Manche mögen’s kalt

Sie stärkt das Immunsystem, steigert das Wohlgefühl und soll sogar Körperfett zum Schmelzen bringen: Kälte ist ein Fixbestandteil von vielen Wellnessbehandlungen – und sorgt im Sommer für willkommene Erfrischung.

Schon Goethe wusste: Ein Eisbad ist für den Körper ein wahres Gedicht. Der deutsche Poet und Naturforscher begab sich im Winter gern an den zugefrorenen Fluss, hackte ein Badeloch hinein und stieg in das klirrend kalte Nass. Neu war diese Idee auch zu seiner Zeit nicht: Von den alten Germanen sagt man, sie hätten ihre Neugeborenen in eisiges Wasser getaucht, um sie abzuhärten, und auch Karl der Große soll ein leidenschaftlicher Eisschwimmer gewesen sein. Ende des 19. Jahrhunderts erklärte schließlich der bayerische Priester Sebastian Kneipp das Kaltwasserbaden endgültig zur Tugend. Er entwickelte ein Konzept mit Wechselbädern und kalten Güssen, das mittlerweile als „Kneipp-Kur“ weltweit bekannt ist – und das unter anderem bei orthopädischen Erkrankungen, gegen Kopfschmerzen und zur Stärkung der Abwehrkräfte eingesetzt wird. Die Wirkung auf das Immunsystem ist ein Grund, warum Kaltwasseranwendungen heute ein großes Comeback feiern – aber keineswegs der einzige. Seit der niederländische Extremsportler Wim Hof eine trendige Abhärtungs-Methode entwickelt hat, die auf einer speziellen Atemtechnik und einem frostigen Baderitual basiert, wagen sich immer mehr Menschen in Gewässer, deren Temperaturen sie früher abgeschreckt hätten. Wim Hof selbst hält es beinahe zwei Stunden im Eisbad aus – Ungeübten keinesfalls zur Nachahmung empfohlen. Seine Fans steigen früher wieder ins Warme, schwärmen aber davon, dass sie seltener krank werden als früher. Zusätzlich berichten sie über positive Ergebnisse für Haut und Psyche. So sollen die Eisbäder die mentale Power stärken, gegen Cellulite helfen und sogar als Verjüngungskur taugen.

Ab in den Eisbrunnen! 

Abkühlung findet man hierzulande auch im Sommer: Nicht nur Gebirgsbäche locken mit dauerfrischen Temperaturen, auch die Wellnessbereiche von Spas und Hotels bieten immer häufiger gesunde Kältebehandlungen an. So wird etwa mit kühlenden Packungen und Cold Stone Massagen die Elastizität der Haut und der Gefäße erhöht, während man nebenbei noch der Hitze ein Schnippchen schlägt. In Kältekammern mit bis zu minus 150 Grad Celsius, die auch im Sommer zumeist mit Handschuhen, Ohrenschutz und festen Schuhen betreten werden, steigern Sportler ihre körperliche Leistungsfähigkeit. Gleichzeitig sollen Schlafstörungen, Schmerzen und depressive Verstimmungen vertrieben und das Hautbild verbessert werden. Zuhause wird manchmal das Badezimmer in eine Cooldown-Zone verwandelt: Laufsportbegeisterte legen sich nach harten Trainingseinheiten in die mit Kaltwasser und Eiswürfeln gefüllte Wanne, um Muskelschmerzen vorzubeugen. Und nach der Sauna sind die kalte Dusche, der Eisbrunnen oder der Sprung ins Kaltwasserbecken obligat.

Dem Körper kalt-warm geben 

Bei vielen Kälte-Therapien spielt der Wechsel zwischen hohen und niedrigen Temperaturen eine wichtige Rolle. Das Prinzip dahinter ist einfach: Wärme weitet die Gefäße, Kälte veranlasst sie dazu, sich zusammenziehen. Ein Auf und Ab der Temperatur wirkt daher wie ein Gefäßtraining. Der Körper lernt dabei, den Kaltreiz immer besser und schneller zu verarbeiten. Das Kreislaufsystem kommt auf Touren, man baut Stress schneller ab und wird weniger kälteempfindlich. Die Wirksamkeit von Kalt-Warm-Anwendungen ist mittlerweile wissenschaftlich bewiesen. Einer großen niederländischen Studie zufolge werden Menschen, die beim Duschen zum Abschluss das kalte Wasser aufdrehen, seltener krank. Die Versuchspersonen, die nach einer warmen Dusche noch für mindestens 30 Sekunden kalt nachduschen, hatten um 29% weniger Krankenstandstage als jene, die nur warm duschten. Ebenfalls erforscht ist der Effekt von kalten Umgebungstemperaturen auf die Schönheit. Wissenschaftler der MedUni Wien konnten feststellen, dass sie den Vitamin A-Spiegel ansteigen lassen. Dadurch kommt es zu einer Umwandlung von weißem in braunes Fettgewebe – und somit zu einem erhöhten Energieverbrauch. Diese „Fett-Transformation“ gilt als vielversprechender Ansatz für die Behandlung von Übergewicht. Kein Wunder also, dass „Snow Rooms“ sich immer größerer Beliebtheit erfreuen. Man findet sie in Wellnessressorts auch unter dem Namen „Schneesauna“ oder „Schneekabine“. Gemeint ist in jedem Fall ein Raum, der auf minus 5 bis minus 10 Grad gekühlt und jede Nacht „eingeschneit“ wird. Das Winter Wonderland, das auf diese Weise entsteht, befindet sich zumeist neben der Sauna – und sorgt für den passenden Abkühlungseffekt nach dem heißen Aufguss. Der Unterschied zu nassen Kälteanwendungen besteht darin, dass der Snow Room eine trockene Kälte bietet, die von vielen Menschen als angenehmer empfunden wird. Womöglich hätten auch Goethe, Karl der Große und Sebastian Kneipp daran ihre Freude gehabt.

KÜHL BLEIBEN
Fünf Tipps für den kleinen Kältereiz zwischendurch 
• Eine Oberschenkelmassage mit kaltem Gummiroller: Erfrischt an heißen Tagen und regt die Durchblutung an. 
• Eismasken: Sehen aus wie Schlafmasken und helfen gegen Augenringe. 
• Gekühlte Gesichtscremes: Wirken abschwellend und wohltuend. 
• Wechselduschen: Der Kalt-Warm-Klassiker pusht das Immunsystem. 
• Eiswürfel: Machen strahlend schöne Haut. Einfach damit abreiben!

COOL FÜR WEN?
Wer von Kälte-Behandlungen profitieren kann Tiefe Temperaturen kommen beispielsweise zur Abhärtung, aber auch bei Rheuma, Entzündungen und zur Gewichtsreduktion zum Einsatz. Vorsicht ist bei extremer Kälte geboten, wenn jemand unter starken Durchblutungsstörungen leidet. Auch bei Bluthochdruck sollte vorher ein Arzt konsultiert werden, weil die Werte durch starke Kaltreize manchmal noch weiter ansteigen. Ein wichtiges Kriterium ist die Wiedererwärmung: Der Körper sollte es schaffen, nach der Anwendung zügig wieder auf Normaltemperatur zu kommen.

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