Gendermedizin „Mehr als nur ein kleiner Unterschied“

Die Gendermedizin erforscht die biologischen und psychosozialen Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Wir haben mit einer Expertin über einige interessante Ergebnisse, darunter auch zu COVID-19, gesprochen.

Körper von Frauen und Männern „ticken“ nicht immer gleich. Das zeigt sich im Moment am Beispiel von COVID-19 sehr gut: Weibliche Geschlechtshormone dürften Frauen vor schweren Verläufen schützen. Aber auch bei anderen Erkrankungen und Organfunktionen gibt es große Unterschiede.
Lange Zeit stand „er“ im Mittelpunkt der medizinischen Forschung: In Studien wurden nämlich hauptsächlich Männer eingeschlossen, in Publikationen das Geschlecht oft nicht einmal erwähnt, geschweige denn, dass Daten gezielt danach aufgeschlüsselt wurden. „Gendermedizin“ kam noch in den 1990er-Jahren nicht im Medizinstudium vor, der Begriff war damals niemandem in Österreich geläufig. Alles in allem hatte das unter anderem zur Folge, dass sich die Leitlinien, nach denen Ärzte arbeiteten und zum Teil noch immer handeln müssen, ausschließlich auf „ihn“ bezogen. Dabei wäre es wichtig, Risikofaktoren, Abläufe, aber auch Diagnose und Medikation abhängig vom jeweiligen Geschlecht zu betrachten.
Seit einigen Jahren gibt es nun auch Untersuchungen, welche Frauen nicht mehr außen vor lassen. Außerdem hat sich eine eigene Gender Medicine Unit an der MedUni Wien etabliert, die sich mit den Unterschieden zwischen Männern und Frauen befasst. Deren engagierte Leiterin ist Univ.-Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer, die uns von einigen spannenden Studien und Ergebnissen berichtet:
Im Moment beschäftigen sich weltweit viele Ärzte mit SARS-CoV-2 („Coronavirus“) und der dadurch ausgelösten Erkrankung COVID-19. Insgesamt betrachtet leiden etwas mehr Frauen als Männer daran – wahrscheinlich deshalb, weil Frauen häufiger exponiert in Gesundheitsberufen und der Altenpflege arbeiten. Einen frappanten Unterschied gibt es aber hinsichtlich der Ausprägung des Leidens: „Männer haben ein viel höheres Risiko, schwer zu erkranken, liegen häufiger auf der Intensivstation und sterben eher daran als Frauen“, erzählt die Gender-Expertin. Ein Grund dafür dürften die Östrogene (weibliche Geschlechtshormone) sein, die eine gewisse Schutzwirkung ausüben, Frauen haben zudem ein besseres Immunsystem. Eine brandaktuelle internationale Studie, in die auch Österreich eingeschlossen war, beweist auch, dass der Lebensstil eine Rolle spielt, ob man erkrankt oder nicht: Während Männer eher risikoreich leben, halten Frauen das Virus für gefährlicher, sind daher vorsichtiger und beachten eher Regeln. „Männer, daran könnt ihr leicht etwas ändern“, macht Prof. Kautzky-Willer allen Herren Mut.
Hinsichtlich der Impfung gibt es naturgemäß erst Studien zu Kurzzeiteffekten: Anaphylaktische Reaktionen (starke allergische Reaktionen) unmittelbar nach dem „Jaukerl“ traten bislang eher bei Frauen auf als bei Männern, berichtet die Ärztin. Langzeiteffekte müssen noch erfasst und in weiterer Folge analysiert werden.
Treiben Sie gerne Sport? Denken Sie, dass sie mehr Erfolg verzeichnen können, wenn Sie unter Ihresgleichen bleiben? Also Männer unter Männern und Frauen unter Frauen (sofern es im Moment das eben erwähnte Coronavirus überhaupt zulässt). Dann liegen Sie richtig. Studien haben nämlich bewiesen, dass Bewegungsprogramme am erfolgreichsten sind, wenn nur ein Geschlecht miteinander trainiert. Männer sprechen demnach vor allem auf Fußball-basierte Programme an und lassen sich im Zuge dessen sogar auf Themen wie kochen und gesunde Ernährung ein. Abnehmen und gesünder werden, klappt auf diese Weise leichter. Frauen bewegen sich mehr, wenn sie sich ebenfalls nur unter Geschlechtsgenossinnen befinden: „Wahrscheinlich fühlen sie sich unter anderen Frauen nicht von der Leistung überfordert, die sie erbringen sollen. Außerdem scheinen sie sich für Fettpölsterchen nicht zu genieren, wenn keine Flirtobjekte in Sichtweite sind“, vermutet die Expertin.
Nun aber wieder zu Unterschieden bei Erkrankungen, wie etwa der Herzschwäche: Der sogenannte Auswurf aus dem Herzen ist bei Frauen im Gegensatz zu Männern oft nicht beeinträchtigt, aber die Füllung der Herzhöhlen mit Blut. Damen entwickeln daher eher ein „steifes“ Herz als Männer. Die Erkrankung ist außerdem bei „ihr“ schwieriger zu behandeln.
Apropos Herz: Frauen leiden öfter an „gebrochenem Herzen“. Das sogenannte Broken-Heart-Syndrom, zu Deutsch „Gebrochenes-Herz-Syndrom“, ist eine plötzlich auftretende Funktionsstörung der linken Herzkammer, die in vielen Fällen durch starken Stress oder Freude ausgelöst wird. „Dabei stranguliert sich das Herz quasi selbst. Häufig sind neurologische bzw. psychische Erkrankungen daran beteiligt. Betroffen sind davon fast nur Frauen nach der Menopause“, erklärt Prof. Kautzky-Willer. Die Symptome gleichen denen eines Herzinfarkts: Engegefühl im Brustkorb („Elefant sitzt auf der Brust“), massive Atemnot, Brustschmerzen mit Ausstrahlung in den linken Arm oder Rücken, Schultern oder Unterkiefer.
Bluthochdruck haben Männer eher in jungen Jahren, Frauen hingegen verstärkt nach der Menopause. Stichwort: Östrogen-Effekt. Denn die weiblichen Geschlechtshormone senken bei Frauen bis zu den Wechseljahren den Blutdruck. Mit deren Beginn sinkt jedoch der Östrogengehalt, die Schutzfunktion verringert sich. Das Leiden wird bei „ihr“ noch dazu oft nicht erkannt, weil „sie“ in jungen Jahren meist niedrige Werte hatte – und davon ausgegangen wird, dass sich daran nichts geändert hat.
Spannend ist auch das Forschungsgebiet der Epigenetik (Entwicklung eines Lebewesens). Untersucht wird dabei etwa, wie sich das Verhalten der werdenden Mutter auf ihr Kind auswirkt. „Rauchen Schwangere, haben vor allem ihre Söhne ein höheres Risiko, an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) zu erkranken“, so Prof. Kautzky-Willer. Dabei handelt es sich um eine Störung der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung im Gehirn. Betroffene sind oft unaufmerksam, können sich schlecht konzentrieren und ihre Gefühle nur schwer kontrollieren. „Werdende Mütter mit starkem Übergewicht beeinflussen ihre weiblichen Nachkommen mehr als ihre männlichen: Mädchen werden später häufig ebenso übergewichtig und erkranken eher an Diabetes bzw. Schwangerschaftsdiabetes. Durch diese Programmierung im Mutterleib nimmt die Zahl an Diabetikern weltweit immer mehr zu“, ergänzt die Leiterin der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel, MedUni Wien. Aber natürlich spielt auch das Leben nach der Geburt (z. B. macht das Kind genügend Bewegung?) eine große Rolle.
Umgekehrt hat auch das Geschlecht des Ungeborenen Auswirkungen auf die Frau: Erwartet „sie“ einen Bub, entwickelt sie eher Schwangerschaftsdiabetes. Der Grund: Männliche Föten dämpfen die mütterliche Insulinausschüttung über die Plazenta („Mutterkuchen“).

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