Putzen ohne Tränen Wie Milchzähne behandelt werden Wer braucht eine Zahnspange?

Der Grundstein für ein gesundes Gebiss wird bereits in der Kindheit gelegt. Regelmäßige Reinigung und Ernährung mit wenig Zucker stärken die Zähne der Jüngsten von Anfang an. Worauf Eltern besonders achten müssen.

Nach wie vor herrscht bei etlichen Menschen die Meinung vor, Milchzähne wären nicht wichtig und in ihrer Pflege vernachlässigbar, da sie später ohnehin ausfallen würden. Eine gefährliche Fehlinformation, denn die Mundgesundheit in jungen Jahren zu ignorieren, hat mitunter langwierige gesundheitlich fatale Folgen für das Kind! Schließlich bestimmen die jungen Zähnchen auch den lebenslangen „Gebiss-Statuts“ mit. Kaputte „Ruinen“ im Mund schädigen außerdem auf Dauer den gesamten Körper. „Frühkindliche Karies ist leider weiterhin stark im Steigen begriffen, obwohl sie eigentlich vermeidbar wäre“, zeigt sich auch Dr. Rainer F. Prugmaier, Zahnarzt in Wien und Leibnitz (Stmk.) besorgt. „Weltweit haben derzeit rund 600 Millionen Kinder mit unbehandelter Karies an Milchzähnen zu kämpfen und auch in Österreich könnten die Werte besser sein. Das globale Ziel stellt daher dar, ECC (Early Childhood Caries, Karies in der frühen Kindheit) zu senken.“

Wichtig für die Entwicklung
Milchzähne haben in der Entwicklung des Kindes eine umfassende Bedeutung. Neben der Kaufunktion stellen sie wichtige Platzhalter dar und spielen eine entscheidende Rolle in der Kiefer- sowie Sprachentwicklung. Ein verfrühter Verlust kann unter anderem eine Durchbruchsstörung der bleibenden Zähne sowie eine Lautbildungsstörung bedingen. Da F- und Zischlaute dann nicht richtig gebildet werden, macht das mitunter eine logopädische Therapie erforderlich. Diese ersten „Beißerchen“ müssen deshalb bis zur natürlichen Exfoliation (Zahnverlust) erhalten bleiben, damit keine kieferorthopädische Therapie erforderlich wird. Mit etwa 12 Jahren verlässt übrigens der letzte Milchzahn den Mund.

Reinigen von Anfang an
Zahnpflege beginnt bereits beim Baby. Und sogar schon vor dem Durchbruch sollte der Mundraum z.B. mit einem weichen Tuch gereinigt werden. Dadurch wird das Zahnfleisch massiert, die Milchzähne haben es dann einfacher, durchzustoßen. Die ersten Zähnchen müssen ab dem Zeitpunkt des Durchbrechens (meist um den sechsten Lebensmonat) mit einer dem Alter entsprechenden Bürste und fluoridhaltiger Zahnpaste geputzt werden. „Achten Sie darauf, dass die Oberlippe dabei vollständig angehoben wird. Es sollte jeder Zahn und sein Übergang zum Zahnfleisch gleichmäßig vorsichtig gereinigt werden“, erklärt Dr. Prugmaier. Die deutsche und österreichische Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde empfiehlt in ihren neuesten Guidelines, die Zähne zwei Mal täglich mit einer fluoridhaltigen Zahnpaste zu pflegen. Es gibt im Handel bereits Produkte, welche die jeweils richtige Menge enthalten und sehr gut dosierbar sind. „Fluorid ist übrigens nicht das Gleiche wie Fluor – ein giftiges Gas. Kleine Mengen der härtenden Substanz nehmen wir mit unserer Nahrung auf. Durch das Zähneputzen mit einer dementsprechenden Zahnpasta kann das Fluorid lokal wirken und bietet einen optimalen Kariesschutz“, so der Experte, der auf Kinder und Erwachsene mit besonderen Bedürfnissen spezialisiert ist. Bis zum Alter von ca. 7 Jahren sollten die Eltern übrigens beim Zähneputzen unterstützend eingreifen.

Erste Beißerchen in Gefahr
Die Milchzähne der Kids sind weicher als die bleibenden Zähne Erwachsener. Dies erklärt sich aus ihrer Zusammensetzung, denn der Mineraliengehalt fällt geringer aus. Das bedingt auch, dass sie anfälliger für Schäden sind. Viel Säure und Zucker zu essen, setzt dem Gebiss zu und kann dazu führen, dass sich Karies eher bildet. Ist ein Zahn davon befallen, schreitet diese beim jungen Gebiss im Vergleich zu Erwachsenen schneller voran und kann andere nicht betroffene Zähne anstecken. Wichtig wäre, dass Eltern schon früh, ab dem ersten Geburtstag, regelmäßig den Zahnarzt zur Kontrolle aufsuchen, am besten einen, der gut mit jungen Patienten arbeiten kann. Dr. Prugmaier: „Ich empfehle, einen Kinderzahnarzt zu wählen, der eine individuelle Beratung basierend auf aktuellen Guidelines der europäischen und österreichischen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde anbietet. Junge Menschen sind eine sehr sensible Patientengruppe, die ein besonderes Umfeld benötigen. Ihre Behandlung erfordert Zeit, großes Einfühlungsvermögen, einen langfristigen Vertrauensaufbau sowie viel Ruhe. Nur so kann eine solide Basis für die Zahngesundheit des gesamten Lebens gelegt werden.“

Mundhygiene auch für Kleine
Laut Dr. Prugmaier ist auch eine regelmäßige professionelle Mundhygiene für Kinder sinnvoll: „Dadurch kämen sie nicht erst bei Problemen zum Arzt, sondern könnten sich früh positiv mit dem Thema auseinandersetzen. Teil der professionellen Mundhygiene ist es, Putzschwachstellen aufzeigen und die Reinigungstechnik zu schulen. Die Wichtigkeit der Verwendung von Zahnseide, um Karies zu vermeiden, kann man hier schon den Jüngsten erklären.“ Derzeit werden die Kosten von der Krankenkasse nur für Kinder zwischen dem vollendeten 10. sowie 18. Lebensjahr einmal im Jahr übernommen. Bei einer kieferorthopädischen Behandlung mit festsitzenden Spangen wird diese zweimal innerhalb eines Jahres (mind. sechs Monate Zeitabstand) gezahlt. Da Kinder allerdings oft bereits sehr viel früher mit Karies zu kämpfen haben, wäre es in den Augen des Experten sinnvoll, die untere Alterslimitierung aufzuheben.

Aufpassen mit dem Zucker!
Neben der gewissenhaften täglichen Mundhygiene spielt auch ein gesundes Ernährungsverhalten mit, wenn es um die Eindämmung von Karies geht. „Eine Verringerung der täglichen süßen Getränke sowie Vermeidung von Zucker für Kinder unter 2 Jahren sollte von allen Eltern angestrebt werden“, appelliert Dr. Prugmaier. Er warnt ebenso vor „versteckten“ Varianten. Dafür genau die Packungsbeilage lesen, denn Glucosesirup, Honig, Malz- oder Invertzucker können den Beißerchen genauso schaden. Auch ein übermäßiger Verzehr von süßem Obst oder Zitrusfrüchten, die die gesünderen Nahrungsmittel zu sein scheinen, greifen die Zähne an. Als großes Problem erweisen sich weiters gesüßte Tees und Säfte, vor allem, wenn sie schon den Kleinsten im Fläschchen gegeben werden und so das „Zuckerwasser“ ständig die Kauwerkzeuge umspült. Wasser aus dem Becher ist ab einem Jahr vollkommen ausreichend. Naschereien gänzlich zu verbieten, muss natürlich nicht sein. Besser als sie über den Tag verteilt zu naschen, wäre es aber, nur einmal täglich Süßes zur Hauptmahlzeit anzubieten und danach die Zähne zu reinigen.

Ein bisschen Spaß muss sein! Es gibt speziell für Kleinkinder entwickelte Zahnbürsten, manche spielen auch Musik. Andere werden mit einer App am Handy verbunden und die Kids müssen während des Putzens ein Spiel spielen. Lassen Sie doch Ihren Sprössling selbst wählen, welche Bürste ihm am besten gefällt! Dann bereits den Kleinen zum Erkunden ihres Mundes anbieten. Ein wenig Durchsetzungsvermögen ist für die tägliche Reinigung schon vonnöten, daher: Jeden Tag aufs Neue versuchen und nicht aufgeben! Denken Sie speziell an die Reinigung der Frontzähne im Oberkiefer. „Falls das Zähneputzen nicht wie erwünscht funktioniert, empfehle ich eine engmaschigere Kontrolle beim spezialisierten Arzt“, so Dr. Prugmaier. „Von einigen Eltern höre ich, dass sie das Zähneputzen in Geschichten und Rollenspiele verpacken. Bei einer kleinen Patientin kommt z.B. täglich der Putzroboter oder der zahnputzende Italiener. Das kleine Mädchen hat mir in der Ordination voll Freude davon berichtet und man konnte ihr ansehen, dass sie beim Zähneputzen mit ihren Eltern richtig Spaß hat.“

Taucht bei Sprösslingen Karies auf, behandelt man zumeist mit „weißen“ Füllungen, denn seit Juli 2018 soll Amalgam bei Patienten bis zum 15. Lebensjahr nicht mehr verwendet werden. Um den Zahn bei großem Befall zu erhalten, kann man eine Versorgung mit einer Milchzahnstahlkrone andenken. Zu starke Zerstörung der Substanz oder Entzündung des Nervs bis zum Kieferknochen machen es aber oft unumgänglich, den Zahn zu entfernen. Die Lücke muss dann – insofern der Durchbruch des bleibenden Zahnes noch nicht unmittelbar bevorsteht – mit einem Platzhalter besetzt werden, um spätere Fehlstellungen zu vermeiden. Es gibt festsitzende oder herausnehmbare Platzhalter.

Wer braucht eine Zahnspange?
Ob und wann eine kieferorthopädische Therapie notwendig ist, diagnostiziert der Kinderzahnarzt, der im Austausch mit dem Kieferorthopäden einen Behandlungsplan erarbeitet. Anhand der sogenannten IOTN Kriterien (index of orthodontic treatment need, Index des kieferorthopädischen Behandlungsbedarfs) wird dann erhoben, ob die Behandlungskosten durch die gesetzliche Krankenversicherung übernommen werden oder nicht. Um die Kosten ersetzt zu bekommen, müssen die Zähne eine massive Fehlstellung aufweisen (= IOTN 4 oder 5). Der Start der Behandlung (=Einsetzen der Zahnspange) muss außerdem bei dem unter 18-Jährigen erfolgen.

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