Lerne dich selbst zu lieben!

Ich bin ein Versager!“,  „Das verdiene ich gar nicht!“, „Alle sind gegen mich!“. Solche Stehsätze und Denkmuster sind etwas Tückisches. Über Jahrzehnte gehegt und gepflegt, tun sie uns nichts Gutes. Im Gegenteil, sie beeinflussen unser Selbstwertgefühl negativ. Sich selbst zu akzeptieren ist jedoch eine wesentliche Quelle von Zufriedenheit und Lebensglück. Deshalb hat Psychotherapeut und Bestsellerautor Heinz-Peter Röhr („Vom Glück, sich selbst zu lieben“) ein neues Buch geschrieben. In „Die Kunst, sich wertzuschätzen“ stellt er die von ihm entwickelte Methode der Selbstwertanalyse vor, die es ermöglicht, Denkmuster zu entdecken, die den Selbstwert untergraben, und diese durch eine innere Haltung von Selbstakzeptanz und Selbstwertschätzung zu ersetzen. GESÜNDER LEBEN sprach mit Röhr über Ängste, geheime Programme unseres Selbstwertgefühls und wie wir es schaffen, unser Denken dauerhaft zu ändern.

GESÜNDER LEBEN: Viele Menschen leiden an Depressionen und Ängsten. Leben wir in einer Angstgesellschaft?
Heinz-Peter Röhr: Unsere Welt wird komplizierter, der Leistungs- und Konkurrenzdruck nimmt zu, sodass immer mehr Menschen an den Rand ihrer Belastungsfähigkeit geraten. Im Hintergrund von Mobbing und Burn-out stehen immer auch Ängste. Selbst derjenige, der mobbt, leidet an Ängsten und versucht auf diese Weise beispielsweise, diese zu kaschieren bzw. „sich selbst zu retten“. Zu beobachten ist, dass die Gesellschaft egoistischer und narzisstischer wird. Der Einzelne dreht sich um die eigene Person, das „Wir“ tritt in den Hintergrund. Das Gegenteil von Angst ist Sicherheit, und die finden viele nicht mehr in sich selbst.    

GL: „Selbstsicherheit“ – Was ist das?
Röhr: Selbstsicher ist jemand, der sich seiner selbst sicher ist, der seine Stärken und Schwächen kennt, der andere nicht verletzen muss, der nicht perfekt sein muss, der eine gesunde Gelassenheit in sich trägt.

GL: Wie entwickelt sich das Selbstwertgefühl?
Röhr: Das Selbstwertgefühl entwickelt sich während der ersten sechs Lebensjahre. Jeder Mensch bringt zentrale Fragen mit auf die Welt. Die erste und wichtigste Frage lautet: „Bin ich willkommen?“ Ein Kind, das willkommen ist, wird anders berührt und versorgt als ein unerwünschtes. Hier wird die Basis für das Selbstwertgefühl gelegt: das Urvertrauen in die Welt, ein Gefühl des grundsätzlichen Willkommenseins. Die nächste wichtige Frage an die Eltern ist: „Genüge ich?“ Jedes Kind tut alles dafür, den Eltern zu genügen. Die frühe Erfahrung, den Eltern nicht zu genügen, wird häufig zu einem bleibenden Problem. Die dritte zentrale Frage heißt: „Werde ich mit genügend Liebe und Wärme versorgt?“ Sie hängt eng mit den beiden ersten Fragen zusammen.

GL: Sie sprechen von „Geheimen Programmen“ …
Röhr: Unter „Geheimen Programmen“ verstehe ich die negativen Programmierungen, die unser Selbstwertgefühl belasten und steuern. Immer wieder bestimmen sie unser Verhalten und verstärken sich auf diese Weise. Der Mensch ist kein Computer, aber das Selbstwertgefühl wird von inneren Programmen gesteuert. Zum Beispiel: Wer nicht willkommen war, trägt das Programm „Ich bin nicht willkommen“ in sich. fatalerweise wird er immer wieder selbst dafür sorgen, dass er nicht willkommen ist. Weitere geheime Programme lauten: „Ich bin ein Verlierer“, „Die Welt ist immer gegen mich“, „Ich bin nicht wichtig“, „Ich bin nicht satt geworden“, etc. Nur wer seine negativen Programme kennt, kann wirkungsvoll an seinem Selbstwertgefühl arbeiten.

GL: Und was sind die „Gegenprogramme“?
Röhr: Darunter verstehe ich die Verhaltensweisen, die Menschen zeigen, um die geheimen Programme auf direkte Weise zu löschen. Wer nicht willkommen ist, versucht unbewusst beispielsweise seine Daseinsberechtigung durch extreme Leistung zu erarbeiten, oder er versucht sich für andere zu opfern. Gegenprogramme lösen das Problem jedoch nur scheinbar. Die geheimen Programme bleiben weiterhin bestehen oder werden sogar verstärkt. Gegenprogramme haben die Eigenschaft, sich zu verselbstständigen, man kann nur schwer mit den entsprechenden Verhaltensweisen aufhören. Gegenprogramme sind: Perfektionismus; Leistung; Sucht nach Anerkennung; Anpassung; Trotz; Sich mit Essen trösten; Alkohol; Drogen etc. Von Gegenprogrammen sollte man abstinent werden, da sie schädlich für das Selbstwertgefühl sind.     

GL: Viele im Beruf erfolgreiche Menschen leiden unter Depressionen und Ängsten …
Röhr: Es ist ein Irrtum, dass Erfolg das Selbstwertgefühl verbessern kann, dies wird in der Leistungsgesellschaft lediglich suggeriert. Ein tragisches Beispiel ist Michael Jackson. Er konnte seinem Vater als Kind nicht genügen. Obwohl ihm Millionen zu Füßen lagen, wurde sein Selbstwertgefühl schlechter und seine Angst größer, da die frühen Programmierungen immer noch galten. Hinter einer exzessiven Leistungs- oder Schaffenswut steckt häufig das geheime Programm „Ich genüge nicht“, das bereits früh erworben wurde. So sehr derjenige sich auch anstrengt, es wird sich ohne neue Glaubenssätze nicht löschen lassen. Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung bieten nach außen meist ein perfektes, scheinbar sehr selbstsicheres und selbstverliebtes Bild. Trotzdem ist ihr Selbstwertgefühl gestört. Letztlich zählt nur die Zufriedenheit, die von innen kommt.

GL: Was wären denn „gute“ Glaubenssätze?
Röhr: Nur ein Mensch, der gut über sich denkt, kann gut sein. Schon Buddha wusste, dass der Mensch das ist, was er denkt, oder: was er von sich selbst glaubt. Wenn sich am Selbstwertgefühl etwas ändern soll, geht das nur über einen neuen Glauben. Das größte Problem dabei ist, dass viele Menschen nicht daran glauben können, dass sie Positives und Glück verdient haben. Gute Glaubenssätze wären z. B. „Ich bin wertvoll“, „Ich genüge mir“ oder „In mir ist alles, was ich brauche“.

GL: Die Art, wie man denkt bzw. was man über sich selbst denkt, hat man über Jahrzehnte eingelernt. Wie schafft man es, seine Art zu denken dauerhaft zu ändern?
Röhr: Es geht tatsächlich darum, dass die neuen Programme in Fleisch und Blut übergehen. Am Anfang ist es sinnvoll, diese immer wieder auch aufzuschreiben, da sie leicht wieder in Vergessenheit geraten. Insgesamt ist Veränderung ein Prozess, der unterschiedlich lange dauern kann. So ist es beispielsweise eine Kunst, im Hier und Jetzt zu leben, da man neue Programme nur in der momentanen Situation lebt. Manchmal ist dieser Prozess auch blockiert, etwa wenn Kränkungen und Verletzungen nicht verziehen werden können. Wenn man etwas reparieren will, sollte man verstanden haben, wie es funktioniert. Das gilt für ein Auto ebenso wie für das Selbstwertgefühl.

 

Infobox

Heinz-Peter Röhr    
Die Kunst, sich wertzuschätzen
Angst und Depression überwinden − Selbstsicherheit gewinnen.
Patmos Verlag, 200 Seiten, € 17,50

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