„Nein, nein, ich will nicht !“ Das Trotzalter

Die Mutter nimmt ihrem Sohn ruhig, aber bestimmt die Zuckerln wieder weg. Martin beginnt lautstark zu protestieren und steigert sein Geschrei zu einem regelrechten Gebrüll. Die Blicke der umstehenden Kunden werden kritisch „Der braucht eine Tracht Prügel“ kommt als Erziehungsvorschlag. Was ist los mit Martin? Ist er ein besonders ungezogenes, oder ein verwöhntes Kind? Nein, Martin ist ein ganz normales Kind mitten im Trotzalter, und gerade dabei, einen wichtigen Entwicklungsschritt zu machen. Im dritten Lebensjahr – bei manchen Kindern setzt diese Phase auch schon früher ein – hat das Kind die Fähigkeit gewonnen, sich als Wesen mit eigenen Wünschen, Vorstellungen, kurz als Mensch mit eigenem Willen zu erfassen. Seinen Willen durchzusetzen und damit auch an Grenzen zu stoßen, Entscheidungen zu treffen, und sich damit aber auch festzulegen, diese Fähigkeiten muss das Kind jetzt lernen. Und wie bei allen Lernschritten braucht das eine längere Zeit der Übung. „Ich“ und „Nein“ gehören zu den am häufigsten verwendeten Worten dieses Alters. Durch sein „Nein“ schafft das Kind einen entscheidenden Schritt in der Ablösung von den Eltern und damit in Richtung Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Die Fähigkeit, sich entscheiden zu können, wollen zu können, überfordert die Kinder aber noch. Schon die Frage, ob es zum Frühstück Milch oder Kakao haben will, kann für das Kind unüberwindliche Probleme aufwerfen und in Gebrüll enden. Die Tatsache, dass dem Wollen Grenzen gesetzt sind, dass jede Entscheidung auch Verzicht auf die anderen Möglichkeiten bedeutet, macht dem Kind zu schaffen und versetzt es in große Spannung. Auch für Eltern ist diese Phase eine schwierige. Wir alle bewundern willensstarke, durchsetzungsfähige Erwachsene. Kinder wünschen wir uns aber leicht lenkbar, gefügig und damit willensschwach.

Nachgeben – oder nicht?
Die meisten Kinder im Trotzalter verunsichern die Eltern in ihrem bisherigen Erziehungskonzept. Ist es richtig, dem Willen des Kindes nachzugeben? Verliert man dadurch Autorität? Will das Kind uns durch sein Toben tyrannisieren?

Kinder setzen ihre Trotzanfälle zumeist nicht gezielt ein, sie werden von ihren Gefühlen wie Ärger, Zorn und Verzweiflung regelrecht überflutet. Es ist deshalb nicht notwendig, auch nicht sinnvoll, mit Kindern dieser Entwicklungsphase Machtkämpfe auszutragen. Kinder brauchen im Trotzalter keine Gegner, sondern Eltern, die ihnen helfen, diese schwierige Entwicklungsphase zu durchlaufen. Das soll aber nicht heißen, dass sie dem Kind in dieser Zeit immer nachgeben, nur um einen Anfall zu vermeiden.

Gerade in dieser Phase der Verunsicherung will das Kind auch Grenzen gesetzt bekommen, an denen es seine Entscheidungsfähigkeit testen kann.

Wie geht man nun mit einem Kind um, das gerade einen Trotzanfall hat? Kinder sind in ihrem Anfall in einem Ausnahmezustand und kaum in der Lage, ihre Umwelt richtig wahrzunehmen. Es ist deshalb völlig wirkungslos, auf das Kind mit „vernünftigen“ Argumenten einzureden. Sie sollten das tobende Kind nicht allein lassen oder aus dem Zimmer schicken. Auch Schimpfen und Schlagen sind in dieser Situation unangebracht, sie verschlimmern die Lage nur. Bleiben Sie bei Ihrem Kind und signalisieren Sie ihm, dass Sie mit ihm gemeinsam in aller Ruhe das Ende des Trotzanfalls abwarten.

Das Kind soll in dieser Phase erleben: ich darf etwas wollen und werde, egal, ob mein Bestreben von den Eltern erlaubt wird, durchführbar ist oder nicht, trotzdem geliebt. Und ich werde von meinen Eltern als Person akzeptiert, auch wenn ich Gefühle wie Zorn, Wut und Aggression zeige. So gesehen ist es ein Vertrauensbeweis, wenn Ihr Kind trotzt. Denn nur ein Kind, das sich geliebt fühlt, wagt es, vehement zu widersprechen. Es gibt allerdings auch Kinder, die so viele Freiheiten und Möglichkeiten haben, die Umwelt zu erobern, dass sie sich ihre Selbständigkeit kaum ertrotzen müssen.

Nach dem dritten Geburtstag lernen die meisten Kinder, ihre Gefühle zu kontrollieren und ihre Bestrebungen den Möglichkeiten anzupassen.

Autor: Mag. Annemarie Kumer, Psychologin

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