Kneipp dich FIT!

Storchengang in der Badewanne & Barfußgehen – die Kneipp’sche Gesundheitslehre feiert seit einiger Zeit ihr Comeback. Wie die jahrhundertealte Heilmethode des „Wasserdoktors“ heute angewendet wird. Und für wen sie geeignet ist. Von Antonia Wemer

Alles begann im 19. Jahrhundert im deutschen Städtchen Dillingen. Ein Theologiestudent, der an einer lebensbedrohlichen Lungenerkrankung litt, begab sich dort ans Donauufer, legte seine Kleider ab und stieg ins eiskalte Wasser. Ein Selbstmörder? Im Gegenteil. Dem Sohn einer Weberfamilie, der aus ärmlichen Verhältnissen stammte, war zufällig ein Buch in die Hände geraten, dass ihn auf die Idee gebracht hatte, sich in die kühlen Fluten zu wagen. Es trug den klingenden Namen „Unterricht von Krafft und Würckung des frischen Wassers in die Leiber der Menschen“ und sollte sein Leben verändern – und das vieler anderer Menschen auch. 

Nachdem der junge Mann den ersten Versuch in der Donau überlebte, badete er wöchentlich zwei- bis dreimal einige Augenblicke im Fluss, nahm zu Hause Halbbäder, übergoss sich mit Wasser – und wurde nach eigenen Angaben gesund. Die regelmäßigen Wasseranwendungen wurden zu einem Fixbestandteil seines Lebens, und als er 1850 einen Freiplatz am Georgianum in München erhielt, behandelte er dort heimlich seine Studienkollegen. Später, als Priester vertiefte er seine bisherigen Erkenntnisse zur Heilkraft von Wasser, half Tuberkulose- und Cholerakranken und soll sogar eine ganze Rinderherde vor der Maul- und Klauenseuche gerettet haben. Obwohl er mehrfach von Schulmedizinern und Apothekern verklagt wurde, setzte der „Wasser-Doktor“ seine Hydrotherapien fort und entwickelte schließlich ein ganzheitliches Gesundheitskonzept für Körper und Geist, das auch nach ihm benannt ist. Der Name des Mannes? Sebastian Kneipp. 

Wassertreten und kalte Güsse – das sind die beiden Dinge, die wohl den meisten Menschen als erstes in den Sinn kommen, wenn sie an eine Kneipp-Kur denken. Tatsächlich sind diese Anwendungen bis heute beliebte Bausteine der Therapie, die auf einem einfachen Wirkprinzip beruhen: der Reiz-Reaktion. Dabei sollen durch gezielte Reize die Selbstheilungskräfte aktiviert werden. In Heilbädern, die sich der Kneipp-Medizin verpflichtet fühlen, findet man eigens errichtete Anlagen in Form von Wassertretbecken, in denen in kaltem Wasser auf der Stelle geschritten wird. Dabei schreitet man im „Storchengang“, sprich: Ein Bein wird jeweils vollkommen aus dem Wasser heraus gezogen und die Fußspitze etwas nach unten gebeugt. Der gesunde Effekt der Übung: Der Kältereiz lässt die oberflächlichen Blutgefäße kontrahieren, dadurch soll der Kreislauf angeregt und die arterielle Durchblutung gefördert werden. 

Auch zur Vorbeugung von Krampfadern ist das Wassertreten beliebt, und abends durchgeführt soll es zu besserem Einschlafen verhelfen. Ist man kurz vor dem Zubettgehen nicht in der Nähe einer Kneippanlage, tut es auch ein kühler Bachlauf, ein seichtes Seeufer im Herbst oder sogar die eigene Badewanne. 

Kalte Güsse lassen sich leicht zu Hause machen: Der Wechselschenkelguss empfiehlt sich beispielsweise nicht nur gegen Einschlafstörungen, sondern auch gegen Krampfadern und Durchblutungsstörungen – und für alle, die ihren Kreislauf fit halten und ihr vegetatives Nervensystem stärken wollen. Man kann dazu ein Kneipp-Gießrohr oder einfach einen Brauseschlauch benutzen. Anfangs wird mit 36 bis 39 Grad warmem Wasser zuerst das rechte Bein langsam aufwärts vom Fußrücken bis zur Leiste begossen. Dort verweilt man, bis es sich richtig schön warm anfühlt und begießt anschließend die Innenseite des Beines langsam wieder abwärts. Nachdem man dem linken Bein dasselbe Vergnügen gegönnt hat, wiederholt man das Ganze mit kaltem Wasser – aber schneller. Dann folgt ein weiterer Warm-Guss, dann noch ein kalter und zu guter Letzt werden beide Fußsohlen kurz kalt übergossen. Nach der Anwendung sorgt Bewegung für Wiedererwärmung. 

Die Kneipp’sche Lehre umfasst freilich mehr als diese Klassiker. Sie verwendet Behandlungen aus den fünf Säulen der Naturheilkunde, deren Wurzeln bis in die Antike zurück reichen: Ordnung, Wasser, Bewegung, Ernährung und Heilkräuter. Das Ziel besteht darin, durch natürliche Behandlungen die körpereigenen Abwehrkräfte zu steigern, die Regulationsmechanismen zu trainieren, Fehlfunktionen zu beseitigen und einen gesunden Lebensstil zu fördern. Die Therapie erfolgt dabei durch Mediziner, denen nach Ausbildung von der österreichischen Ärztekammer das Diplom für Kneippmedizin verliehen wurde. 

Eine besonders intensive Behandlungsform ist die Kneipp-Kur in einem anerkannten Kneipp-Kurhaus. Sie dauert zwei bis vier Wochen und beinhaltet neben verschiedenen Wasseranwendungen – zu denen auch Waschungen, Wickel und Bäder zählen – diverse Kräuterbehandlungen sowie das Barfußlaufen im Schnee und andere Bewegungsformen, etwa Schwimmen, Wandern oder Radfahren. Auf ausgewogene Ernährung wird ebenfalls viel Augenmerk gelegt: hochwertige, möglichst naturbelassene Vollwert- und Basiskost wird dabei durch Tees und Säfte aus Heilpflanzen ergänzt. Darüber hinaus beinhaltet die Kneippkur eine „Ordnungstherapie“, bei der es darum geht, mit sich und seinem Leben ins Reine zu kommen und gesunde Strukturen zu schaffen: Ein gleichmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, regelmäßige Essenszeiten, die Regulierung des Stoffwechsels und die Stabilisierung der Psyche sind einige der Punkte, um die es sich dabei dreht. 

Damit die Wirkung einer solchen Kur lange anhält, wird empfohlen, auch bei den anschließenden Anwendungen zu Hause über Wechselgüsse und Wassertreten in der Badewanne hinaus zu denken. Die Kneipp’schen Ernährungs-Empfehlungen, sanfte Bewegung und einen geregelten Tagesablauf kann man auch langfristig in seinen Alltag integrieren – ebenso wie die wohltuende Wirkung von Heilkräutern. Kombiniert man das alles mit bekannten Entspannungs- und Stärkungstechniken wie Autogenem Training, Yoga, Qigong oder Atemtherapie, erhöht man seine Lebensfreude und kräftigt sein Immunsystem. Und ob man das Bad in der eiskalten Donau dann auch noch wagen möchte, kann man sich ja überlegen.

WEM TUT KNEIPPEN GUT?

In die Kneipparztpraxis kommen häufig Menschen mit Infektanfälligkeit, Schlafproblemen, Übergewicht, Bluthochdruck oder Schmerzen im Bewegungsapparat. Ein Aufenthalt im Kneippkurhaus wird von der Österreichischen Gesellschaft für Kneippmedizin u.a. zur allgemeinen Erholung nach einer schweren Krankheit, Operation oder Krise, Burnout-Syndrom oder als Vorsorge für kommende Belastungen empfohlen. Für die meisten Menschen sind die Behandlungen gesund, in manchen Fällen – etwa bei Nierenerkrankungen, Kreislauferkrankungen oder Harnwegsinfektionen – ist Vorsicht geboten. Wenden Sie Kneipp-Anwendungen in jedem Fall nur nach Rücksprache mit dem Arzt an.

GUT ZU WISSEN

Was bei kalten Kneipp-Anwendungen zu beachten ist.
• Nur am warmen Körper vornehmen
• Je kälter das Wasser, desto kürzer die Anwendung
• Nach jeder Kaltanwendung für Wiedererwärmung sorgen
• Nach Waschungen, Wassertreten, Güssen und kalten Teilbädern werden nur stark behaarte Körperstellen abgetrocknet
• Eine Stunde vor oder nach den Mahlzeiten keine Wasseranwendung vornehmen. (Ausnahme: eine kleine Teilanwendung oder eine Leibauflage zur Verdauungsförderung)
• Vor jeder größeren Anwendung Blase und Darm entleeren
• Empfohlene Pausen zwischen den Anwendungen beachten
• Aktive Bereitschaft ist wichtig: Alle Kaltanwendungen ohne Zwang in positiver, konzentrierter und ruhiger Verfassung durchführen Quelle: kneipp.ch

WAS ZAHLT DIE KRANKENKASSE?

Die Kosten für komplementärmedizinische Behandlungen werden von den Krankenversicherungsträgern im Regelfall nicht und in wenigen Fällen nach chefärztlicher Bewilligung übernommen. Im Kur- und Rehabilitationsbereich ist für einzelne Leistungen eine zumindest teilweise Kostenübernahme vorgesehen. Es lohnt sich auf jeden Fall, beim zuständigen Krankenversicherungs- bzw. Kostenträger nachzufragen. Quelle: gesundheit.gv.at

KNEIPP ADRESSEN

Der Österreichische Kneippbund mit rund 200 Aktiv-Clubs kneippbund.at 

Kneippanlagen in den einzelnen Bundesländern 

de.wikipedia.org/wiki/Liste_öffentlicher_Kneipp-Anlagen_in_Österreich 

Weitere Informationen über das Kneippen 

kneippmedizin.at

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