„Meine Freunde sind nicht von hier!“

Bei der Ablösung der Kinder von den Eltern sind die Gleichaltrigen, speziell die Freunde, von großer Bedeutung, weil diese Beziehungen Anstöße zur kognitiven Entwicklung geben. Sie sind ein Übungsfeld für soziale Verhaltensweisen, dienen zur Orientierung im Umgang mit den Altersgenossen, tragen zu einem realistischen Selbstbild bei und vermitteln Orientierungshilfen im Bezug auf Gleichheit, Wechselseitigkeit und Fairness.

Die Freunde der Kinder und die Maßstäbe der Eltern
Eltern mögen Freunde, die grüßen, sich die Füße abtreten und „anständig“ reden. Kinder gehen bei der Wahl ihrer Freunde aber häufig nach ganz anderen Kriterien vor. Da ist gerade das Neue und Fremde interessant oder eben auch Freunde zu haben, die in der Gruppe der Gleichaltrigen eine Vorreiterstellung haben. Freunde sind für jüngere Kinder offenbar alle Kinder, die nett zu ihnen sind. Mit steigendem Alter nimmt die Zahl der Freunde zunächst ab. Die Acht-, Zehn- und insbesondere die Zwölfjährigen nennen in der Regel nur noch wenige beste FreundInnen.

Ähnlich oder verschieden?
In dem Sprichwort „Gleich und gleich gesellt sich gern“ kommt offenbar zum Ausdruck, dass sich Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen hinsichtlich Alter, Interessenslagen und Einstellungen positiv auf Freundschaftsbeziehungen auswirken. Der Aspekt der Ergänzung tritt dabei aber eher in den Hintergrund. Wachsen Kinder in einer multikulturellen sozialen Umwelt auf, können sie dadurch auch Freundschaften mit Kindern aus anderen Kulturkreisen und Religionen schließen. Sie werden nicht nur viele neue Erfahrungen machen, sondern zu verstehen beginnen, was es heißt, Toleranz zu üben. Freunde sind Ergänzung und Gegenpart, weil dies eine produktive Spannung ergibt, die zur Erweiterung der Identität und zur Entwicklung einer vorurteilsfreien Persönlichkeit beiträgt.

Gefährliche Freunde
Immer wieder befürchten Eltern, dass schlechte Freunde ihr Kind negativ beeinflussen könnten. Wieso sind es eigentlich immer die anderen, die einen schlechten Einfluss auf Ihr Kind haben könnten und nicht auch Ihr Kind? Sie sitzen hier einem psychologischen Mechanismus auf. Da Sie Ihren Nachwuchs lieb haben, seine liebenswerten Eigenschaften kennen, sind Sie geneigt, mit den weniger liebenswerten nachsichtig und entschuldigend umzugehen. Sie müssen aber davon ausgehen, dass andere Eltern das genau so einseitig sehen. Gerade Eltern aus einem anderen Kulturkreis oder Angehörige anderer Religionsgemeinschaften reagieren oft sehr gekränkt, wenn es um die Bewertung ihrer Kinder geht.

Versuchen Sie die FreundInnen Ihres Kindes zu akzeptieren
Zeigen Sie Interesse für andere Sitten und Gebräuche fremder Länder und diskutieren Sie mit Ihren Kindern darüber. Vermeiden Sie jegliche Etikettierung! Sagen Sie nicht: „Die sind …“ Das ist schwer nachvollziehbar und reizt Ihr Kind dazu eine Verteidigungshaltung einzunehmen. Versuchen Sie zunächst einmal die Freunde Ihres Kindes kennen zu lernen und bilden Sie sich erst dann ein Urteil. Wenn Sie Interesse zeigen und sich mit Ihrem Kind über seine Freunde unterhalten, werden Sie auch nachempfinden können, warum es diese oder jenen mag oder weniger mag. Äußern Sie dabei auch Positives, Ihre gelegentlich kritischen Äußerungen werden dadurch eher gehört, als wenn Sie ständig nur negative Bewertungen vornehmen.

Misstrauen gegenüber Fremden ist so alt wie die Menschheit selbst
Misstrauen lässt sich sehr schnell in Vertrauen verwandeln, wenn man den anderen kennt. Von Natur aus ist kein Kind fremdenfeindlich, sondern ganz im Gegenteil, Kinder sind neugierig und wollen über die anderen Lebensgewohnheiten und Sitten mehr erfahren. Es sind oft erst die Vorurteile der Erwachsenen, die Kinder dazu ermutigen ein dunkelhäutiges Kind in der Klasse als „Neger“ zu beschimpfen oder „Tschuschen“ zu verachten. Sich kennen lernen, miteinander reden, zusammen lachen, feststellen, dass es viele Ähnlichkeiten gibt und von einander lernen sind die Grundvoraussetzungen für ein friedliches Miteinander.

„Meine Freunde sind nicht von hier, aber ich mag sie sehr!“
Petra geht in eine internationale Schule und hat viele ausländische Freunde, ganz nebenbei und selbstverständlich hat sie ihre Freunde aus den verschiedensten Ländern gefunden und auch zu sich nach Hause eingeladen. Was Petra dadurch gelernt hat? Nun, sie weiß, was man in Kenia isst, welche Feiertage den Moslems heilig sind, was Chanukka bedeutet und warum Selina ein Kopftuch trägt. Ansonsten streitet sie mit ihren FreundInnen, versöhnt sich wieder und teilt Ihre Geheimnisse mit Ihnen. Alles ganz so als wären es österreichische Kinder. Die Achtung vor dem anderen ist für sie eine Selbstverständlichkeit geworden, über die sie nicht einmal mehr nachdenken muss.

Eltern vermitteln Werthaltungen
Wenn Sie Fremdenhass und Ausgrenzung verhindern wollen, sollten Sie nicht nach dem Sündenbockprinzip vorgehen und Ausländern die Schuld für ungelöste Probleme geben. Sie haben eine Vorbildwirkung auf ihre Kinder. Jeder Mensch ist einzigartig und etwas Besonderes, egal ob er hier oder woanders geboren wurde.

Vermitteln Sie Ihren Kindern, dass Vielfalt etwas Schönes ist. Sie gibt uns die Chance voneinander zu lernen und uns auf diese Weise zu ergänzen und zu bereichern. Jeder Mensch verdient Achtung und niemand hat das Recht andere Menschen zu demütigen. Wer andere achtet, zeigt auch Achtung vor sich selbst.

Autor: Dr. Belinda Mikosz, Klinische- und Gesundheitspsychologin

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