„So klein und schon so groß?“

Jahrhunderte lang wurde versucht, Kinder durch Belohnung und Bestrafung zum gewünschten Verhalten zu bringen. Kinder sollten lernen, widerspruchslos zu gehorchen, und das berühmte Rohrstaberl war das Symbol für diesen Erziehungsstil. Heute sind hingegen Selbstständigkeit und Lernfähigkeit angestrebte Erziehungsziele, da viele Menschen davon ausgehen, dass unsere Kinder sich in der Welt von morgen noch selbstständiger bewegen werden müssen als heute. Darauf müssen wir unsere Kinder vorbereiten. Sie können als Eltern jetzt schon viel dafür tun, dass sich Ihr Kind in der Welt von morgen zurechtfindet.

Ihr Vorschulkind möchte immer mehr selber machen. Fördern Sie seine Selbstständigkeit! Lassen Sie es zum Beispiel einen Teil des Einkaufs im eigenen kleinen Rucksack nach Hause tragen. Es hat ganz von sich aus das Bedürfnis, Neues zu entdecken und auszuprobieren. Es nimmt freiwillig viel Mühe auf sich – nehmen Sie ihm diese Freude nicht . Wenn Ihr Kind erlebt, wie tüchtig es ist, und Sie es darin bestärken, wird es immer wieder bereit sein aus eigenem Antrieb zu lernen. Loben Sie Ihr Kind auch schon für einen Versuch, es ist bekanntlich noch kein Meister vom Himmel gefallen. Zeigen Sie Ihrem Kind, dass Rückschläge zum Leben dazu gehören und wie man damit gut umgeht. Der kleine Sebastianwollte Papa schwungvoll beim Tischabräumen helfen, und plötzlich lag der Teller in Scherben am Boden. Erschrocken steht der Kleine davor. Papa holt den Besen und sagt: „Jetzt hast Du Dich so bemüht, und trotzdem liegen die Scherben am Boden. Hältst Du mir bitte jetzt die Schaufel? Und dann trag Du doch noch das Besteck in die Küche.“ So lernt Sebastian, wie Scherben beseitigt werden und man aus einem Missgeschick noch lernen kann.

Ihr Kind beginnt jetzt auch ein eigenständiges Gewissen zu entwickeln, ein Prozess, der sich weit in die Pubertät fortsetzen wird. Vielleicht verbinden Sie mit dem Wort Gewissen nur ein verstaubtes Beichtkammerl, das Sie längst hinter sich gelassen haben. Das ist in diesem Zu-sammenhang nicht gemeint: Bei der Gewissensbildung Ihres Kindes geht es darum, dass Ihr Kind lernt, selber zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch zu unterscheiden. Wenn Ihr Kind als Erwachsene/r selbstständig und frei entscheiden soll, dann muss es jetzt beginnen zu üben. Die kleine Johanna erzählt ihrer Mutter, dass sie neulich dem Franzi seinen großen Turm zerstört hat. Franzi ist dann böse geworden und hat sie dann um den Tisch gejagt. Die Mutter schüttelt den Kopf und fragt: „Den Turm, den der Franzi mit Mühe gebaut hat, hast Du umgehaut!“. So hat sie dann bereits zwei Antworten auf ihr Verhalten: jene von Franzi und die von seiner Mutti. Johanna beschließt, dass ihre Mami Recht hat, jetzt schüttelt auch sie den Kopf über sich selber.

Diese Reaktion ist am Anfang typisch. Die kleinen Kinder übernehmen die Werte nicht aus Überzeugung, sondern weil sich die Eltern so verhalten. Es sichert sich so deren Zustimmung. Wenn das Kind dann erkennt, dass die Werte sich bewähren, übernimmt es diese ins eigene Verhalten.

Überhaupt, ein wichtiger Schlüssel zur Erziehung Ihres Kindes in diesem Alter sind verständliche Beschreibungen. Sagen Sie ihm nicht, „das gehört sich so“, sondern erklären Sie ihm, warum das für Sie wichtig ist. Zum Beispiel, dass man beim kalten Wind eine Jacke braucht, damit man keinen Schnupfen kriegt; dass man jetzt schlafen gehen muss, um morgen im Kindergarten ausgeschlafen zu sein; dass man die Autos wegräumt, damit niemand darüber stolpert …

„Wir können Kinder nicht erziehen, die machen uns eh alles nach.“ Karl Valentin

Tipps für Eltern

  • Fördern Sie die Selbstständigkeit Ihres Kindes jeden Tag. Bieten Sie Ihrem Kind z.B. die Wahl zwischen zwei Kleidungsstücken: „Willst Du heute die graue oder die rote Hose anziehen?“
  • Ihr Kind ist schon groß genug, dass es im Haushalt mithelfen kann. Lassen Sie Ihr Kind dabei wählen, was es denn beitragen möchte: „Bitte hilf mir! Magst Du lieber den Tisch decken oder willst Du den Saft aus dem Keller holen?“
  • Reden Sie nicht neben Ihrem Kind über Ihr Kind. Hören Kinder, wie man über sie redet, so fühlen sie sich wie Besitztümer der Eltern. Das behindert den Prozess des Selbstständigwerdens.
  • Beobachten Sie Ihr Kind, ca. mit 4 1/2 Jahren will es Erwachsenen selbstständig antworten. Lassen Sie Ihr Kind selbst antworten. Wenn Sie gefragt wer den, geben Sie an Ihr Kind weiter: „Nina sagt Ihnen das selber. Sie weiß es schließlich am besten.“
  • Loben Sie Ihr Kind oft, auch für Dinge, die es schon lange kann und immer gut macht. Beschreiben Sie, was Sie sehen und was Sie dabei fühlen: „Die Bausteine sind in der Schachtel, der Teddy sitzt an seinem Platz, und die Bilderbücher stellen wir jetzt noch gemeinsam ins Regal. Es ist für mich ein Vergnügen, hier hereinzukommen.“
  • Wenn Sie Ihrem Kind einen Wunsch abschlagen müssen, dann besprechen Sie das mit ihm. Auf die Frage „Kannst Du mich jetzt zum Patrick bringen?“ beschreiben Sie Ihre Situation: „Ich würde Dich gerne fahren, aber der Elektriker kommt, und ich kann daher nicht weg.“ Suchen Sie gemeinsam einen Ersatztermin.

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