Mountainbike statt Hamsterrad

Es ist wieder nur eine Kleinigkeit, die Silvia in die Luft gehen lässt: „Mama, du hast vergessen, im Mitteilungsheft zu unterschreiben“, ruft ihr Sohn ihr beim Heimkommen zu. „Wieso muss eigentlich immer ich an alles denken? Du kannst deine Sachen doch selbst in Ordnung halten“, fährt Silvia ihn an. Schon im nächsten Moment bereut sie es. Clemens, der gerade noch gut gelaunt war, schaut sie traurig an. „Warum bist du immer so genervt, Mama?“ In letzter Zeit hat er sich sehr gewissenhaft um seine Sachen gekümmert. Hat ans Turnsackerl gedacht, an die Flöte, und sogar an das Geld für die Klassenkassa. Silvia hätte das alles übersehen. „Ich bin eine schlechte Mutter“, denkt sie und möchte am liebsten weinen.

„So geht das nicht weiter“, sagt sie abends am Telefon zu ihrer Mutter. „Ich verzichte doch schon auf alles, was mir Spaß macht. Trotzdem ist nie genug Zeit für die viele Arbeit. Weder im Büro noch daheim! Und den Stress lasse ich an Clemens aus.“

Silvias Mutter meint: „Gerade weil du auf alles verzichtest, bist du in diesem Teufelskreis. Vielleicht sehe ich das von außen klarer. Früher hast du angerufen und begeistert von Konzertbesuchen und vom Salsa-Kurs erzählt. Seit ein paar Wochen klingst du nur mehr abgehetzt. Wenn du überhaupt anrufst …“

Silvia nähert sich dem Burnout. Gerade Alleinerziehende tappen leichter in die Überforderungsfalle. Sie wollen alles perfekt erledigen und verlieren dabei die Grenzen des Machbaren aus den Augen.

Silvia kann den Kurs noch ändern. Dazu ist es nötig, Entscheidungen zu treffen: „Das kann ich machen“ und „Das geht sich nicht aus.“ Sobald sie wieder Nein sagen kann, wird sie auch Zeit finden für „Das will ich machen“ – für Hobbies, Freunde und Nichtstun.

Silvias Mutter nimmt Clemens für ein paar Tage zu sich. Silvia muss ihr versprechen, diese Zeit für eine Bestandsaufnahme zu nutzen. Sie nimmt sich vor, nachzudenken, was ihr im Leben wirklich wichtig ist. Wenn sie es allein nicht schafft, möchte sie einen Experten zu Rate ziehen. Jedenfalls will sie nicht, dass Clemens ihretwegen traurig ist.

Jemand, der Silvia gut verstehen würde, ist Roland. Von Montag bis Freitag beruflich engagiert, an den Wochenenden entweder für seine beiden Kinder oder für seine pflegebedürftige Mutter im Einsatz. Bis vor wenigen Monaten lief Roland pausenlos auf Hochtouren. Eines Tages bestellte seine 9-jährige Tochter in der Pizzeria „für Papa nur einen Energydrink, der braucht kein Essen“. Am selben Tag hatte ihn ein Kollege gehänselt: „Wir stellen bald eine eigene Kaffeemaschine nur für dich auf.“ Roland sah ein, dass sein Körper das auf Dauer nicht durchstehen würde. Schritt für Schritt schaffte er es, sein Leben umzustellen.

Inzwischen geht er früher ins Bett, isst nicht mehr vorm Computer, delegiert Arbeiten und reserviert ein Wochenende im Monat für sich und sein Hobby Mountainbiken. Wenn die Kinder zu Besuch sind, gönnt er sich Pausen. Da darf auch einmal ein altersgerechter Film auf DVD als Babysitter herhalten. Das Ergebnis: Roland fühlt sich wohler, er hat abgenommen, und Bekannte fragen ihn, ob er auf Urlaub war.

Tipps

  • Planen Sie von Anfang an kurze Zeiten für sich persönlich ein, wo sich Ihr Kind selbst beschäftigen muss. So kann sich eine gute Gewohnheit entwickeln.
  • Suchen Sie Entspannungsmöglichkeiten, die auch dann funktionieren, wenn das Kind im selben Raum ist.
  • Nützen Sie Ausgleichsmöglichkeiten, die Sie und Ihr Kind mögen.
  • Leisten Sie sich Babysitter und Kinderbetreuung auch für persönliche Auszeiten.
  • Kurze Erholungszeiten am Tag verbessern die Regeneration in der Nacht. Machen Sie kleine Pausen am Arbeitsplatz und in der Familie.
  • Eine Pause von 10 bis 20 Minuten zwischen Dienstschluss und Abholen des Kindes bringt Ihnen einen wichtigen Erholungseffekt und belastet das Kind nicht.
  • Nützen Sie die Besuchszeit des Kindes beim getrennt lebenden Elternteil nicht nur zum Erledigen notwendiger Dinge, sondern auch zur Entspannung.
  • Als Faustregel für die Fernsehdauer gilt: Drei- und vierjährige Kinder sollen maximal 35 Minuten, fünf- und sechsjährige Kinder maximal eine Stunde, sieben- bis zehnjährige Kinder maximal 90 Minuten pro Tag fernsehen. Mindestens ein Tag pro Woche bei Schulkindern und zwei Tage pro Woche bei Kindergartenkindern ist fernsehfrei.

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