue Buch und – natürlich – über Sex zu plaudern. Das tut die mittlerweile 69-Jährige mit ungebrochener Leidenschaft. …

GESÜNDER LEBEN: Frau Senger, Sie sind die bekannteste Sexualtherapeutin Österreichs. Haben Sie das Gefühl, das Sexualverhalten der Österreicher und Österreicherinnen beeinflusst zu haben?
Gerti Senger: Ohne eitel klingen zu wollen: Ja, das glaube ich. Ich mache meine Arbeit seit 1981 und viele nennen mich „ihr österreichisches Bravo“. Als ich begonnen habe, war es bei Weitem nicht selbstverständlich, öffentlich über Sex zu reden oder zu schreiben – besonders nicht als Frau! Ich war die erste Frau im deutschsprachigen Raum, die das getan hat. Das hat ordentlich für Aufsehen gesorgt.

GL: Zum Beispiel?
Senger: 1983, als der Papst in Wien zu Besuch war, wurde mein damals aktuelles Buch „Was heißt schon frigid!“ aus den Auslagen der Geschäfte verbannt. Es kam auch vor, dass vor Buchhandlungen gegen meine Bücher demonstriert wurde oder ich in TV-Sendungen ausgebuht wurde. Und dass man mich gelesen hat, das wurde sowieso öffentlich nicht zugegeben.

GL: Heute werden wir von allen Seiten mit Sex konfrontiert …
Senger: Wir sind eine sehr sexualisierte, aber unerotische Gesellschaft. Sexualität wird immer mehr trivialisiert.
Walter Hoffmann: Zwischen Kultur und rein triebhafter Sexualität besteht ein Wechselverhältnis. Kultivierte bzw. sublimierte Sexualität wird in der Gesellschaft eindeutig geringer: Es gibt kaum mehr Tabus, in der Sexualität ist alles erlaubt. Das führt aber auch dazu, dass Sexualität allgegenwärtig ist, gleichzeitig viele subtilere Formen der Erotik dabei jedoch auf der Strecke bleiben. Die Spannung, das Aufregende, ein schöner erotischer Abend – gibt es das noch? Die Qualität von Sex hat sich in den letzten Jahren stark verschlechtert.
Senger: Man kann den modernen Sex als „Designer-Sex“ bezeichnen. Die Magie ist aus der Sexualität verschwunden.

GL: Inwieweit ist das Internet an dieser Entwicklung schuld?
Senger: Es hat einen großen Anteil daran. Durch das Internet wurde Sex so zugänglich wie niemals zuvor. Dadurch hat sich auch die Ästhetik des Sex verändert: Es wird eine ästhetische Form vorgegeben, die man nun zu erreichen hat.
Hoffmann: Aus diesem Grund treffen sich die Leute heutzutage viel weniger als früher! Ein wichtiger Punkt ist auch: Hat man damals als Mann den ersten Schritt getan, hatte man Herzklopfen, schweißnasse Hände usw. Durch SMS und E-Mails, in denen man sich von Beginn an alles von der Seele schreibt, fällt diese Unmittelbarkeit weg.
Senger: Eigentlich läuft das Kennenlernen heute ja verkehrt ab, denn beim ersten Kontakt spielen die Sinne eine sehr wichtige Rolle, erst danach werden Intimitäten ausgetauscht. Heute ist es umgekehrt: Der Geruchssinn, der bei Kontaktaufnahmen sehr wichtig ist, kommt erst zum Einsatz, nachdem man sich wochenlang E-Mails geschrieben hat. Und dann kann es natürlich oftmals zu Enttäuschungen kommen.
Hoffmann: In den Köpfen entstehen Idealbilder, denen keine(r) gerecht werden kann.

GL: Bemerken Sie im Berufsalltag, dass Ihre Patienten immer verunsicherter werden, was Sexualität betrifft?
Hoffmann: Nein. Auch wenn man heute schneller zu Sex kommt, die Sexualstörungen bleiben doch stets dieselben. Was mir jedoch auffällt, ist, dass dauerhafte Beziehungen nicht mehr so schnell geschlossen werden. Die Bindungsängste sind größer. Es wird erst später zusammengezogen, später – wenn überhaupt – geheiratet und Kinderbekommen.
Senger: Meine Beobachtung ist, dass die Menschen immer schwieriger werden, weil die Welt immer komplexer und bindungsärmer wird. Und schwierige Menschen haben schwierige Beziehungen.

GL: Aber waren früher die Beziehungen tatsächlich einfacher?
Senger: Früher war der Anspruch auf eine perfekte Beziehung nicht so groß. Heute muss eine Frau alles sein: Sexobjekt, Sportkameradin, Hausfrau, Mutter, Gesellschaftsrepräsentantin, beste Freundin, Familienmanagerin, Geschäftsfrau. Wer kann diesem Anspruch schon gerecht werden?
Hoffmann: Das verlogene Bürgertum hatte einen Vorteil: In der vernunftgesteuerten Ehe wurde nur auf den funktionierenden Haushalt geschaut, daneben hatte man heimlich einen Liebhaber oder eine Liebhaberin. Der Ehepartner musste nicht alle Rollen auf einmal erfüllen, die Ehe selbst nicht Liebesbeziehung, Freundschaft und Kinder-erziehung zugleich sein.

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