Mein Leben mit Hoden- und Knochenkrebs

Blickt Alexander Greiner, 39 Jahre, aus Wien, zurück, ist es auch für ihn selbst noch immer schwierig zu glauben, wie sehr sich das Leben innerhalb kürzester Zeit verändern kann. Wie sehr man sich selbst verändern kann. Als „emotionale Achterbahnfahrt zwischen Hoffen, Warten und Gewissheit“ beschreibt er das Erlebte, als „steinig, teilweise sehr steil“ seinen Krankheitsweg. Dabei beschreiben ihn Freunde und Familie Greiner als „fröhlich, charmant, lustig, ausgeglichen, ruhig und achtsam“. Mutig und zielstrebig könnte man noch hinzufügen. Sport war immer schon ein wichtiger Teil seines Lebens, erzählt er, Klettern und Radfahren standen mehrmals wöchentlich, wenn nicht gar täglich auf dem Programm. Auch wenn er „immer schon Verhaltensweisen eines Hypochonders zeigte“, hat er sich über ernsthafte Krankheiten niemals Gedanken gemacht, war kerngesund. „Krankenhäuser kannte ich nur als Besucher. In meiner Welt fühlte ich mich unsterblich. Ich dachte, dass ich mich eher bei einem meiner Hobbys schwer verletzen und daran sterben würde als an einer todbringenden Krankheit.“ Mit seiner damaligen Freundin teilte er einen starken Kinderwunsch, geklappt hat es nicht, das Spermiogramm war nicht zufriedenstellend. Irgendwann hat’s angefangen, beim Wasserlassen zu brennen, seine Hodengröße war laut ärztlichem Befund grenzwertig (was, wie Greiner lächelnd zugibt, ihn nur männlicher fühlen ließ). Im Juli 2015 dann plötzlich die beunruhigende Entdeckung: Der rechte Hoden war viel dicker als der linke. Die Diagnose war schnell gestellt: Krebs, der Hoden musste entfernt werden. Ein Schock, ja, aber: Da keine Metastasen gefunden wurden, sah Greiner keinen Grund zur weiteren Sorge. „Ich genoss das Leben.“ Auf eine einmalige Chemotherapie verzichtete er.

Schlummernde Sterblichkeit
Weil sich Greiner damals in einer beruflichen Umbruchphase befand und sich als selbstständiger Sensoriktrainer in der Kaffeebranche verwirklichen wollte, widmete er sich direkt nach der OP exzessiv Weiterbildungen. Sport betrieb er weiterhin im gleichen Ausmaß. Sogar seinen leiblichen Vater machte er während dieser Zeit ausfindig. „Zu einem nicht geringen Teil habe ich sicher auch verdrängt, von einer schweren Krankheit betroffen zu sein, da sie nach der Operation überstanden schien“, reflektiert Greiner. „Ich hatte die überhebliche Haltung, ich bliebe krebsfrei. Und es war wohl kaum die Angst vor dem Tod, sondern eher die Angst vor der Beschäftigung damit und vor der Erkenntnis, dass wir endlich sind.“ Ein Jahr nach der Hodenentfernung „trafen mich während des Urlaubs schlagartig gewaltige Schmerzen in der rechten Schulter. Es fuhr ein Stich durch meinen Körper, als hätte mich eine Stricknadel knapp unter dem Schlüsselbein durchbohrt.“ Im Rahmen der Krebs-Nachsorgeuntersuchungen stiegen die Tumormarker rapide an, auch die Schmerzen wurden in den folgenden Monaten immer schlimmer, die Beweglichkeit des Arms zunehmend eingeschränkt. „Ich wollte mir den Arm am liebsten ausreißen, damit das Pochen aufhörte.“ Monate später die sowohl schockierende als auch überraschende Diagnose: Der Hodenkrebs hatte doch gestreut, nach der Operation hatte die Erkrankung „nur geschlummert“. Ein aggressiver Tumor hatte sich im Oberarmknochen gebildet, dessen Ende bereits komplett aufgefressen war.

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