Mutproben im Jugendalter

Der Weg dorthin ist ein ständiges Überwinden von vorgegebenen Grenzen. Körperliche Ertüchtigung, soziale Kompetenz, Initiative und Willensleistung, Belastbarkeit, Zähigkeit, Trotz und Beharrung, Leidensfähigkeit und Resistenz werden zunehmend erworben.

Wie geht diese Weiterentwicklung vor sich?
Sicher ist sie nicht „etwas, das sich von alleine ergibt.“ Nein, ganz im Gegenteil. Laufend überwindet der heranwachsende Mensch Grenzen, die ihm gegeben sind, weil er es will, weil er mutig genug geworden ist für Neues sowie stark genug auch neue Risken und Belastungen auf sich zu nehmen. Das Wollen und der Mut zum Risiko sind also zwei (von vielen wichtigen) Motoren für Kraft- und Kompetenzzuwachs, für neues Verhalten, neue soziale Rollen, neues Selbstbewusstsein und -vertrauen.

Benötigen Kinder und Jugendliche nicht eine große Portion Mut, um den Herausforderungen des Lebens zu begegnen? Ob sie nun gehen oder laufen lernen, sich zeitweise von Mutter und Vater trennen können, Grenzen überwinden oder manchmal sogar Verbote überschreiten – es erfordert häufig auch Mut. Sich selbst auf die Probe zu stellen, also eine Mutprobe abzulegen, ist für Jugendliche häufig sehr wichtig.

Mutproben finden wir auch in den Mythen, Märchen und Legenden. Zauberwälder, Gebirge, tiefe Täler, Ungeheuer, Wüsten, reißende Ströme, verhexte Schlösser, Dornenhecken und jede Menge gefährlicher Gestalten werden zu Herausforderungen für die Helden. Bewährungs- und Mutproben sind auf dem Wege zu einem neuen geordneten, vielleicht glücklichen Leben zu bestehen.

Viele alte und naturnahe Gesellschaften und Kulturen hatten diese Mutproben ritualisiert und als Initiationsriten tradiert. Diese wurden meist an der Schwelle vom Kind zum Erwachsenen vorgesehen. Es ging um das Erdulden von Schmerz (Tattoos, Schmucknarben, Zähne feilen), manchmal um das Überstehen von Gefahren (ausgesetzt werden, alleine in der Wildnis überleben) oder um Bewährungsproben (ein Wildtier erlegen, sich einem Kampf stellen). Die jungen Männer wurden auf die Probe gestellt, ihr Anerkanntsein als Erwachsener war nach bestandener Prüfung der Lohn.

In unserer Gesellschaft sind diese Bewährungsproben weitgehend abhanden gekommen oder sie sind zu Ersatzhandlungen verkommen. Mut kann beim Leistungs-, Kampf- und Extremsport bewiesen werden, die Privatrennen mit PS-starken Motoren oder die Zerstörung von öffentlichem Eigentum gehören eher zu den weniger sozial erwünschten Mutproben. Gesellschaftliche Riten, die den Weg vom Kind zum Erwachsenen verdeutlichen, sind verloren gegangen.

Selbsterprobungen bringen neue Selbsterfahrung, Selbstentwicklung und Selbstbewusstsein. Sie bilden die Grundlagen für eine neue Rollenfindung des Jugendlichen in der Gesellschaft. Junge Menschen auf dem Wege zur Selbstfindung brauchen Herausforderungen. In Gruppen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen kommt es oftmals zu negativen Verhaltensweisen: Pflastersteine von Autobahnbrücken schmeißen, auf dem Dach von U-Bahnzügen mitfahren, Spiele mit dem Tod, die ersten Kontakte mit Heroin oder riskante Manöver als Geisterfahrer sind solche Auswüchse, die häufig in die Straffälligkeit führen.

Während Kulturen mit Initiationsriten vom Kind zum Erwachsenen diese Phase sehr kurz gestalten (von wenigen Tagen bis wenigen Monaten), sind die Jugendlichen in Europa aufgrund der langen Ausbildungszeit über einen wesentlich längeren Zeitraum in dieser Phase. Sie setzen sich ganz bewusst der Gefahr aus und tun dies in dieser Epoche weitgehend unbegleitet. Es ist daher notwendig, dass Erwachsene mit sozialem Respekt diesen – für die meisten Jugendlichen von Selbstzweifeln geprägten – Entwicklungsabschnitt begleiten.

Autor: Dr. Gerald Kastner, Klinischer- und Gesundheitspsychologe

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