„Na dann wehr’ dich halt!“ Jugendliche als Opfer Gleichaltriger

Teenager verbringen viel Zeit mit anderen Jugendlichen. Eltern oder Lehrer wissen oft sehr wenig über die Vorgänge in der Peergroup (Gruppe der Gleichaltrigen) Bescheid, da sie den Großteil dieser Zeit unter sich sind und kaum etwas von ihren Erlebnissen preisgeben. Durch die fehlende Leitung von Erwachsenen bilden sich Jugendgruppen mit eigenen sozialen Normen, wobei das Gesetz des Stärkeren oft einen entscheidenden Stellenwert einnimmt.

Erzählen Jugendliche, dass sie beschimpft oder geschlagen wurden, kann nicht automatisch von einer Viktimisierung (Opferwerdung) ausgegangen werden, d.h. dass es sich tatsächlich um Opfer einer Gewaltanwendung handelt. Streitereien und Rangeleien unter Gleichstarken sind üblich und sollten bei einer günstigen Entwicklung der sozialen Fähigkeiten von gewaltfreien Wegen der Konfliktbewältigung abgelöst werden. Kommt es jedoch über einen längeren Zeitraum hinweg wiederholt zu absichtlichen körperlichen oder seelischen Verletzungen gegenüber einer schwächeren Person, die sich nicht angemessen wehren kann und unter diesem Zustand leidet, bezeichnet man dies als Bullying, Mobbing oder Viktimisierung. Die Schule aber auch Wohn- und Parkanlagen stellen die häufigsten Orte solcher Gewaltbeziehungen dar.

Gewalt als Ergebnis mehrerer Faktoren

Um zu verstehen wie es zu Gewalt gegen einen Schwächeren kommt, ist die Betrachtung sowohl der Täter- und Opferseite als auch der sozialen Rahmenbedingungen notwendig.

Der körperliche Gewaltanwender zeichnet sich oft durch die Kombination von physischer Stärke und einem geringen Selbstwertgefühl aus. Wenn Kinder schon früh in der Entwicklung erkennen, dass körperliche Durchsetzungskraft recht schnell zum Erfolg führt und von den Erwachsenen keine gewaltfreien Alternativen vorgezeigt werden, kann sich ein solches Verhalten verfestigen und bis ins Jugendlichenalter andauern. Während Burschen meist drohen oder schlagen, bedienen sich Mädchen eher der Verleumdung, Beschimpfung oder setzen unwahre Gerüchte zum Schaden der Betroffenen in Umlauf. Das Erleben von Macht entschädigt die Angreifer für das Gefühl, anders keine Beachtung zu finden. Sie holen sich auf diese Weise Anerkennung und Erfolg, welche ihnen sonst von den Erwachsenen versagt bleiben. Die Täter lassen ein schlechtes Gewissen gar nicht aufkommen, indem sie die Tat bagatellisieren oder dem Opfer die Schuld für eine schlechte Behandlung zuschieben, z.B. „Der hat mich genervt!“ „Die Streberin hat das verdient!“.

Auf der Opferseite unterscheidet man zwei Typen: Bei ängstlich-unsicheren Jugendlichen befürchten die Aggressoren keine nennenswerte Gegenwehr oder Konsequenzen und haben dementsprechend das Gefühl gefahrlos den anderen verletzen zu können. Der aggressiv-provokante Opfertyp gerät aufgrund mangelnder sozialer Fähigkeiten immer wieder mit anderen in Konflikt. Er versucht durch Sekkierereien Aufmerksamkeit zu erhalten, worauf der belästigte Täter in ungerechtfertigt starkem Ausmaß Gegengewalt ausübt.

Gezielte absichtliche Gewalt hat oft ihre gesellschaftlichen Wurzeln im sozialen und ökonomischen Umfeld der Jugendlichen. So ist das Risiko in armen oder vernachlässigenden Familien an Langeweile und fehlenden Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung zu leiden, viel höher. Die Eintönigkeit des Alltags und Perspektivlosigkeit mit etwas Abwechslung und Nervenkitzel in Form von Gewaltanwendung erträglicher erscheinen zu lassen, ist dann naheliegend. Im Schulbereich kann aggressives Schülerverhalten mit Leistungsdruck, wenig Mitbestimmungsrecht und einem geringen Engagement der Lehrer in Zusammenhang stehen.

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