Können wir uns normal unterhalten?!

Immer schon war früher alles besser, daran hat sich bis heute nichts geändert. Einerlei um welchen Lebensbereich es sich handelt. Früher hätte man sich beim Abendessen gepflegt unterhalten, behaupten die Nostalgiker, heute würde jeder für sich Essen reinschaufeln und dabei gebannt auf sein Smartphone glotzen. Früher sei man beim Bäcker, im Zug, während des Wartens auf irgendetwas mit Fremden ins Gespräch gekommen, heute würden die Leute nicht mehr miteinander reden. Und tatsächlich: Die Menschen schauen, egal wohin man auch sieht, immerzu auf ihr Smartphone. Mensch und telefonino, wie die Italiener ihr liebstes Accessoire zärtlich nennen, bilden eine untrennbare Einheit – mehr noch: Mensch und Maschine schotten sich ab. Hat man früher, als alles besser war, auch gemacht: Man hat sich hinter der Zeitung versteckt, sich ins Buch versenkt, sich in sich selbst zurückgezogen. Und dennoch: „Auf einen oberflächlichen Blick scheint vieles dafür zu sprechen, dass gerade die beiläufigen Begegnungen von Personen im alltäglichen Kontext immer mehr zu Nichtbegegnungen werden“, so Dr. Angela Keppler, Professorin für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Mannheim in Deutschland. Dies führe zum gängigen Schluss, dass die modernen Kommunikationsmedien die sozialbildende Kraft des Gesprächs unterhöhlt haben oder zumindest dabei sind, diese zu unterhöhlen.

Die Kommunikation hat sich nachhaltig verändert
Je intensiver die neuen Kommunikationsmedien verwendet werden, desto weniger wird im eigentlichen Sinn kommuniziert. Heißt es. Wobei Kommunikation, aus dem lateinischen communicare, nichts anderes bedeutet als teilen, mitteilen, teilnehmen lassen, gemeinsam machen, vereinigen. Gemeint ist damit also der wechselseitige Austausch von Gedanken in Sprache, Schrift oder Bild. Und genau dafür wird das Smartphone verwendet. Von der analogen Generation, die den neuen Medien mitunter skeptisch gegenübersteht, sowie von der digitalen Generation, die diese Skepsis nicht nachvollziehen kann. Es wird mehr als jemals zuvor kommuniziert und dennoch wird das Ende der Kommunikation beklagt. Soziologin Keppler geht in ihrer wissenschaftlichen Arbeit diesen Phänomenen auf den Grund. „Die bisherigen Ergebnisse meiner Untersuchungen zeigen, dass sich das kommunikative Verhalten im Zuge der ständigen Verfügbarkeit digitaler Geräte nachhaltig verändert hat. Zugleich aber legen sie nahe, dass von einem zunehmenden Verfall der Gesprächskultur keine Rede sein kann.“

Handy und Co werden in das Gespräch integriert
Expertin Keppler: „Denn gerätegestützte und unmittelbar wechselseitige Kommunikation gehen immer häufiger Hand in Hand. Technische Kommunikationsmedien werden vielfach in die alltäglichen Formen des Gesprächs integriert, weswegen die beiläufige Verständigung ihre Bedeutung für die Erzeugung individueller wie gemeinschaftlicher Orientierungen keineswegs verloren hat.“ Was so viel heißt wie: Man versteht einander, man weiß, worum es geht, man bezieht sich aufeinander. Keppler: „Das Display von Smartphones wird zu einem Bestandteil der direkten personalen Interaktion. Es dient dabei der Gewinnung oder Aktualisierung von Informationen, aber auch dazu, gerade in mehr oder weniger öffentlichen Kontexten rein private oder anderweitig heikle Dinge in die Kommunikation einzubringen – Dinge, von denen man eben gerade nicht möchte, dass mögliche Mithörer oder Mitseher sie mitbekommen.“

Das Smartphone als Teil des Körpers
Bei der Jugend ist das Smartphone wie ein externes Organ, so selbstverständlich wie Herz & Co – was für die Älteren schwer nachvollziehbar ist. Dr. Dominik Batthyány, Psychotherapeut, Leiter des Instituts für Verhaltenssüchte und der Therapie- und Beratungsstelle für Mediensucht an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien: „Im Gegensatz zu jungen Leuten ist der Gebrauch bestimmter Applikationen, die für die Kommunikation gedacht sind, älteren Menschen manchmal schwer zugänglich. Viele können nicht wirklich nachvollziehen, was da gemacht wird. Ein Chat ist für sie nicht etwas, was ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht manchmal ersetzen könnte. Da kommt die analoge Generation der digitalen nur schwer hinterher.“
Heute kann man mehr oder weniger spekulieren, wie sehr sich die mediale Dauerpräsenz auf unser Wohlbefinden, unsere Gesundheit, unsere Intelligenz auswirkt – ob wir wirklich krank, dumm, faul und sozial unverträglich werden, wie des Öfteren behauptet wird. Oder aber, ob die Digitalisierung unseres Lebens der wichtigste Fortschritt der Menschheit in diesem Jahrtausend ist. In zehn, zwanzig, vielleicht auch erst in dreißig Jahren wird man wohl differenziertere Aussagen dazu machen können. 

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