Pädagogische Geschichte: Michi und der Zauberspiegel

Heuer war kein gutes Jahr für Michi.

Rocky, sein Hund, ist im Winter gestorben – „eingegangen, weil er schon alt war“, wie der Opa gesagt hat.

Dann hat Michi Christoph bei einer Rauferei in der Pausenhalle den Zeigefinger gebrochen. Christoph ist eigentlich sein Freund und weiß, dass das nicht Absicht war. Trotzdem hat es wegen dieser blöden Geschichte eine Menge Stunk in der Schule gegeben, und Michi hat geglaubt, dass er von der Polizei gleich mitgenommen werden würde. Zu Hause hat es dafür drei Wochen Fernsehverbot gegeben und um die Hälfte weniger Taschengeld, weil Christophs Eltern von seinen Eltern Schmerzensgeld verlangt haben, und Michis Mama gemeint hat, er müsse da mitzahlen. Die Versicherung hat zwar dann eh alles bezahlt – „ein Wunder, dass die einmal was zahlen“ wie Michis Vater gesagt hat – aber das Taschengeld ist trotzdem noch immer gekürzt.

Jetzt kommt noch dazu, dass er die letzte Deutsch Schularbeit komplett verhaut hat. Michi wird nun vielleicht einen Vierer bekommen, obwohl er so gut Aufsätze schreiben kann. Aber er macht in diesem Schuljahr dauernd blöde Fehler bei den Schularbeiten. Gerade in der vierten Klasse muss ihm das passieren, wo er doch ins Gymnasium gehen sollte.

Michi weiß schon, wie das ablaufen wird, wenn seine Eltern diese Neuigkeit erfahren. Papa wird herum brüllen und ihm sagen, dass Michi ein Faulsack ist und „mit dem Schädel immer woanders als in der Schule“. Mama wird dann mit dem Papa schimpfen, weil er herum schreit. Dann werden beide streiten, was sie in letzter Zeit sowieso andauernd machen. Mama wird sagen, dass sich der Papa selbst anschauen soll. Dann wird der Papa nichts mehr sagen, sondern sich vor seinen Computer setzen und so tun, als ob er allein wäre. Michi wird sich vorwerfen, dass seine Eltern nur wegen ihm streiten.

Wenn er dann mit der Mama alleine ist, wird diese ihm resignierend sagen, dass sie geglaubt habe, sie könne sich auf ihn verlassen und sie jetzt sehr enttäuscht von ihm sei, weil er sich in der Schule nicht bemüht habe. Michi wird nichts darauf sagen, denn wenn er der Mama sagen würde, dass er sich ja bemüht habe, würde sie ihn sowieso nicht hören, sondern nur die Befürchtung aussprechen, dass er wie der Papa werden könnte.

Michi wird sich dann sehr schlecht und schuldig fühlen.

Michi will das aber nicht. Es reicht ihm schon, dass er ein schlechtes Zeugnis bekommen wird. Es geht ihm schon mies genug.

Michi will abhau`n, verschwinden, sich verstecken.

Michi möchte seine Ruhe.

Michi weiß einfach nicht mehr weiter.

„He Michi“, sagt Janine, “ was ist los mit dir? Du schaust ja ziemlich erledigt aus.“ Janine ist Michis Cousine und wohnt in der gleichen Siedlung wie er. Sie ist schon dreizehn, und für sie ist Michi so etwas wie ein kleiner Bruder.

Michi mag Janine, obwohl sie ein bisschen ein verrücktes Hendl ist. Er kann mit ihr normalerweise auch gut reden, weil sie ihn ernst nimmt und auch nichts weiterplaudert. Aber jetzt mag er nichts sagen. Er starrt nur vor sich hin. „Ha`ms wieder g`fetzt?“, fragt Janine und meint damit Michis Eltern. Michi schüttelt den Kopf. „Was ist dann los mit dir?“, bohrt Janine weiter.

Michi sagt, dass er einen „Vierer“ bekommen wird und dass er sich, das was ihn zu Hause erwartet, ersparen wird, weil er nämlich nicht mehr nach Hause gehen wird. „Was willst du denn tun?“, fragt Janine besorgt. Michi beginnt zu weinen. „Ich möchte einschlafen und nicht mehr aufwachen“ schluchzt er. Janine nimmt ihren kleinen Cousin in die Arme und drückt ihn fest. Dann sagt sie, dass sie ihm etwas geben wolle, das ihm sicher weiterhelfen wird. Michi hört ihr nicht zu. Erst als Janine wiederholt, dass sie ihm mit etwas helfen kann, schaut er sie mit einem müden fragenden Blick an.

„Ich hab da einen Spiegel“, erzählt sie, „der ist so eine Art Zauberspiegel“. Michi versucht desinteressiert dreinzuschauen, denn dass er ihr das glaubt, kann Janine nun wirklich nicht annehmen. Andererseits kommt in ihm ein Funken Hoffnung auf Hilfe auf, den er aber gleich wieder verdrängen möchte, weil er weiß, dass das mit der Zauberei ein Blödsinn ist.. – Oder nicht? Jedenfalls hört er Janine weiter zu. „Weißt du,“ sagt Janine, “ich hab` den Spiegel von meiner Uroma geschenkt bekommen. Sie hat mir gesagt, wenn man jemanden in den Spiegel schauen lässt und ihm Fragen über sein Leben stellt, sieht er darin Geschichten und Geschehnisse aus seiner Vergangenheit. Die Uroma hat auch gesagt, dass die Leute dann immer ganz nachdenklich werden und vor allem mehr denken, bevor sie etwas sagen.“ „Und soll ich da reinschau`n und nachdenklich werden“. Ich bin eh schon so nachdenklich, dass mir fast der Kopf platzt. Außerdem glaub` ich das Märchen eh nicht, „ sagt Michi.

„Du sollst ja auch nicht reinschau`n, sondern deine Eltern. Und dann kannst du ihnen Fragen stellen!“

Michi nimmt den Spiegel und bemüht sich dabei möglichst ungläubig dreinzuschauen. Insgeheim hofft er aber, dass doch etwas an Janines Geschichte dran ist.

„Vergiss nicht, du musst deine Fragen stellen, wenn deine Eltern in den Spiegel schauen!“, sagt Janine, und Michi nickt, nimmt den Spiegel und geht nach Hause.

„Bin um drei wieder zu Hause.“, hat die Mama auf einen Zettel geschrieben, „Wärm` dir das Essen!“ „Dann muss sie ja bald kommen“, denkt Michi. Er dreht die Herdplatte auf und setzt sich an den Küchentisch. Den Spiegel legt er vor sich hin und wartet bis das Essen warm ist und auf die Mama.

Was er sie fragen wird, weiß er schon.

Als die Mama dann kommt, ist Michi gerade beim Essen. „Schmeckt`s?“, fragt sie und gibt ihm ein Bussi. Michi nickt. Dann sieht die Mama den Spiegel und weil der so kitschig ist, schaut sie ihn sich genauer an. Das ist die Gelegenheit für Michi.

„Mama kannst du dich an etwas in deinem Leben erinnern, wo dir etwas nicht gelungen ist oder wo du Pech gehabt hast oder wo du traurig warst?“, fragt er, während sie in den Spiegel schaut. Michi wartet schon darauf, dass die Mama fragt, wie er auf diese Frage kommt, weil ganz traut er dem Spiegel noch immer nicht. Aber nichts dergleichen passiert.

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