Stress, lass nach!

Und plötzlich ging es einfach nicht mehr. Marion H. (45) konnte sich eine erfolgreiche Abteilungsleiterin eines renommierten Unternehmens nennen, zu deren Alltag ein voller Terminkalender, mindestens 40 Arbeitsstunden, zwei schulpflichtige Kinder, ein Ehemann und ein Haushalt gehörten. Sie war stets bereit, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen. Sich selbst zu „spüren“, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen – das hatte in ihrem Leben einfach keinen Platz. Bis – ja bis sie quälende Migräneattacken heimsuchten, die sie anfangs ignorierte; bis sich beruflicher Leistungsverlust bemerkbar machte, der zu Problemen mit der Chefetage führte. Und bis ihr Ehemann sie wissen ließ, dass er sich von ihr zu wenig beachtet fühlte und „Abstand“ benötige. Die Folge: Der zunehmende Stress höhlte die Mittvierzigerin nach und nach aus; sie zog sich immer mehr zurück und war mit drohendem Arbeitsverlust konfrontiert. Nach etlichen Monaten folgte sie letztlich dem Rat einer Freundin und wandte sich an einen klinischen Psychologen, der den wenig überraschenden Verdacht in ein Wort fasste: „Burn-out“. Marion H. ist damit in „bester“ gestresster Gesellschaft. Mittlerweile leidet, laut Arbeitsgemeinschaft für Präventivpsychologie (APP) mit Sitz in Wien, jeder dritte österreichische Arbeitnehmer unter Stress, jeder fünfte kennt burnoutähnliche Phasen. Und die Zahl der Erkrankungen droht massiv zu steigen. Doch was steckt hinter der Zivilisationskrankheit, die in den 70er-Jahren in den USA in Zusammenhang mit Pflegeberufen erstmals in der Öffentlichkeit auftauchte? Was sind die Ursachen – und wie kann man sich davor schützen?

Ausgebrannt durch Überforderung. Ein Burn-out tritt bei anfangs überaus leistungsbereiten Menschen in Berufen auf, die ein hohes Maß an Selbstständigkeit erfordern, und die sich nach jahrelanger Frustration völlig erschöpft und innerlich hohl fühlen. „Es handelt sich um Menschen, die hochtourig mit ,seelischer Handbremse‘ arbeiten, zunächst keinen Leidensdruck verspüren, irgendwann aber von einer zunehmenden Unzufriedenheit heimgesucht werden, die in Angstzuständen und Empathieverlust münden kann“, erklärt Prim. Dr. Bernd Zirm, Ärztlicher Direktor des LKH Bad Radkersburg und ausgebildeter Burn-out-Berater. „In einer weiteren Phase machen sich eine starke Erschöpfung und eine Lustlosigkeit bemerkbar, die im Arbeitsleben anfangen und bei der Sexualität aufhören. Der Griff zu Suchtmitteln ist oft programmiert.“ Da das Syndrom gemäß der aktuellen Version des Internationalen Katalogs für psychische Störungen und Krankheiten (ICD 10) (noch) nicht als „echte“ Krankheit, sondern nur als „Begleitumstand“ definiert wird, gibt es bis dato keine genau definierte Liste von Symptomen. „Beim Burn-out handelt es sich am ehesten um einen Prozess der Reaktion auf Umstände in der Arbeitswelt. Betroffene berichten neben psychischen Symptomen auch über eine Vielzahl an körperlichen Beschwerden. Von außen sind häufig ein sozialer Rückzug bzw. Verhaltensänderungen gegenüber den Mitmenschen festzustellen“, erklärt Prof. Dr. Dietmar Winkler von der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Zu den körperlichen Beschwerden zählen z. B. Müdigkeit und Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Verspannungen, Tinnitus, Herz-Kreislauf- oder Verdauungsprobleme; weiters treten oft negative Einstellungen gegenüber dem Leben, Gereiztheit und der soziale Rückzug auf.

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