Übungsgelände für die Erwachsenenwelt

Renates Eltern sind ratlos. Was auch immer sie an Freizeitunternehmungen vorschlagen, wird von ihrer 11jährigen Tochter abgelehnt. Wenn allerdings Renates Freundin anruft, dann ist plötzlich alles interessant … „Diesen Film hast du doch schon zweimal gesehen“ oder „Ich dachte, Einkaufszentren findest du langweilig“, sind Einwürfe der Eltern, die bei Renate auf taube Ohren stoßen.

Jugendliche treten während der Pubertät immer stärker aus dem familiären Bereich hinaus. Bei gemeinsamen Aktivitäten mit Eltern und Geschwistern machen sie eher missmutig mit. Das ist Teil der notwendigen Ablösung. Zwischen 10 und 15 Jahren verdrängen gleichaltrige Freunde die Eltern endgültig von Platz eins.

Dabei wird zuerst das eigene Geschlecht bevorzugt. Mädchen pflegen zumeist zwei bis drei enge Freundschaften, während Buben sich in Kleingruppen bewegen. Erst später mischen sich die Geschlechter im Schutz einer größeren Gruppe (Clique, Peergroup). Unter ihresgleichen trainieren Teenager soziale Fähigkeiten, testen Grenzen, besprechen Probleme und bewältigen Ängste. Die Gruppe dient dabei als Übungsgelände für die Erwachsenenwelt.

Zuhause hat Ihr Kind die Rolle „Tochter“ oder „Sohn“, und eventuell „Schwester“ oder „Bruder“. In Gruppen hingegen kann es neue Rollen ausprobieren, ähnlich wie Kostüme. Eine Rolle ist zu eng, eine zu bunt, eine passt jemand anderem besser. Durch Versuch und Irrtum bekommen Jugendliche Antwort auf die Frage, „Was passt wirklich zu mir?“

Es ist verständlich, dass Sie als Mutter und Vater gerne weiterhin die Regie übernehmen würden. Sie haben seit Jahren diesen Platz und wissen genau, in welcher Rolle Sie Ihr Kind am liebsten sehen. Im Moment sind seine Freunde für Ihr Kind jedoch die wichtigsten Mitspieler und gleichzeitig Publikum. Sie dürfen sich aber als „Theaterkritiker“ zu Wort melden. Unterstreichen Sie am besten jene Stärken, die Ihr Kind in Gruppen gut einsetzen kann: „Ich finde, du hast Talent im Organisieren von Partys/im Schlichten von Auseinandersetzungen/im Erklären schwieriger Zusammenhänge/usw.“ Jede ehrliche und konkrete Rückmeldung stärkt bei Ihrem Nachwuchs das Selbstwertgefühl.

Komplizierter wird es, wenn es um Kritik an den Freunden und Freundinnen geht. Jugendliche fühlen sich gerade von Unähnlichem, Gegensätzlichem angezogen. Auch das dient ihrer Identitätssuche und ist nicht unbedingt von Dauer. Öffnen Sie Ihr Haus für die Freunde Ihres Kindes. Akzeptieren Sie alle Freunde und interessieren Sie sich dafür, was Ihr Kind besonders an ihnen mag. Wenn Sie etwas stört, beschreiben Sie es möglichst genau, ohne zu verallgemeinern. Dann hören Sie sich die Gegenmeinung an. So verhindern Sie Trotzreaktionen und heimliche Treffen. Vermeiden Sie auch Triumph nach Enttäuschungen („Ich hab’s dir gleich gesagt“).

Wenn Sie echte Gefahren vermuten, äußern Sie klar Ihre Sorgen. Bei offensichtlich problematischen Gruppen (wie Sekten) halten Sie die Beziehung und das Gespräch mit dem Kind unbedingt aufrecht, sammeln Sie Informationen und kontaktieren Sie Stellen, die helfen können.

Grundsätzlich gilt: Je sicherer der Familienrückhalt ist, desto unabhängiger ist ein Jugendlicher von der Gunst Dritter, desto weniger braucht er um jeden Preis die Anerkennung einer Gruppe. „Meine Eltern mögen Rudi und Fred nicht“, erzählt Jakob, 14. „Klar, ich habe mit ihnen schon Schule geschwänzt und einmal die Unterschrift von meinem Vater gefälscht. Als der draufgekommen ist, war mir das peinlich. Aber er vertraut mir immer noch, das finde ich cool. Rudi und Fred wollten gestern im Supermarkt Cola stehlen, da habe ich gesagt, so was mach ich nicht. Ich verhau’ mir doch nicht meine Zukunft!“ Wer in der Gruppe gewiss sein kann, „Meine Eltern vertrauen mir“, der ist sicherer im Auftreten und hat mehr Schutz vor Mobbing oder Abhängigkeiten.

Jugendgruppen haben auch den Zweck, sich bewusst von der Erwachsenenkultur abzugrenzen. Wenn Sie die Musiker und Filme nicht kennen, von denen da die Rede ist, wenn Sie Rituale und Worte nicht verstehen, dann ist das genau der Sinn der Sache. Eine gewisse Uniformität, etwa in Kleidung oder Frisur, ist wichtig für die Abgrenzung zu anderen Gruppen und kein Grund zur Besorgnis. Zeigen Sie Interesse, ohne sich anzubiedern. Hören Sie zu, ohne auszufragen. Loslassen heißt auch hier: Dem Jugendlichen Mut machen, den eigenen Weg zu finden.

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