Mama, Papa, der Simon hat schon wieder …

Gerade haben sie noch so nett miteinander gespielt, Nina und ihre beiden Freunde. Aber jetzt wird’s laut. Die Kinder kreischen, quietschen, schimpfen, schubsen und rangeln um das rote Spielzeugauto. Was sollen Sie als Erwachsener jetzt tun? Eingreifen, ihnen das Auto wegnehmen? Oder gleich die anderen Kinder nach Hause schicken?

Besser nicht. Beobachten Sie erst einmal: Sind die Kinder sehr aggressiv? Besteht Gefahr, dass sie sich verletzen oder das Kinderzimmer „zerlegen“? Wenn nicht, dann warten Sie ab und schauen Sie (unauffällig) zu, welche Lösung die Kinder finden.

Die Streithähne üben hier nämlich gerade für das Leben: Jeder hat ein Interesse, das mit dem der anderen nicht vereinbar ist. Also müssen sie einen Weg finden, ihre Wünsche miteinander abzustimmen. Eine Situation, die wir Erwachsenen jeden Tag – mehr oder weniger – routiniert mit den erlernten Konfliktstrategien abwickeln. Die Kinder lernen das gerade.

Es gibt verschiedene Formen, Konflikte auszutragen. Die einen flüchten, sie gehen dem Streit aus dem Weg. Sie lassen den anderen einfach stehen. Kinder flüchten oft in die Nähe einer Person, von der sie sich Schutz erwarten. Die Flucht ist eine sinnvolle Strategie, wenn man sich einer Situation noch nicht gewachsen fühlt oder wenn das Gegenüber zu mächtig ist.

Eine andere Möglichkeit, einen Konflikt auszutragen, ist der Kampf. Man will nicht nachgeben und ist bereit, für die Sache zu kämpfen. Man versucht herauszufinden, wer stärker ist. Die Wahl der Waffen reicht von den Fäusten bis zur „Wortgewalt“. Der Nachteil des Kampfes ist, dass meistens der Verlierer mit dem Sieger nichts mehr zu tun haben will und nur auf die Gelegenheit zur Rache wartet. Wenn ein Kind im Kampf feststellt, dass der andere stärker ist, so wird es, um größeren Schaden zu verhindern, nachgeben. Dieses Konfliktverhalten nennt sich Unterordnung. So kann das Kind noch Schlimmeres verhindern. Es kommt aber auch zu keiner Problemlösung. Die Person, die sich unterordnet, wird auf die nächste Gelegenheit warten, wo sich eine neue Chance zum Gewinnen ergibt. Die Zeit der Unterordnung kann sowohl zur „Aufrüstung“ für spätere Kämpfe oder zur Entwicklung von verbesserten Verhandlungsstrategien genützt werden. Im Alltag übersehen Eltern übrigens oft, wie häufig sich Kinder der Macht der Eltern unterordnen müssen – und sind dann über das Ausmaß der Rache erstaunt.

Das Delegieren ist ein Streitverhalten, das Kinder häufig einsetzen, wenn sie sich überfordert fühlen. Sie holen eine dritte Person zu Hilfe. Häufig wenden sie sich an Mama oder Papa mit dem Satz: „Der hat schon wieder …“ oder „Die tut immer …“ Dies ist ein Hilferuf und bedeutet: „Wir haben einen Konflikt und kommen alleine nicht weiter.“ Eltern haben nun einen wichtigen Einfluss auf den weiteren Streitverlauf. Wenn sie das Kind auffordern, sich doch selbst zu wehren, kann das Kind sich unterordnen, versuchen zu kämpfen oder zu flüchten. Treten sie als Polizisten auf, werden sie den Streit einfach stoppen. So verhinderen sie weitere Verletzungsgefahr, lösen jedoch kein Problem. Treten sie als Schiedsrichter auf, werden sie versuchen herauszufinden, wer Recht hat. Damit wird ein Kind im Kampf bestätigt und das andere zur Unterordnung verpflichtet. Schreiten sie als Vermittler ein, können sie den Kindern helfen, einen Kompromiss zu finden.

Die letzte Möglichkeit, einen Konflikt auszutragen, besteht in der Kompromisssuche. Bei einem Kompromiss geht es nicht mehr um die Suche nach richtig und falsch. Man bemüht sich das Problem zu erkennen und eine Lösung dafür zu finden. Dabei benötigen Kinder häufig Unterstützung. Bei der Kompromisslösung haben nämlich beide Seiten Platz. Es kann sich jedes Kind selbstbewusst einbringen und für seine Sache eintreten, es ist jedoch ebenso gefordert, auf den Streitpartner Rücksicht zu nehmen, seine Seite anzuhören und zu respektieren. Der Kompromiss ist dann die Möglichkeit, mit der beide Streitpartner leben können. Und übrigens: Nicht jeder Konflikt ist lösbar, und nicht jede Streiterei muss von den Eltern beachtet oder geschlichtet werden.

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