Trotz, lass nach

„Verdammt, der Krempel funktioniert einfach nicht. Jetzt hab ich wirklich schon alles probiert, was mir dazu einfällt, und es geht immer noch nicht. Helfen lassen will ich mir auch nicht, ich probiers halt noch einmal …” haben Sie sich gedacht, als Sie es nicht gleich geschafft haben, das PC-Programm zum Laufen zu kriegen. Ganz schön geärgert haben Sie sich da, oder wie soll man das sonst nennen, wenn man die Bedienungsanleitung ungeduldig in die Ecke feuert? Sie waren sogar eine Zeit lang „ungenießbar”. Dann ist Ihnen das gar nicht so unbekannt, was in Ihrem Kind vorgeht, wenn es einen Trotzanfall hat.

Wenn es minutenlang schreit, alles, was es in die Hände kriegt, durch den Raum schleudert, dann ist das der sehr unmittelbare Ausdruck etwa folgender Gefühle: „Ich könnt vor Zorn zerspringen. Warum geht das noch nicht? Ich will es können, ganz alleine. Ich brauche weder Mami noch Papi dazu. Ob Sie mich noch lieb haben, wenn ich so schreie? Ist mir auch egal. Weil ich kann eh alles alleine. Sie sollen mir helfen. Und sie sollen mich lieb haben. Nein, ich will es selber machen …” Freilich, die Anlässe für solche Ausbrüche sind meist „gering”: Ihr Kind kann sich nicht selbst die Jacke zuknöpfen. Es will einen hohen Turm bauen, und das geht nicht. Es will Schokolade haben und bekommt sie nicht. Aber, bedenken Sie: Es ist erst dabei, alles, was es fürs Leben braucht, zu erlernen. Die Jacke zuknöpfen ist da etwas sehr Bedeutendes. Ein Scheitern enttäuscht Ihr Kind da mindestens so sehr wie Sie Ihr ungelöstes Problem beim PC-Programm.

Außerdem steckt nicht nur reine Enttäuschung, sondern ein ganzes Wirr-Warr von neuen Gefühlen und Erfahrungen hinter den Trotzanfällen: Ihr Kind hat gerade erst entdeckt, dass es einen eigenen Willen hat. Den übt es durchzusetzen. Aber es funktioniert oft nicht, weil es etwas tun will, was es noch nicht kann. Oder weil ihm jemand in die Quere kommt, der etwas anderes will. Oder, auch das kann Trotzanfälle auslösen, dass das Kind bei mehreren Möglichkeiten nicht weiß, was es will. Manchmal können Kinder durch Kleinigkeiten wegen (aus unserer Sicht) unwichtiger Dinge total aus der Bahn geworfen werden.

Ihr Kleines ist seinen Gefühlen ausgeliefert und kann den Ausbruch dieser Gefühle noch nicht kontrollieren. Es wird von Zorn, Ärger, Enttäuschung, Frustration überschwemmt. Was die Sache noch verschärft: sein eigenes Ich, seinen Willen zu entdecken bedeutet für Ihr Kleines auch, sich aus der bisherigen innigen Bindung von Ihnen als Mutter und Vater zu lösen. Da bekommt es manchmal Angst, Ihre Liebe zu verlieren. Ihr Kind ist  hin- und hergerissen zwischen dem Drang, selbstständig zu sein, und der Sehnsucht nach Verbun-denheit.

Woraus sich von selbst versteht, dass Strafe eine falsche Reaktion auf einen Trotzanfall wäre. Das könnte nur dazu führen, dass Ihr Kind den heftigen Ausdruck der Gefühle unterdrückt oder sogar noch mehr ausrastet. Aber es lernt nicht, mit dieser Situation umzugehen. Es entwickelt nur Angst vor und Wut auf die Eltern.

Was Ihr „Trotzkind” braucht, ist Hilfe und Verständnis. Zeigen Sie ihm in normalen Alltagssituationen immer wieder, dass Sie es gern haben, und lassen Sie ihm/ihr viele Möglichkeiten zum Üben des eigenen Willens. Lassen Sie Ihr Kleines z.B. das Spiel fertig spielen, kleine Dinge entscheiden und vieles selber tun. Im Laufe der Monate wird Ihr Kind selbst einen Weg aus seinem inneren Hin- und Hergerissensein finden. Beschränken Sie die Grenzen auf das Notwendigste und bei akuten Trotzanfällen bleiben Sie möglichst cool. Und das Wichtigste für Sie persönlich – kümmern Sie sich nicht um die 1000 „klugen” Kommentare aus der Umgebung.
 
Natürlich ist es nicht immer einfach,sich angesichts eines – vielleicht auch noch mitten auf der Straßen oder im Geschäft – tobenden Knirpses zu besinnen, dass dieses Verhalten nur eine Reaktion auf etwas ist, womit er oder sie nicht zurecht kommt. Man kann sich auch ganz schön hilflos fühlen, wenn man dem Kind helfen will und sich das Kind trotzdem nicht beruhigt. Aber, trösten Sie sich: Die Trotzphase ist eine begrenzte Entwicklungsstufe, sie geht vorüber.

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