Reden wir über Sex

Ihre Empfehlungen für guten Sex sind ebenso entwaffnend simpel wie legendär. Dr. Ruth K. Westheimer, allgemein kurz Dr. Ruth tituliert, lässt mit ihren 82 Jahren so manchen Teenager alt aussehen. Denn die begeisterungsfähige vierfache Oma sprüht vor Elan, Temperament und Humor und trägt laut eigenen Angaben schon wieder mindestens drei Bücher fixfertig in ihrem Kopf herum. Gesünder Leben durfte die weltbekannte Sexualtherapeutin anlässlich der Veröffentlichung ihres neuesten Werkes „Mythen der Liebe“ exklusiv in New York interviewen. Was für Dr. Ruth der Liebestöter schlechthin ist: Langeweile!

Dr. Westheimer, mit dem einstigen Verschlussthema Sex wird jetzt, auch dank Ihnen, unverklemmter und toleranter umgegangen. Glauben Sie, dass die Zufriedenheit in den Schlafzimmern heute höher ist als vor 30 Jahren?
Dass die Menschen 2011 grundsätzlich zufriedener sind, würde ich nicht unbedingt behaupten, aber in den Schlafzimmern eher schon. Man hat mir offenbar zugehört …(lacht) In Amerika, wo ich ja hauptsächlich wirke, haben auch zahlreiche andere Sexualtherapeuten, aber auch die Medien dazu beigetragen, dass heutzutage mehr und offener über Sexualität gesprochen wird. Auch hat sich der Wortschatz geändert und erweitert. Aber glauben Sie mir, es gibt noch immer genug Arbeit für uns. So etwa haben noch immer viele Männer einen frühzeitigen Samenerguss, was für ihre Partnerinnen doch recht freudlos ist.

Wir werden geradezu inflationär mit nackter Haut, allen erdenklichen Spielarten körperlicher Liebe, bis hin zur Pornografie konfrontiert. Sex gilt ja fast als eine Art Leistungssport – schneller, öfter, länger. Wie denken Sie darüber?
Da muss man aufpassen: Ich plädiere generell für mehr Mut zur Nacktheit und schließe hier eigentlich nur jene Pornografie kategorisch aus, die Gewalt propagiert oder Kinder betrifft. Erotische Bilder oder Sexfilme sind meines Erachtens nach okay. Sie fungieren als Quelle der Inspiration und gestalten das Liebesleben abwechslungsreicher und interessanter.

In Europa hält sich die Auffassung, viele Amerikaner seien nach wie vor recht prüde. So kursieren Gerüchte, dass in manchen Bundesstaaten z.B. der Oralverkehr zwischen Eheleuten gesetzlich verboten ist. Was ist da dran?
Das ist alles schon vorbei und vergessen. Zwar stimmt es, dass junge Leute wieder mehr heiraten und in puncto Sexualität wieder etwas konservativer geworden sind, aber die aufklärerische Tätigkeit von Pionieren wie Kinsey, Masters und Johnson und meiner Wenigkeit konnte hier vieles nachhaltig verändern. Durch Serien wie „Sex and the City“ entsteht in Europa allerdings ein ziemlich verdrehter Eindruck. Wie da Beziehungen dargestellt werden, läuft an der Realität in unserem Land vorbei.

Was sind die häufigsten Gründe dafür, wenn es in einer sonst funktionierenden Partnerschaft nicht mehr knistert, was sind die häufigsten „Liebestöter“?
Da steht ganz oben die Langeweile – eine echte Todsünde –, gefolgt von Problemen des Alltags, die man mit ins Bett nimmt. Die Liebesflamme am Lodern hält man, indem man sich auch geistig und intellektuell mit seinem Partner beschäftigt und fantasievoll ist. Das muss aber nicht zwangsläufig bedeuten, dass man alle seine Fantasien auch aussprechen muss. Die Kunst besteht darin, sich gegenseitig dorthin zu führen, wo man gemeinsam hin will. Außerdem sollte man nie zu müde sein für Sex und ihn nie routinemäßig betreiben.

Mittlerweile wissen die meisten Frauen ziemlich genau, wie sie sexuelle Erfüllung finden bzw. auch zum Höhepunkt kommen können. Was können Sie jenen Frauen raten, die ihre Wünsche und Bedürfnisse nach wie vor vernachlässigt sehen?
Paare sind ja keine siamesischen Zwillinge, also auch nicht immer gleich geschaltet. Hat sie etwa mehr Lust auf Sex als er, dann muss es ja nicht immer gleich der klassische Geschlechtsakt sein. Er kann sie zum Beispiel auch mit den Fingern, einem Vibrator oder sogar seiner großen Zehe zum Orgasmus bringen. Umgekehrt soll auch sie ihm zu seiner Befriedigung verhelfen. Denn das sei gerade in einem Gesundheitsmagazin einmal in aller Deutlichkeit gesagt: Frauen und Männer, die befriedigt sind, sind einfach glücklicher. Und das färbt auf ihr gesamtes Umfeld ab.

In Ihrem neuen Buch „Mythen der Liebe“ durchleuchten Sie Erzählungen über antike Götter, Helden und ihre Objekte der Begierde auf ihren erotischen Gehalt hin. Durch Eifersucht oder unerfüllte Liebe wurde damals aber so manches Unheil herauf beschworen. Schwerer Stoff?
Das darf man alles nicht so dramatisch sehen. Mich erfreut und erbaut dieses Buch, das ich im Übrigen nicht ohne die Mitarbeit von Jerry Singerman zuwege gebracht hätte. Diese alten Sagen und Geschichten sind voll von sexuellen Anspielungen, aber auch Ironie. Dementsprechend interpretieren wir sie auch. Diese Mythen sollen den Leser ja anregen. Etwa jene berühmte Episode von Leda und dem Schwan, die seit jeher Fantasien befl ügelt. Stellen Sie sich einfach vor, was man alles anstellen kann mit so einem langen Schwanenhals … (lacht)

Obwohl Sie den Nimbus „Sexpertin“ haben, bezeichnen Sie sich selbst in mancherlei Hinsicht als eher altmodisch, plädieren für Zweierbeziehung und Treue. Ist das nicht ein Widerspruch?
So altmodisch bin ich nun auch wieder nicht … Heute lässt man sich ja öfter scheiden, und ich habe nichts dagegen. Wenn sich zwei nicht mehr gerne haben, dann sollen sie auseinandergehen und nicht zwanghaft an etwas festhalten, was nicht mehr funktioniert.

Ihr Esprit, Ihr Witz und Ihr Temperament sind herzerfrischend. Wie stellen Sie es an, mit 82 geistig so vital und körperlich so fit zu sein?
Ich habe das unheimliche Glück, gesund zu sein. Eine Erklärung dafür könnte sein: Ich habe nie aufgehört, neugierig und interessiert zu sein. So bin ich nur ganz selten zu Hause, gehe sehr viel aus, z.B. ins Theater, besuche Seminare, halte Vorlesungen und drehe jeden Sommer mit Begeisterung einen Dokumentarfilm in Israel. Und ich halte es in allen Lebenslagen mit meinem jüdischen Humor. Kurzum: Ich genieße es in vollen Zügen, Dr. Ruth zu sein.

Being Dr. Ruth
Ihr Renommee und ihre Popularität stehen in keiner Relation zu ihrer Körpergröße von 1,40 m. Dr. Ruth K. Westheimer wurde 1928 als Ruth Karola Siegel in Frankfurt am Main geboren. Mit zehn Jahren war sie gezwungen, aus Deutschland zu emigrieren. 1945 ging sie nach Palästina, wo sie im israelischen Unabhängigkeitskrieg kämpfte, und wanderte nach dem Studium der Psychologie an der Pariser Sorbonne 1956 in die USA aus. Ihre Radiosendung „Sexually Speaking“, Start 1980, wurde zum Quotenhit und begründete ihren legendären Ruf als Sextherapeutin der Nation. Mitt lerweile liegen 33 Bücher rund um das Thema Nummer eins vor. Dr. Ruth war drei Mal verheiratet, ist seit zwölf Jahren verwitwet, hat eine Tochter und einen Sohn sowie vier enkelkinder. Westheimer lebt hauptsächlich in New York und unterrichtet in Harvard und Yale.

BUCHTIPP
Mythen der Liebe, Dr. Ruth K. Westheimer mit Jerome E. Singerman, Verlag Collection Rolf Heyne, ca. € 20,50

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