„Meine Freunde suche ich mir selber aus!“

Jugendliche überschätzen ihre Freiheiten und sehen sich, was die Erfüllung ihrer Wünsche (Lustprinzip) betrifft erwachsener, als sie tatsächlich sind. Dies betrifft nicht nur das biologische Alter, sondern auch die psychische Reife. Im Freier-sein-wollen negieren Pubertierende nämlich die Pflichterfüllung und Verantwortlichkeit, die das Erwachsensein kennzeichnen. Diese Egozentrik begünstigt und erzeugt Konflikte mit Eltern, Lehrern und „ErzieherInnen“. Pubertierende, die gehäuft auf ihre Pflichten hingewiesen werden müssen, beginnen diese „unliebsamen“ und „uncoolen“ Personen in dem Maß abzuwerten, in dem sie sich selbst abgewertet fühlen.

Warum die Freunde „sooo“ wichtig sind
Verständnis dafür finden sie natürlich, wie könnte es anders sein, bei Gleichgesinnten – also bei anderen, die sich in ähnlichen Situationen befinden – in ihrem Freundeskreis. Es entstehen neue Freundschaften entweder mit Gleichaltrigen, die beraten, bemitleiden und Aussprache, Ratschläge sowie Hilfe anbieten oder mit Mädchen und Burschen, die etwas älter sind und attraktiv erscheinen, also aus der Sicht Ihres Kindes mehr dürfen und sozusagen weniger eingeengt sind: „echt coole“ Typen. Diese entsprechen häufig nicht den Vorstellungen, die Eltern von Freunden haben. Wenn Jugendliche nicht nur länger weg bleiben dürfen, sich tätowieren oder piercen lassen, sondern auch unerwünschte halblegale oder illegale Aktionen ausführen (Alkoholkonsum, Drogenkonsum, Zeitungskassen knacken, Ladendiebstähle etc.), fällt es den meisten Eltern schwer tolerant zu bleiben. Eltern wollen ihre Kinder aus der Gefahrenzone bringen und raten von solchen Freunden ab.

Was tun außer Verbieten oder Verzweifeln?
Verbote und Grenzsetzungen zeigen aber kaum Erfolge, am ehestens hilft ein offenes Gespräch, in dem positive und negative Auswirkungen eines bestimmten Verhaltens diskutiert werden können.

Eltern sollten sich niemals die Gesprächsbasis zu ihren Kindern verbauen. Der Verlust der Vertrauensbasis führt zur Verheimlichung und zur Isolation.

Auch ExpertInnen sehen in der Beeinflussung Jugendlicher durch „falsche Freunde“ eine Gefährdung. In Fällen, in denen es belastbare emotionale Beziehungen zu den Eltern und somit einen emotionalen Rückhalt und eine adäquate Vertrauensbasis gibt, wird diese Beeinflussungsgefahr erheblich reduziert. Jugendliche, die ihren Eltern auch Negatives erzählen können, haben eine solche Vertrauensbasis. Eltern müssen vorsichtig sein diese nicht durch „Überreaktionen“ zu zerstören. Sie sollten versuchen nicht mit Verboten und Abwertungen zu reagieren, sondern sachliche Argumente und Alternativen aufzuzeigen und erwünschte Aktivitäten zu fördern.

Was wollen die „Kids“ eigentlich?
Pubertierende befinden sich in einer Identitätskrise und suchen nach Orientierungshilfe und Identifikationsmodellen, d.h. sie suchen Personen, denen sie nacheifern und die sie nachahmen können. Da sie im Begriff sind sich von den Eltern abzulösen, scheiden diese vorerst als Identifikationsfiguren aus. Häufig werden Stars (SängerInnen und SchauspielerInnen) angehimmelt und imitiert. Aber auch Freunde werden hierzu herangezogen, insbesonders das Nachahmen bestimmter Gesten, Redewendungen oder Äußerlichkeiten fällt auf. Die vermehrte Beschäftigung mit sich selbst behindert die soziale Kompetenz. Freundschaften verlaufen oft oberflächlich über Äußerlichkeiten (Kleidung, Frisur etc.) und werden in Gruppen ausgeübt. Dabei steht die Zugehörigkeit im Vordergrund. Diese wird nicht nur durch Uniformierung (bestimmte Kleidung, bestimmte Markenartikel etc.), sondern auch durch Verhaltensweisen in Form von „Prüfungen“ – so genannten Mutproben – demonstriert. Der mangelnde Selbstwert erfährt dadurch Aufwertung (je extremer das Äußere oder die Mutprobe, desto größer ist die Aufwertung).

In der Phase der Ablösung von den Eltern werden Freunde zu einer unabdingbaren Notwendigkeit. Ein Pubertierender benötigt sie zur Aussprache, als Vertraute, Geheimnisträger, als verbündete GefährtInnen, als Identifikationsfiguren und zur Orientierungshilfe. Jugendliche haben eine Fülle von Freundschaften, was völlig altersadäquat ist. Eltern müssen nicht alle Freunde ihrer Kinder persönlich kennen, je mehr sie jedoch über diese wissen, desto besser können sie die Einflussnahme auf ihr Kind einschätzen.

Es gibt aber auch Jugendliche, die sich von der Außenwelt abschirmen und sich zurückziehen. Sie brauchen in der Regel verständnisvolle Unterstützung. Viele von ihnen befinden sich in einer psychischen Überforderungssituation, aus der sie nicht ohne fremde Hilfe herausfinden. Eine psychologische Beratung kann in solchen Fällen zur Problemlösung beitragen.

Autor: Dr. Renate Sachs, Klinische- und Gesundheitspsychologin

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