Nur kein Stress!

Burn-out ist längst keine Modeerscheinung mehr. Vielmehr handelt es sich mittlerweile um ein ernst zu nehmendes gesellschaftliches Problem. Es sorgt nicht nur für steigende Krankenstands-Zahlen und hohe Staatsausgaben, sondern kann auch großes persönliches Leid verursachen. Meistens fängt es recht harmlos an –und nimmt schleichend überhand: Potenziell Betroffene sind zunächst übermotiviert und überengagiert – frei nach dem Motto „Ich kann alles“ –, vernachlässigen dabei eigene Bedürfnisse oder Freizeitaktivitäten, sind leicht reizbar und haben manchmal Schlafstörungen: Überlastung und Überforderung bleiben noch unerkannt. In einer zweiten Phase – geprägt von „Ich kann noch“ – wird ihnen bewusst, wie sehr sie unter Druck stehen, werden punktuell vom Gefühl der Hilflosigkeit heimgesucht, legen den Fokus gezielt auf ihre Arbeit, isolieren sich zunehmend und leiden auch an psychosomatischen Beschwerden wie beispielsweise Rücken-, Kopf- oder Magenschmerzen. Findet spätestens jetzt kein Umdenken bzw. ein anderer Umgang mit der privaten und beruflichen Situation statt, folgt das dritte Stadium, das in einer völligen Erschöpfung, Arbeitsunfähigkeit und sozialem Rückzug mündet. Dazu können sich auch chronische Schmerzen, manifeste körperliche Erkrankungen und Depressionen gesellen. Es heißt nun: „Ich kann nicht mehr“. – Man ist im wahrsten Sinn des Wortes ausgebrannt.

Pensionisten sind entspannter
Rund ein Fünftel der Österreicher befinden sich – laut Prävalenzstudie zum Burn-out-Syndrom, die im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz 2018 veröffentlicht wurde – bereits in einem Problem-, 17 Prozent in einem Übergangs- und 8 Prozent in einem Erkrankungsstadium. „Etwa die Hälfte der Bevölkerung zeigt somit Erschöpfungssymptome unterschiedlichen Grades“, fasst Dr. Lisa Tomaschek-Habrina, Leitung Dept. Burn-out-Prävention und Resilienztraining der European Systemic Business Academy (ESBA), zusammen. Vor allem IT-Kräfte, Wiener Ärzte sowie Schichtarbeiter sind laut Studie gefährdet; das geringste Burn-out-Risiko haben offensichtlich Polizisten. Wie erwartet zeigt sich in der Gruppe der unter 30-Jährigen ein besonders hoher Anteil an Personen im Burn-out-Erkrankungsstadium, welcher mit zunehmendem Alter wieder geringer wird und ab dem 50. Lebensjahr wieder ansteigt. „Dies ist multifaktoriell zu erklären. Einerseits sinkt hier die kognitive Leistungsfähigkeit, andererseits hat man mit 50 plus vielleicht auch Angst, durch jüngere und billigere Arbeitskräfte ersetzt zu werden“, vermutet Tomaschek-Habrina. Erst nach dem 59. Lebensjahr – also kurz vor Pensionsantritt – sinkt der Anteil an burn-out-gefährdeten Menschen.

grafSchwachstellen schnell entlarvt
Gestresst fühlen wir uns übrigens immer dann, wenn wir für die Bewältigung einer Belastung nicht über die nötigen Kompetenzen oder ausreichend Ressourcen verfügen. Es kommt daher immer darauf an, wie wir eine Situation selbst bewerten. Erscheint sie bewältigbar, macht sich dank Adrenalinkick ein positiver Stress breit. Er wirkt motivierend, stimulierend und macht einfach glücklich. Ist (der eigenen Meinung nach) keine Lösung in Sicht, werden wiederum ganz andere Stresskaskaden im Körper ausgelöst. „Sie werden vor allem durch eine erhöhte Cortisol-Ausschüttung (Hypercortisolismus) bewirkt und können bei lang anhaltendem Dauerstress zu einem Mangel an Cortisol (Hypocortisolismus), also u. a. zu Entzündungsprozessen, Stoffwechselstörungen, Immunschwäche oder einer Gewebsdifferenzierung führen“, so Tomaschek-Habrina. „Der Stress manifestiert sich dabei immer an den Schwachstellen der jeweiligen Person und macht sich entsprechend bemerkbar.“ Zu typischen Erscheinungsbildern von Stress zählen dabei flacher Atem, trockener Mund oder Schweißausbrüche, Gereiztheit, Müdigkeit, Ein- und Durchschlafstörungen, Konzentrationsschwäche, aber auch Verspannungen des Bewegungs- und Stützapparats, Herz-Kreislauf-Probleme oder Verdauungsbeschwerden. Nicht jeder Rückenschmerz oder gelegentliches Bauchzwicken ist aber wohlgemerkt ein Indiz für Stress oder ein unmittelbar bevorstehendes Burn-out. Dennoch lohnt es sich, auf Zeichen des eigenen Körpers zu hören – vor allem, wenn sie besonders hartnäckig sind. Schließlich spricht der Körper mit uns über die Schiene der Symptome und sagt leider nicht: „Es reicht. Geh bitte runter vom Gas.“ – „Je länger wir daher die nötigen Erholungsphasen negieren und ignorieren, desto lauter muss die Symptomsprache werden“, betont Tomaschek-Habrina. Der Körper sorgt also für einen regelrechten Aufstand, weil seine leisen Aufforderungen, endlich einen Gang zurückzuschalten, über einen sehr langen Zeitraum nicht beachtet wurden.

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