„Raue Schale, weicher Kern“

Die Mutter der dreizehnjährigen Oya erzählt, dass sich ihre Tochter in letzter Zeit sehr verändert hat, einen rüden Umgangston pflegt, schnell „angefressen“ ist und aus dem Nichts heraus zu weinen beginnt. Außerdem verbringt sie Stunden vor dem Spiegel, um sich schön zu machen und die Mutter beklagt sich, dass sie zu viel Zeit mit ihren Freundinnen verbringt. Weiters ist sie auffällig geschminkt und frisiert unterwegs.

Was die Mutter am meisten kränkt , ist , dass ihre Tochter sie auf der Straße ignoriert und so tut, als ob sie sie nicht kennen würde. “Das hat mir so weh getan, dass etwas in mir zerbrochen ist. Nichts ist so wie früher, ich habe meine süße kleine Tochter verloren!“

Oyas Mutter zählt einige der für die Pubertät typischen Verhaltensweisen auf:

  • Distanzierung von der Familie und Bevorzugung des Freundeskreises
  • Anspannung, Aufbrausen, Weinen, depressive Verstimmung, Wut
  • Träumerei und erstes romantisches Interesse am anderen Geschlecht
  • Mangelndes Selbstvertrauen und Suche nach Anerkennung

Die Pubertät: Eine Entwicklungsphase, die von enormen Veränderungen geprägt ist. Körper, Gefühlsleben, Denken und Beziehungen verändern sich rasant. Mit der Pubertät ist es ähnlich wie mit dem Gehenlernen: Der Beginn ist von Kind zu Kind verschieden und folgt seinem persönlichen Entwicklungsplan. In der Regel geben irgendwann zwischen dem 9. und 14. Geburtstag die Hormone den Startschuss für die Veränderungen; bei Mädchen setzt die Pubertät früher ein als bei Buben. Nach der meist ruhigen, stabilen Volksschulzeit werden die Karten jetzt noch einmal ganz neu gemischt. Ihr Kind wächst nicht nur, sondern verändert sich in seiner Gesamtheit, um erwachsen zu werden.

In der Pubertät pendelt Ihr Kind zwischen Anlehnungsbedürftigkeit und Freiheitsstreben.Es wünscht sich Selbstbestimmung, ist aber noch nicht ganz sicher, was es sich zutrauen kann. Zudem möchte es auf elterliche Geborgenheit nicht verzichten. Für Sie als Mutter oder Vater gleicht das einem Wechselbad. Zum Zahnarzt sollen Sie mitgehen, zum Friseur – bloß nicht. Bleiben Sie geduldig. Freuen Sie sich, dass Sie da und dort gebraucht werden und Ihr Kind die Beziehung zu Ihnen immer wieder sucht.

Als Eltern sollen Sie also Nähe und Geborgenheit bieten, sich aber gleichzeitig überflüssig machen. Das funktioniert nicht automatisch und von selbst. Die Pubertät kann man nicht „irgendwie durchtauchen“, ignorieren oder passiv über sich ergehen lassen. Weder als Kind noch als Elternteil. In einem Familienleben, das von Respekt und Verantwortungsgefühl geprägt ist, sind die Schwierigkeiten dieser Etappe zu bewältigen.

Auch wenn Oyas Mutter durch ihr Verhalten verletzt ist: Die Abgrenzungsversuche ihrer Tochter dürfen nicht dazu führen, dass sie sich aus der Erziehung zurückzieht. Damit würde sie die Beziehung abbrechen und ihr Kind in seiner Unsicherheit allein lassen. Es würde dann auf verschiedene Weise versuchen, die Zuwendung der Eltern wieder zu bekommen – im Extremfall durch zerstörerische Handlungen.

Ihre Aufgabe ist es vielmehr, die Beziehung gerade in stürmischen Zeiten aufrecht zu halten. Es ist ein Balanceakt: Als Eltern müssen Sie Kränkungen aushalten und zugleich Ihre Grenzen verteidigen. Sie sollen stets in Rufweite bleiben und gleichzeitig Ihr Kind nicht mit zuviel Fürsorge entmündigen.

Haim Omer, ein bekannte Psychiater und Psychotherapeut fasst es in Worte: “Wir sind deine Eltern und sind da und bleiben da, als Freunde, Beschützer, Begleiter, Zuhörer, Schützer der Familie aber auch als Grenzensetzer, Erzieher und Bremser. In diesen Funktionen können wir nicht abgeschüttelt werden, wir können nicht umgangen werden, wir können nicht bestochen werden, wir sind da und bleiben da …“

Übermäßige Kontrolle kann die Entwicklung des Selbstvertrauens behindern, sie fördert passives Verhalten und Minderwertigkeitsgefühle. Andererseits überfordert grenzenlose Freiheit Jugendliche: Noch sind die Eltern für die Gestaltung des Familienlebens hauptverantwortlich. Helfen Sie Ihrem Sohn, Ihrer Tochter, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen, indem Sie ihm/ ihr Schritt für Schritt mehr Verantwortung übertragen und ihn/sie dabei bestärken, für die eigenen Entscheidungen einzustehen.

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