Kinderrechte: Schutz, Versorgung, eigene Meinung

Der merkwürdige Zustand der 9-jährigen Ayşe in letzter Zeit fällt sowohl ihren Eltern als auch ihrer Lehrerin in der Schule auf. Die zart gebaute Ayşe isst kaum noch etwas, redet mit niemandem, verbringt die meiste Zeit in gedrückter Stimmung auf der Couch im Wohnzimmer oder zieht sich in ihr Zimmer zurück. Sie lässt die Fragen ihrer Mutterund ihrer Lehrerin unbeantwortet. Es ist offensichtlich, dass etwas Ayşe bedrückt, aber niemand weiß, was es ist. Eines Tages sieht die Lehrerin Ayşe umgeben von einigen älteren Kindern weinend in ihrer Tasche suchen. Als die Kinder sehen, dass die Lehrerin auf sie zukommt, verschwinden sie, Ayşe trocknet ihre Augen und tut so, als wäre nichts gewesen. Allerdings lässt die Lehrerin nicht locker und findet durch Gespräche mit Klassenkameraden von Ayşe heraus, was los ist: Seit einiger Zeit belästigt eine Gruppe von Kindern einer höheren Klasse Ayşe. Sie nehmen ihr in den Pausen das Taschengeld oder die Jause weg und drohen ihr, Schlimmeres anzustellen, falls sie es jemandem verrät. Ayşes Lehrerin benachrichtigt sofort ihre Eltern und organisiert eine Besprechung mit Eltern und Lehrpersonen der anderen Kinder. Ayşe ist eines der vielen Mobbing-Opfer, von denen in letzter Zeit auch in Medien öfters berichtet wird. Unter Mobbing versteht man nicht einfache Streitereien zwischen Schülern/ Schülerinnen oder körperliches Kräftemessen. Es geht dabei vielmehr um gezielte und wiederholte böswillige Handlungen, die eine Schädigung des Selbstwertgefühls und eine Ausgrenzung zum Ziel haben.

Neben Mobbing stellen psychologische und physische Gewalt, sexueller Missbrauch, Zwangsarbeit, Zwangsheirat oder Unterversorgung eines Kindes weitere Beispiele für Verstöße gegen Kinderrechte dar.

Die Konvention über die Rechte des Kindes wurde 1989 von den Vereinten Nationen beschlossen und von 193 Ländern unterschrieben. In Österreich sind die Kinderrechte in der Bundesverfassung verankert. Eltern und Kinder sollten daher über die Kinderrechte und die Ansprechstellen (z.B. Kinderschutzzentren) bei Verletzungen informiert sein.

Die wichtigsten Punkte:

  • Kinder haben das Recht auf ein gesundes Leben, auf die nötige ärztliche Hilfe und auf einen angemessenen Lebensstandard.
  • Kinder sind vor Gewalt, Missbrauch, Erniedrigung und Nötigung zu schützen.
  • Alle Kinder sind gleich. Kinder türkischer oder bosnischer Eltern haben dieselben Rechte wie Kinder österreichischer Eltern. Kein Kind darf aufgrund seiner Hautfarbe oder seines Geschlechts besser oder schlechter behandelt werden.
  • Kinder haben das Recht, ihre Meinung frei auszudrücken. Sie dürfen Vereine gründen und sich friedlich versammeln.
  • Jedes Kind hat ein Recht auf Privatsphäre. Z.B. darf niemand sein Tagebuch lesen.
  • Behinderte Kinder sollen dieselben Möglichkeiten und Angebote haben wie nicht behinderte Gleichaltrige.
  • Kinder haben ein Recht auf Bildung.
  • Kinder dürfen nicht ausgebeutet werden, z.B. durch Kinderarbeit.

Kinder, die über ihre Rechte Bescheid wissen, können sich bei Verstößen leichter ausdrücken.

Tipps für Eltern

  • Vermitteln Sie Ihrem Kind das Gefühl, dass es ein wichtiger Teil der Familie und der Gesellschaft ist.
  • Informieren Sie Ihr Kind über seine Rechte, indem Sie mit ihm darüber reden und ihm schriftliche Informationen geben, usw.
  • Zeigen Sie Ihrem Kind, dass Sie im Fall eines Verstoßes alles für sein Wohl unternehmen werden.

Was ist bei Mobbing (Bullying) zu tun?

  • Anzeichen sehen: Hinweise sind Angst, depressive Verstimmung, Schlafstörungen, morgendliches Erbrechen, Leistungsabfall, Rückzug aus Beziehungen, Minderwertigkeitsgefühle, chronische Schmerzen, Atemnotanfälle oder Essstörungen. Achten Sie auch auf zerrissene oder verschmutzte Kleidung und Schulmaterialien. Wenn Ihr Kind nie Freunde erwähnt oder nicht von der Schule erzählen möchte, kann ebenfalls Mobbing der Grund sein. Bagatellisieren Sie solche Anzeichen nicht, und tun Sie sie auch nicht ab mit Phrasen wie „Du musst dich halt wehren“.
  • Nachfragen: Was passiert, wie lange schon, wann und wo? Wer ist beteiligt? Wenn Ihr Kind nichts sagen will, können vielleicht Lehrer oder Lehrerin, Mitschüler/Mitschülerinnen, Freunde/Freudinnen oder andere Eltern Auskunft geben. Zu Beweiszwecken ist ein Mobbingtagebuch sinnvoll.
  • Selbstvertrauen aufbauen: Üben Sie mit Ihrem Kind selbstbewusstes Auftreten (Nein sagen, Kritik aushalten, Schlagfertigkeit). Auch Judo, Karate oder Selbstverteidigung stärken das Selbstvertrauen. Das Kind sollte auch außerhalb der Schule Beziehungen zu Gleichaltrigen pflegen und Hobbys nachgehen. Kontakt mit der Schule aufnehmen: Lehrkräfte werden sensibler für Mobbing und
  • Gewalt. Sollten Sie auf taube Ohren stoßen, wenden Sie sich an Schulpsychologen/ Schulpsychologinnen, Schularzt/Schulärztin oder Bezirksschulrat.

Service
Telefonberatung „Rat auf Draht“: 147
Literatur: „Die Rechte von Kindern und Jugendlichen“ (BMWFJ)
Weitere Informationen: www.kinderrechte.gv.at

Autor: Mag.a Katharina Ratheiser

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