Schulabbruch

Jürgen wird bald 16.
In der AHS geht es so recht und schlecht, denn mit 16 gibt es viele Interessen.
Freunde, Musik, Weggehen und vor allem Mädchen sind viel spannender als die Schule. Fehlstunden schleichen sich ein.
Die ersten negativen Noten in Mathe und Englisch.
Eltern und Lehrer reden gut zu, mahnen; es gibt Vereinbarungen und Regelungen. Gute Vorsätze werden gefasst – bis zum nächsten Anruf eines Freundes.
Im Halbjahr wird es eng, aber keine Sorge, irgendwie wird es schon gehen, ging ja bisher auch immer.
Die Erwachsenen kriegen die Krise und nerven, Verbote und Einschränkungen nutzen nichts, im Gegenteil.
Zum Schulabschluss der Schock. Wiederholung ist angesagt, aber ein Mal ist kein Mal.
Im nächsten Schuljahr wird alles besser; nur mehr lernen, gar nicht mehr weggehen. Es fängt auch viel versprechend an. Vieles klingt wohlvertraut, es scheint doch ein gemütliches Jahr zu werden.
Also kein Stress!
Mit dem ersten Fleck die ersten Zweifel: Kann es sein, dass ich es nicht schaffe?
„Aus dir wird halt ein Straßenkehrer“, wird wenig aufbauend prophezeit. Einzig die Freunde verstehen einen noch. Zum Semester hin scheint die Lage aussichtslos zu sein.
Ich bin ein Versager, da macht es keinen Sinn mehr, überhaupt noch hinzugehen.

Was Hänschen nicht lernt…
…lernt Jürgen nimmer mehr – ein geflügeltes Wort, das uns seit Generationen begleitet und ängstigt. Voll Sorge fühlen wir Eltern / Erziehende uns ohnmächtig, wenn eines unserer Kinder seine Schullaufbahn abbricht. Gerät mein Sohn / meine Tochter in einen nicht aufholbaren Bildungsrückstand?

Kein Schulabschluss!
Ein Schaden fürs ganze Leben?
Was werden Familie und Bekannte sagen?
Haben wir auch als Eltern versagt?

Gut, dass sich die Zeiten geändert haben: Heutzutage ist die Bildungslandschaft um ein Vielfaches breiter als noch vor wenigen Generationen.
Die Zeiten sind vorbei, als Schulen fertige Berufsbilder lieferten, gemäß denen der Mensch in eine Berufslaufbahn eingeklinkt wurde, die er lebenslang beibehielt.

Mit jedem Jahr wächst das Wissen rasanter, die technologische Entwicklung lässt kaum noch Prognosen zu und die Berufsbilder verändern sich im gleichen Tempo. Der unglaubliche Zuwachs von neuen Berufen überrascht uns alle und bietet vielfältige Chancen. Das bedeutet gleichzeitig, dass die traditionellen Schulen für Kinder und Jugendliche nur mehr primäre Bildungsinstitute sind: dass anlass- und berufsrelevantes Lernen begleitend zur Arbeit stattfindet und nie endet. Die Einteilung „erster Bildungsweg“ (traditionelle Ausbildungsmodelle der Schulinstitutionen) wurde durch „zweite Bildungswege“ ergänzt und wird derzeit überholt von berufsbegleitenden Aus- und Weiterbildungen.

Schulabbruch – Ende der Fahnenstange?
Keineswegs!
Die Situation ist für die ganze Familie belastend und konfliktreich: Unser Sohn / unsere Tochter entwickelt sich anders, als wir Erziehende es gewünscht, gedacht und geplant haben.
Die Schule wird zurückgewiesen, der Schulbesuch beendet. Wir als Erziehende müssen etwaige Fragen beantworten:
Was soll nun aus all den schönen Planungen werden?
Reicht es tatsächlich nur zum Straßenkehrer?
ODER: Vielleicht trifft unser verständlicher Wunsch, ihm oder ihr soll es besser gehen, er oder sie soll eine abgesicherte Existenz haben, auf andere Vorstellungen und Pläne.
Wie soll ich mein Kind betrachten?
Als Versager, der sich selbst ins Out manövriert?
ODER: Ist meine Tochter / mein Sohn innovativ und ungeduldig? Vielleicht hat mein Sohn / meine Tochter die traditionelle Schullaufbahn verlassen, weil das Bildungsangebot und die Lebensplanung einfach nicht mehr in Deckung zu bringen waren?
Könnte das Aussteigen aus der Schule auch mit einem natürlichen Lebenshunger zu tun haben?
Wenn wir es so betrachten, dann ist das (vorläufige) Beenden der Schule kein Resignieren oder Versagen, sondern ein wichtiger Schritt in Richtung Realitätsfindung. Mutige Schritte sind Ausdruck der Ich-Stärke und verdienen Unterstützung.

Wer hilft mir in den Sattel?
Zu aller erst gilt es die Nerven zu bewahren: Schimpfen und Schwarzmalen helfen nicht das ramponierte Selbstwertgefühl wieder ins Lot zu bringen.
Wenn das beendet ist, wenden wir uns wieder nützlicher Pädagogik zu: Unseren Kindern in den Sattel zu helfen, also dafür zu sorgen, dass die weiteren Lebensschritte realistisch geplant und gegangen werden.
Akzeptieren der Situation ist der erste Schritt dazu.
Dann geht es um die Frage, in welche Richtung soll sich der Reiter oder die Reiterin bewegen?
Wer kann Orientierungshilfe geben? Wer kennt Berufsbilder und Marktchancen bestimmter Berufe?
Wer kennt Bildungsalternativen, die dem Begabungs-, Leistungs- und Interessensprofil meiner Tochter oder meines Sohnes entsprechen?
Der nächste Schritt ist also eine fundierte Beratung in Anspruch zu nehmen, Informationen über neue Berufe einzuholen, Leistungs- und Interessensuntersuchungen durchführen zu lassen, um unseren Sohn / unsere Tochter wieder auf einen guten Weg zu bringen.

Wie ging´s mit Jürgen weiter?
Übrigens hat Jürgen inzwischen eine Lehre als Hotelassistent gefunden. Er ist stolz, wenn ihn sein Chef lobt und freut sich über selbst verdientes Geld. In der Berufsschule ist er besonders eifrig in Englisch, weil er das täglich im Beruf braucht. Vielleicht wird noch ein „Direktor“ aus ihm?

Autor: Dr. Gerald Kastner und Prof. Dr. Wolfgang Klima, Klinische- und Gesundheitspsychologen

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