„Lass´ das, hör´ endlich auf!“ Erziehung – ein Balancakt zwischen Gewährenlassen und Verbieten

Im zweiten Lebensjahr entwickelt das Kind einen unbändigen Drang, die Welt zu erfassen. Die neu erworbene Mobilität – es kann laufen – ermöglicht ihm, sich aktiv all den interessanten Dingen seiner Umgebung zu nähern, sie im wahrsten Sinn des Wortes zu „begreifen“. Möglichst vielfältige Erfahrungen sammeln zu können, ist ein wesentliches Fundament für die geistige und auch körperliche Entwicklung des Kindes. Das Entdecken der Umwelt, das Erfassen von Zusammenhängen macht Kindern Spaß, es bringt ihnen aber auch Erfolgserlebnisse „Ich kann das“; dieses Gefühl gibt ihnen Sicherheit und Selbstvertrauen.

Diese neue Lebensphase des Kindes stellt auch neue Anforderungen an die Eltern. Es ist wichtig, dass Sie der Experimentierlust und Neugier des Kindes viel Raum geben, genauso notwendig ist es aber, dass Sie den Tatendrang Ihres Kindes immer wieder bremsen – ihm Grenzen setzen. Dies ist aus mehreren Gründen nötig; das Kind kann Gefahren noch nicht abschätzen, und braucht Ihr „Nein“ zu seiner Sicherheit. Wenn Sie, bevor das Kind mobil wird, die Wohnung kindersicher gestalten, ersparen Sie sich viele „Neins“ und damit auch viel Energie.
Das Kind muss erleben, dass Sie seinen Tatendrang in die richtigen Bahnen lenken. Nur so bringt es Mut auf, sich auf „Entdeckungsreise“ zu begeben.

Dem Kind Grenzen zu setzen ist aber auch dort angebracht, wo die Aktivitäten des Kindes Ihren Bedürfnissen entgegenstehen. Das Kind muss ja nicht nur Erfahrungen mit der dinglichen Welt machen, es muss auch die Regeln des menschlichen Zusammenlebens erlernen, und dazu gehört das Respektieren der Wünsche und Bestrebungen des Anderen.

Der Sinn der vielen Wiederholungen eines „Nein“

Der Umgang mit Kindern im zweiten Lebensjahr erfordert von den Eltern einen schwierigen Balanceakt zwischen dem Gewähren von Freiräumen und der Begrenzung und Steuerung der überschießenden Aktivitäten des Kindes. Wie aber gelingt es, das Kind dazu zu bringen, die Regeln des menschlichen Zusammenlebens zu akzeptieren? Warum muss man ein „Nein“ bei kleinen Kindern so oft wiederholen? Kinder lernen im zweiten Lebensjahr Wirkungszusammenhänge erkennen. Ein Ball rollt weg, wenn man ihn mit dem Fuß stößt, ein Stein bleibt aber liegen. Bevor ein Kind diese Zusammenhänge sicher erfasst hat, muss es noch viele Male ausprobieren können.

Noch viel mehr an wiederholbaren Erfahrungen braucht das Kind im sehr komplexen Bereich des menschlichen Zusammenlebens.

Für das Kind ist es keineswegs klar, dass ein „Nein“ der Mutter auch nach zehn Minuten oder gar am nächsten Tag noch gültig ist. Klarheit gewinnt es nur durch oftmaliges Ausprobieren. Dazu kommt, dass Kinder, vor allem am Anfang des zweiten Lebensjahres, noch völlig im Augenblick leben und ihre spontanen Impulse kaum steuern können.

Ihr Kind ist weder schwierig noch schwer erziehbar, wenn Sie ihm immer und immer wieder sagen müssen, dass die Blumenerde nicht am Wohnzimmerteppich verstreut werden darf und die Herdplatte heiß ist – Ihr Kind ist gerade in einem wichtigen Lernprozess; nämlich, die Gültigkeit von Regeln zu begreifen.

Bedenken Sie aber, dass Ihr Kind nicht zu viele Ge- und Verbote zur selben Zeit erfassen kann. Überlegen Sie deshalb, bevor Sie „Nein“ sagen, ob diese Begrenzung wirklich notwendig ist – zu viele Verbote und Beschränkungen des Kindes machen es ängstlich, inaktiv und mutlos. Überlegen Sie auch, ob Sie dem Kind nicht einen Bereich geben können, wo es seinen Tatendrang ausleben kann.

Ein Kind, das gerade das Bedürfnis hat, alle Laden Ihrer Wohnung zu erforschen, kann wahrscheinlich leichter akzeptieren, dass es nicht an die Bestecklade mit den scharfen Messern heran darf, wenn es zumindest das Fach mit den Kochtöpfen aus- und einräumen darf. Lange Erklärungen sind bei sehr jungen Kindern noch nicht notwendig, verwirren eher; allerdings sollten Sie sich beizeiten angewöhnen, dem Kind Ihre Beweggründe für ein Ge- oder Verbot nahe zu legen.

Gerade bei jüngeren Kindern ist oft recht wirkungsvoll, sie von einer störenden oder gefährlichen Aktivität abzubringen, indem man sie ablenkt. Wenn Ihr Kind also z. B. unbedingt vom Katzenfutter kosten will, machen Sie es auf ein gerade am Himmel sichtbares Flugzeug aufmerksam oder schlagen Sie ihm vor, mit Ihnen gemeinsam die Blumen am Balkon anzuschauen. Bleibt das Ablenkungsmanöver unwirksam, zeigen Sie dem Kind klar, dass Sie mit seiner Aktivität nicht einverstanden sind. Warten Sie damit keinesfalls lange zu, sondern unterbrechen Sie die Tätigkeit Ihres Kindes gleich. Es ist für das Kind verständlicher und auch Ihren Nerven zuträglicher, wenn Sie dem Kind z. B. die Fernbedienung für den Fernseher gleich aus der Hand nehmen, als das Kind erst zehn Minuten lang halbherzig und mit gemischten Gefühlen damit experimentieren zu lassen und letztlich für das Kind unerwartet heftig darauf zu reagieren, wenn die Fernbedienung die Neugier des Sprösslings nicht überstanden hat.

Wie wichtig ist Konsequenz in der Erziehung?

Wie schon oben ausgeführt, ist gerade für die Kinder im zweiten und dritten Lebensjahr eine der wesentlichsten Aufgaben, Zusammenhänge zu erfassen – auch die Zusammenhänge zwischen ihrem Tun und der Reaktion der Umwelt. Nur wenn diese Reaktionen vorhersehbar sind, immer wieder in ähnlicher Weise auftreten, kann das Kind daraus Regeln ableiten. Das heißt, Konsequenz ist ein wichtiger Faktor der Erziehung.

Nur wenn das Kind die Möglichkeit hat, klar zu erkennen, was Sie von ihm erwarten, was erwünscht und auch was verboten ist, kann es sich daran orientieren und gewinnt daraus Sicherheit.

Konsequenz in der Erziehung soll aber keinesfalls in Drill ausarten, soll kein starres Korsett sein, das keinen Freiraum lässt.

Erziehung wird dann am besten gelingen, wenn es den Eltern gelingt, liebevoll, aber bestimmt Grenzen zu setzen, den Kindern Verantwortung zu überlassen, sie in ihrer Persönlichkeit zu akzeptieren und verständnisvoll auf ihre jeweiligen Bedürfnisse einzugehen.

Witer zu Teil 2 „Welchen Stellenwert haben Lob und Strafe in der Erziehung?

Autor: Dr. Annemarie Kumer

Interessantes

- Advertisement -Jentschura

Empfehlungen