Streiten ist erlaubt!

Lassen Sie ruhig die Fetzen fliegen, sagen Sie, was Ihnen nicht passt – schließlich sind Konflikte ein natürlicher Bestandteil unseres Alltags. Aber kennen Sie das Gefühl eines reinigenden Gewitters, nach dem die Sonne wieder scheint, oder endet eine Auseinandersetzung bei Ihnen mit gekränktem Schweigen und zugeworfenen Türen? Keine Angst, auch wenn Sie Letzteres bejahen, Sie sind nicht allein.

„Die meisten Menschen in unserer Gesellschaft haben nie gelernt, konstruktiv zu streiten. Was bei uns vorherrscht, sind uralte Muster aus der Entwicklungsgeschichte: Flucht, Verdrängung und Kampf sind die Mittel, derer wir uns allzu oft bedienen und bei denen im Konfliktfall meist ein Sieger und ein Verlierer
übrig bleiben“, sagt Dr. Monika Schwaighofer. Die Mediatorin weiß, wovon sie spricht, ist sie doch Leiterin der „Streitschule“ in Salzburg und Wien. „Aus diesem Missverhältnis resultiert latente Unzufriedenheit, der Konflikt wird nicht gelöst oder beendet, sondern meist nur verschoben.“

Falsche Streitmuster
Gibt es Verlierer und Gewinner, kommt regelmäßig ein Bumerang zurück – nicht selten in noch viel heftigerer Form. Dabei scheint egal zu sein, ob man sich im Streit eher aggressiv verhält und der Mentalität des „Ich will siegen“ anhängt oder ob man mehr der leicht gekränkte Typ ist, der sich schnell zurückzieht und leidet. „Auch Verlierer wollen es ihrem Gegner irgendwann einmal heimzahlen – ganz nach dem Motto: Na warte, du kommst schon noch in meine Gasse“, erklärt die Expertin, für die richtiges Streiten nicht nur gute Kommunikation, sondern vor allem auch bei Beziehungskonflikten notwendig ist: „Dabei streitet man ja klassischerweise um Pünktlichkeit, Ordnung oder des Kaisers Bart, während es in Wahrheit darum geht, dass man sich vom Partner Respekt, Anerkennung und Wertschätzung wünscht.“

Wenn‘s um‘s Streiten geht, sind sich Männer und Frauen übrigens ziemlich ähnlich. „Wenn man nicht fair streitet, sondern die alten Muster verwendet, gibt es kaum Unterschiede. Da können Frauen und Männer auf ganz ähnliche Weise ihre Streitkeulen schwingen – Drohungen ausstoßen, moralisieren, den anderen kleinmachen oder ungebetene Ratschläge erteilen.“

Allzu große Unterschiede gibt es laut Schwaighofer übrigens auch nicht zwischen privaten und beruflichen Konflikten. Da wie dort geht es scheinbar oder tatsächlich meist um fehlende Wertschätzung und Anerkennung, und auch die – falschen – Streitmuster sind oft dieselben.

Gute Vorbereitung zählt
Dabei, so ist Schwaighofer überzeugt, lässt sich konstruktives Streiten verhältnismäßig rasch erlernen. Voraussetzungen dazu sind vor allem der Wille dazu, eine gute Wahrnehmung und die Fähigkeit, aktiv zuzuhören.

Im ersten Schritt, den die Mediatorin die Phase der Selbstklärung nennt, muss man bei sich selbst anfangen: Das heißt, man sollte für sich klären, welche grundsätzlichen Werte, Bedürfnisse und Erwartungen man hat und was einem im Konfliktfall wirklich wichtig ist. Wissen sollte man zu diesem Zeitpunkt auch, was man sich konkret vom anderen wünscht, damit man es im Anlassfall dann auch parat hat. „Konfliktvorbereitung ist die halbe Miete. Macht man das nicht, gehen die Emotionen hoch, das Gehirn wird vernebelt und man kann nicht mehr analytisch denken. Dann aber entstehen die gefürchteten Kampfszenen, Verletzungen und Beleidigungen. Bereitet man sich hingegen vor, kann man auch artikulieren, was man wirklich braucht und wünscht.“

Achten Sie auf Ihre Sprache
Im Falle eines Konfl ikt ist die Sprache das zentrale Instrument – und eine durchaus heikle Angelegenheit. „Ironie, Zynismus, Pauschalurteile oder Moralisieren sind Gift für den konstruktiven Streit. All das drängt den anderen in die Defensive oder lässt ihn zum Gegenangriff blasen, denn ein solcher Sprachstil trifft ins Herz, und es geht gar nicht mehr um die eigentliche Sache.“ Die Rache folgt auf den Fuß, erklärt die Spezialistin: „Deshalb sollte man sich auch die eigene Sprache im Vorfeld eines Konflikts gut überlegen.“

Eine konfliktfähige Sprache ist nicht vorwurfsvoll, und es ist wichtig, sich immer konkret auf einen Anlassfall zu beziehen. Haben Sie sich zum Beispiel über Ihren Partner geärgert, weil Sie ihm etwas erzählen wollten und er dabei von Fernsehkanal zu Fernsehkanal zappte, dann verzichten Sie darauf, ihm gleich und sofort ein „Du bist immer so rücksichtslos und an mir nicht interessiert“ um die Ohren zu schleudern, sondern warten Sie den nächsten Tag ab und beginnen Sie so: „Ich wollte dir gestern von einer schwierigen Situation aus meinem Job erzählen, und es hat mich enttäuscht und verärgert, dass du mir nicht zugehört hast. Ich möchte gern, dass du dir heute Abend eine halbe Stunde für mich Zeit nimmst, damit ich das nachholen kann.“ Konstruktives Streiten braucht das Zuhören mit Hirn und Herz, das Akzeptieren des Andersseins des anderen und den Willen zur gemeinsamen Lösung.

Akzeptanz statt Kampf
Stellt sich noch die Frage, ob denn wirklich jeder „richtiges Streiten“ lernen kann. Schwaighofer: „Eine entscheidende Hürde ist das Wollen und die innere Haltung. Wer ein Konfliktgespräch grundsätzlich als Kampfschauplatz sieht, auf dem er siegen will, dem fehlt die innere Bereitschaft,  wahrzunehmen, welche Bedürfnisse der andere hat.“ Natürlich muss man deswegen nicht gleich mit allem, was der andere sagt, einverstanden sein, aber für die Mediatorin geht es um einen längeren Lernprozess, der schließlich zum Erfolg führt: „Zum richtigen Streiten brauchen wir eine Grundhaltung, die anerkennt, dass zwei Welten gleichwertig sind und weder gut noch schlecht. Das ist nicht immer leicht.“
Webtipp: www.streitschule-wien.at

So streiten Sie richtig – 10 Tipps für den Ernstfall

SIE

  1. Nehmen Sie eine Auszeit
  2. Gehen die Emotionen hoch, ist es schwer, sachlich zu bleiben. Gehen Sie den Konflikt zu einem späteren Zeitpunkt an. Überlegen Sie, was Sie konkret gestört hat. Ein guter Streit braucht Vorbereitung.
  3. Sprechen Sie Klartext
  4. „Immer lässt du mich abends alleine“ ist ein verallgemeinernder Vorwurf und bringt nichts. Formulieren Sie Ihre Wünsche konkret und in der Ich-Form: „Ich möchte heute Abend etwas mit dir unternehmen.“
  5. Weniger ist mehr
  6. Konzentrieren Sie sich immer auf ein Thema. Lieber einen Konflikt sauber gelöst als fünf Punkte ohne Ergebnis diskutiert.
  7. Vermeiden Sie die Schuldfrage
  8. Schuldzuweisungen fordern Rechtfertigungen heraus und treiben das Gegenüber in die Enge. Eine Einigung wird dadurch unmöglich.
  9. Hören Sie gut zu
  10. Lassen Sie den Partner ausreden und unterbrechen Sie ihn nicht.

ER

  1. Bleiben Sie respektvoll & klar
  2. Beleidigungen, Zynismus und Spott sind nicht gefragt. Machen Sie auch keine abfälligen Gesten oder Drohgebärden. Und: Lassen Sie Alkohol aus dem Spiel.
  3. Bleiben Sie in Augenkontakt
  4. Konstruktive Streitgespräche finden nicht zwischen Tür und Angel statt. Setzen Sie sich zusammen, sodass Sie einander in die Augen sehen können. Streiten Sie aber nicht am Tisch bei den Mahlzeiten.
  5. Zeigen Sie Wertschätzung
  6. Sagen Sie Ihrem Streitpartner auch, was Sie an ihm mögen. Ein positives Feedback wirkt Wunder und neutralisiert oft verhärtete Fronten.
  7. Finden Sie ein Ende
  8. Sind die Argumente ausgetauscht, sollte es zügig ans Lösung-Finden gehen. In der Vergangenheit kramen und das Streitthema „zerreden“ bringt nichts.
  9. Versöhnen Sie sich
  10. Ein guter Streit endet nicht mit einem Sieg, sondern mit einer Einigung, bei der es zwei Gewinner gibt. Feiern Sie Ihre Versöhnung – mit einem guten Essen, einem Kino besuch oder …

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