Top Thema: Interview Ludwig / Tekal

Kabarett-Urgestein Prof. Bernhard Ludwig und Medizinkabarettist Dr. Ronny Tekal über Diätwahnsinn, Bodyshaming, kaputte Sportlerknie, zukünftige Pandemien und Bänkelsänger, die nicht zu Maurern werden wollen.


Ronny Tekal: Die ersten guten Vorsätze vom Jahresbeginn sind ja schon längst gebrochen. Die nächsten kamen mit der Fastenzeit. Dann hat man noch versucht, den Karfreitag zum Abspecken herzunehmen. Die meisten schafften das nur bis Mittag. So war man nun zum dritten Mal in diesem Jahr mit dem Abnehmen gescheitert und konnte sich höchst frustiert über die Schokohasen und den Osterschinken hermachen. Ronny Tekal: Hier muss man schon auch die Lebensmittelindustrie in die Pflicht nehmen. Früher hat man den Leuten noch einreden können, wie gesund die Milch in der Schnitte und vitaminversetzte Zuckerln sind. Das geht zwar nicht mehr, aber es werden immer noch zu viele Produkte mittels lustiger, bunter Aufmachung als wertvoll für die Kleinen erklärt, obwohl sie das eben nicht sind. So nehmen sie zu und dann werden irgendwann einmal heimlich Diäten ausprobiert. Bernhard Ludwig: Diät hat durchaus etwas zu tun mit Scham. Die geheime Naschlade gibt es in fast jedem Haushalt, auch bei Erwachsenen. Man schämt sich für sein Gewicht. Das moderne Wort dafür ist Bodyshaming. Mehr als je zuvor zählt nur mehr das Äußere. Im Netz kann jeder so aussehen, wie er will und sein Bild nach belieben ändern, das ist technisch ganz einfach. Irgendwann muss man sich dann aber in der Realität präsentieren, spätestens bei der Partnerwahl. So entsteht oft das größte Unglück beim Sex: Man glaubt, wenn ich anders aussähe, schlanker bin, eine andere Figur habe usw., dann ginge es mir viel besser. Das ist natürlich ein großer Irrtum und führt zu Frust bei allen Beteiligten. Ronny Tekal: Das hast du, Bernhard, einmal sehr pointiert ausgedrückt: Ein Grund, warum die Menschen Diäten machen, ist nicht in erster Linie Gesundheit oder Wohlbefinden, sondern die sexuelle Attraktivität. Bernhard Ludwig: Der einzige Grund. In jedem Alter. Ronny Tekal: Am anfälligsten sind sicher ganz junge Menschen, vor allem Frauen und Mädchen. Der Schritt von einer Diät zu einer veritablen Essstörung ist nicht sehr groß. Das Internet ist ja voll von Influencerinnen, die an der untersten Gewichtsgrenze entlangschrammen. Das, was früher das Barbie-Körperideal war, gibt jetzt das Internet vor. Bernhard Ludwig: Umgekehrt hat sich aber auch etwas geändert: Im Schwimmbad dominieren die dicken Kinder das Bild und empfinden das als normal. Hier muss die Gesundheitspolitik eingreifen, das ist nicht mehr nur die Sache der Eltern und der Kinder, das ist relevant für die ganze Gesellschaft. Ronny Tekal: Als Mediziner muss man schon sagen, dass extremes Übergewicht einfach ungesund ist. Aber auch zu wenig ist nicht gut. Dazwischen befindet sich eine weit unterschiedlichere Bandbreite, als uns das oft suggeriert wird. Es gibt nicht das allgemeingültige Idealgewicht. Viele, die nur ein paar Kilos auf oder ab von diesem kolportierten Idealgewicht abweichen, tun sich extrem schwer und müssen sich ein Leben lang anstrengen, um genau dorthin zu kommen. Das macht viel Unglück und Mühsal. Aber man sieht leider, das Erste, was in einer Krise abgedreht wird, ist das Sportangebot. Welcher Jugendliche geht allein in den Wald und hat Spaß dabei? Sie wollen Mannschaftssport betreiben, Turnen, beisammen sein . . . Ronny Tekal: Schon, aber das bringt nichts, wenn man sie auf Leistungssport aufbaut. Dann sind zwei oder drei Schüler aktiv und alle anderen sitzen herum und kommen nicht mit. Ein schöner Purzelbaum, der mit 1 benotet wird, schafft noch keine Freude an Bewegung. In der täglichen Turnstunde müssen Bewegungseinheiten drin sein, die den jungen Menschen taugen. Ronny Tekal: Dass zu einem gesünderen Lebensstil auf jeden Fall auch die geeignete Ernährung gehört und man sich vorher überlegen muss, wie man es angeht. Wenn man sich als Übergewichtiger denkt, ok., dann fange ich halt einmal an zu laufen und dann macht man sich gleich die Knie kaputt, fristet man weiter sein Dasein auf der Couch, dann aber mit kaputten Knien. Das ist der einzige Unterschied zu vorher. Bernhard Ludwig: … und dann sagt man, die Knie sind schuld. Ronny Tekal: Humor geht immer und überall. Also wenn man beim Fitnesstraining am Laufband oder Ergometer verbissen zum Nachbarn hinüberschaut, um zu sehen, wo der gerade ist, hat das schon eine humorvolle Komponente. Ist der vielleicht schneller, besser, weiter als ich, obwohl wir beide ja nicht vom Fleck kommen. Ronny Tekal: Was wir mit der Anleitung machen wollen: Es gibt ja gefühlt 50.000 Diätbücher. Aber wir wollen bei den Lesern Verständnis für sinnvolle Maßnahmen wecken. Das Buch zeigt in der Alltagssituation, wie man scheitert und wie man noch einmal scheitert und besser scheitert und damit auch gut durchs Leben kommt. Es ist ein Buch, das die Leser versteht. Bernhard Ludwig: Ziel: Mit viel Humor durchlesen und einem fröhlichen Gesicht wie die zwei Dicken auf unserem Cover die Waage verbrennen. Dieses Gerät ist nämlich kein guter Berater. Ronny Tekal: Die Übergewichtigsten sind die Bestgewogenen. Bernhard Ludwig: Vor dem Essen, nach dem Essen. Vor der Sauna, nach der Sauna. Vor dem Geschlechtsverkehr und danach – man steigt auf die Waage und schaut, ob das jetzt etwas gebracht hat. Ich war ja selber ein Jojo-Opfer und habe im Laufe meines Lebens Hunderte Kilos ab- und wieder zugenommen. Da muss man eine individuelle Lösung finden. Eine gute Möglichkeit dafür sind Essenspausen. Früher hat das die Natur gemacht und jetzt müssen wir es selber steuern. Mein ursprüngliches Konzept, einen Tag essen, einen Tag fasten abwechselnd, sehe ich mittlerweile auch nicht mehr so streng, aber fest steht, dass ein gesunder Organismus nicht ständige Nahrungszufuhr benötigt. RonnyTekal: Es ist sicher ein Problem, dass Essen so präsent ist. Wenn man hungrig in den Supermarkt geht, räumt man dort alles Mögliche in den Einkaufskorb. Das kann man nicht beeinflussen, es ist eine natürliche Reaktion auf Nahrungsmittel: Sind sie da, will ich sie haben. So alt kann der Osterstriezel gar nicht sein, wenn er am Tisch herumliegt, greift man zu. Vorschlag: Man kann ihn ganz oben auf ein Kastl legen, dann muss man zumindest einen Klimmzug machen, um an ihn heranzukommen, aber essen wird man ihn trotzdem. Bernhard Ludwig: Da sind wir wieder beim Humor. Der Leser soll lachen darüber und sich die Tipps heraussuchen, die für ihn am besten passen. Ronny Tekal: Wichtig: Unterscheiden zu lernen, was ist Appetit oder Gusto und wann habe ich echten Hunger. Dafür hat der Bernhard ein Experiment erfunden: Pampe essen. Bernhard Ludwig: Ich bereite eine nicht sonderlich schmackhafte Speise zu, etwa einen ungewürzten Brei aus Weizenkeimen. Jemand isst so etwas nicht aus Gusto, aus Hunger schon. So lernt man, die beiden Bedürfnisse auseinander zu halten. Bernhard Ludwig: Wir gestalten unser gemeinsames Programm ja als Gespräch auf der Bühne und diskutieren mit den Leuten. Hier ist das wichtigste das Feedback des Publikums, ohne das Publikum kann man das überhaupt nicht machen! Wenn ich nur in eine Kamera oder ein Fernsehkastl reinspreche, kommt ja keine Rückmeldung. Das trifft mich am allermeisten! Ronny Tekal: Ich habe zwei Standbeine, das Kabarett und die Medizin. Das ist zumindest insofern krisensicher, als wenn das eine runterfährt, das andere rauffährt. Je weniger Kabarettisten man hat, desto mehr Ärzte sind gefragt. Aber, bei allem Verständnis dafür, dass im Zuge einer Krisensituation Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden müssen, wird einem ziemlich klar – nicht einmal durch die Blume – gesagt: Ihr seid sicher nicht systemrelevant. Das sind immer nur die anderen. Ich verstehe schon, dass, wenn das Haus brennt, man nicht unbedingt den Bänkelsänger braucht, der darüber singt, wie schön es brennt, man will das Haus retten. Aber irgendwann wird der Bänkelsänger umlernen auf Maurer, damit er das Haus wieder aufbauen kann und dann, wenn es allen wieder gut geht, wird man sagen: „Na, was ist, sing wieder etwas“ und er kann nicht mehr oder kann es sich nicht mehr leisten. Es hat sich leider gezeigt, dass Kunst und Kultur nicht als lebenswichtig erachtet werden, sondern es ist das erste, was abgedreht wird. Das wurde auch bei den Jungen so gemacht: Sport, Freunde treffen, alles nebensächlich, aber das geht komplett an der Realität vorbei. Bernhard Ludwig: So lange die Tierproduktion so abläuft wie jetzt und die Evolution nur mehr schauen muss, ein Virus zu erschaffen, das in einem Vorgang Mensch und Tier dahinrafft, werden wir das Problem nicht lösen können und noch gefährlichere Pandemien auslösen. Der Virus ändert sich schneller als die Politiker ihre Meinungen. Wir müssen daraus lernen, wie wir das Leben lebenswert gestalten, aber Tiere und Umwelt nicht ausbeuten. Da sind wir wieder beim Essen! Wenn ich dauernd nur gequälte Schweine, Rinder oder Hendln esse, wie soll sich das ausgehen? Soja ist das schlimmste Beispiel. Es gilt bei uns als gesund und zeitgemäß, die Menschen im Ursprungsland verhungern hingegen, weil sie nicht mehr ihren natürlichen Kreislauf haben. Die Monokultur ruiniert alles. Wir müssen uns schon genau überlegen, wo was herkommt! Probieren Sie es einmal. Das Reiseverhalten wird sich außerdem langfristig, nicht nur im Moment, ändern müssen. Die wichtigste Frage ist doch: Wie kann man sich seine Umgebung so herrichten, dass ich gerne dort lebe?

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